Mega-Konsumgesellschaft – Wohlstand für alle?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts treten die hochentwickelten Volkswirtschaften in eine neue Phase der zivilisatorischen Entwicklung ein. In fast allen Sektoren der Wirtschaft manifestieren sich strukturelle Überangebote. Es wird mehr produziert als die einheimische Bevölkerung konsumieren kann und will. Eine quantitative Steigerung der Produktion für den Binnenmarkt wird tendenziell überflüssig.

Die Verfügbarkeit von Gütern entkoppelt sich zunehmend von der persönlichen Kaufkraft. Mit Blick auf die Jahrtausende vergangener Mangelgesellschaften, herrscht ein paradiesähnlicher Zustand – „gebratene Hähnchen und Berge aus Brei“[3] sind für alle verfügbar.

Einfache Industriegüter wie Waschmaschinen oder Kühlschränke sind in jedem Haushalt vorhanden. Marktnischen existieren kaum noch.

Neue Begriffe gesucht

Für die entstehende Wirtschaftsformation setzte sich noch keine allgemeingültige Bezeichnung durch. Es kursieren Begriffe wie Überschuss-, Mega-Produktion- bzw. Mega-Konsumgesellschaft. Ökonomen verwenden Charakteristika wie Angebotsüberhang, Käufermarkt oder „gesättigte Märkte“. Aber sie alle entstammen dem traditionellen Denken in Kategorien des Mangels und charakterisieren die neue ökonomische Situation sowie ihre fundamentalen gesellschaftlichen Folgen nur unzureichend.

In den Überfluss-Gesellschaften entwickeln sich neuartige Verhaltensweisen und Strukturen sowohl bei den Wirtschaftsakteuren – den privaten Haushalten, den Unternehmen – als auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Traditionelles Verhalten

„Vor der Industrialisierung besaßen die Menschen wenig.
Ein bisschen Kleidung; Bettwäsche, Kochgeschirr; ein paar einfache Möbel.
Es gab auch gar nicht viel, dass man besitzen konnte.“
Prof. Joanne Finkelstein (University Greenwich)[1]

In der Mega-Konsumgesellschaft dominieren andere Verhaltensweisen. Die neue Gesellschaft braucht aber noch lange, um sich umfassend durchzusetzen.

In Mangelgesellschaften dominierten einander ergänzende Verhaltensweisen, die heute zunehmend seltsam anmuten.

Vorratshaltung

In einer Mangelwirtschaft begegnen die Wirtschaftssubjekte den wiederkehrenden Phasen der Unterversorgung durch eine umfassende Vorratshaltung. Bis heute bei älteren Menschen beobachtbare Verhaltensmuster sind Allgemeingut:
– Haltbarmachung von Lebensmitteln (Einwecken, Räuchern, Trocknen);
– Aufbewahrung ausgemusterter Güter für eine spätere Verwendung oder Ausschlachtung (insb. Kleidung, Möbel, Bettwäsche, Geschirr und Werkzeuge);
– Hortung von Baumaterialen (Tapetenreste, Nägel / Schrauben, Holz, Gips / Zement, Farben / Lacke).

Schon beim geringsten Überschuss ging die Lagerhaltung einher mit der Schaffung von Stauräumen. Ausgebaute Keller und Dachböden, Speise- sowie Abstellkammern, abgehängte Decken, Schuppen und Garagen zeugten von dieser Notwendigkeit. Hinzu treten Möbel wie Kommoden, Bettkästen und Buffets zur Erweiterung der Lagermöglichkeiten.

Eigenerstellung und Reparaturen

Neben die Lagerhaltung fand eine umfassende Erzeugung von Warengruppen des täglichen Bedarfs statt. So hatte bis weit ins 20. Jahrhundert die Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln durch den Anbau von Nutzpflanzen (Kartoffeln, Obst und Gemüse) und die Haltung von Haustieren (v.a. Hühner und Kaninchen) zur Fleischgewinnung auch in Städten existenzielle Bedeutung. Dazu tritt die umfassende Verarbeitung von rohen Lebensmitteln zu höherwertigen Produkten wie Braten oder Kuchen.

Weitere Bereiche waren die Produktion und Reparatur einfacher Gebrauchsgüter von Arbeiten am Haus (Streichen / Tapezieren, Wasserinstallationen, Maurerarbeiten) über das Nähen / Stricken / Häkeln von Textilien aller Art bis hin zum Eigenbau von Möbeln.

Zusätzlich zur Eigenproduktion bemühten sich die privaten Haushalte die Lebensdauer von Gütern umfassend zu verlängern – „wertvolle“ Gegenstände werden selten genutzt (Sonntagsgeschirr/-Anzug, die „gute Stube“), Lebensmittel gestreckt (Schiebewurst, „Der edle Tropfen“, Eintöpfe) sowie Gebrauchsgüter repariert (Stopfen von Strümpfen, Möbelreparaturen).

Neues Verhalten in den gesättigten Märkten

Im Übergang zur Mega-Konsumgesellschaft geht die traditionelle Lagerhaltung deutlich zurück und schwindet die Eigenerstellung (fast) völlig. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Güter in den privaten Haushalten explosionsartig zu. Gegenwärtig verfügen selbst Haushalte mit niedrigem Einkommen über mehr als 1.000 Gegenstände. Die reale Nutzung wird selten und beschränkt sich auf einen Bruchteil davon.

„Konsum ist ein Phänomen der Moderne.
Sein Ziel ist die (…) Befriedigung des Verlangens nach dem Artikel.“
Prof. Joanne Finkelstein (University Greenwich)[1]

Damit erhält der Konsum in der Mega-Konsumgesellschaft eine andere Bedeutung. Ging es früher fast ausschließlich um die Versorgung mit lebensnotwendigen, stehen jetzt vielfältige Bedürfnisse hinter der Kaufentscheidung. Oft geht es sogar nur darum, überhaupt etwas zu kaufen bzw. in seinen Besitz zu bringen. Ob der Gegenstand rationale nutzbar ist, wird unwichtig. Es setzen sich neue Verhaltensweisen durch, die sich fundamental von denen der Mangelgesellschaften unterscheiden.

Wandel der Selbsterstellung

Auf dem Weg zur Entstehung der Mega-Konsumgesellschaft erfolgte die Umstellung der Selbsterstellung auf „Luxusgüter“. So bauen die Haushalte nicht mehr Kartoffeln und Bohnen an, sondern Erdbeeren und Johannisbeeren. Auch werden keine einfachen Kuchen mehr gebacken, sondern reich verzierte Thementorten. In den letzten Jahrzehnten geht aber auch dies zurück.

Die Eigenerzeugung hält sich lediglich als Hobby (Stricken, Weinherstellung, intensives Kochen) und wandelt damit seinen Charakter grundlegend. Es soll nicht gespart oder sonst unerreichbare Produkte verfügbar werden. Andere Motive stehen im Vordergrund: Freizeitgestaltung, Spaß, Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen, Image und Prestige.

Einstellung der Reparatur

Wann haben sie das letzte Mal ihre Socken gestopft? Die meisten Menschen können und brauchen es heute nicht mehr. Derartige Fähigkeiten gehen zurück. Nur noch bei entsprechenden Hobbies erfolgt eine Tradierung. Es lohnt sich schlicht nicht. Neue Gegenstände kosten meist deutlich weniger an Zeit und Ressourcen als die Reparatur.

Diese Entwicklung wird auch durch die Komplexität der Technik vorangetrieben. So konnte früher vieles an einem Autoselbst repariert werden. Heute scheitert man ohne Spezialwerkzeug schon am Austausch einer Glühbirne im Scheinwerfer.

Ende des Hortens

In der Übergangsphase war auch das Sammeln von seltenen und potenziell wertvollen Gegenständen wie Münzen, Briefmarken oder Sammeltassen weit verbreitet – eigentlich schon einen Leerlauf erlernter Verhaltensweisen. Die Bildung von Vorräten war für alltäglich Dinge kaum noch notwendig. Aber Viele wollten davon nicht lassen und lenkten die freie Energie auf „Luxusgegenstände“ bzw. „Wertanlagen“.

„Die typischen Käufer von Mokkatassen
gehen mittlerweile am Rollator
oder sind tot.“
Mauro Corradino[2]

In der Gegenwart schwinden auch diese Resttraditionen des Hortens. Ein Ausdruck dessen ist ein rabiater Preisverfall bei Antiquitäten – nur im scheinbaren Widerspruch zum derzeitigen Boom von Formaten wie „Bares für Rares“ oder „Der Trödeltrupp“. Die Auflösung der Lagerbestände sowie die schnelle Abfolge von Modewellen und technischer Neuerungen setzen riesige Mengen alter Güter frei. Der „Antiquitäten“-Markt wird förmlich überschwemmt. Das Überangebot drückt das Preisniveau in Richtung null.

So sind Teppiche, die noch in den 1980er Jahren mehr als 30.000 Mark kosteten, heute für weniger als 400 € zu haben. Gleiches gilt für Tassen im Biedermeier-Stil. In den 1990er Jahren noch mehr als 20 € pro Stück wert, gibt es heute für sehr gute Exemplare aus hochwertigen Manufakturen wie KPM oder Meißen vielleicht noch 5 €. Ganze Warengruppen sind gleich gar nicht mehr verkäuflich – wer will heute noch den Feinschliff aus Böhmen, bulgarisches Tongeschirr oder Kleidung und Federbett von Oma.[2]

„Die Freude am Sammeln ist in erster Linie nicht das Haben,
sondern das Finden.“

Jörg Graf Adelmann[2]

Gleichzeitig wird das Sammeln durch neue Techniken entwertet. Jeder kann sich heute über amazon komplette Sammlungen von Tassen, Spielfiguren, Eisenbahnen usw. zusammenklicken. Was ist die Herausforderung an einer Musiksammlung, wenn Spotify und Co. Millionen Musikstücke in ihren Datenbanken bereithalten?

Hinzu tritt das zunehmende Risiko von Fälschungen. Moderne Techniken ermöglichen täuschend echte Kopien fast jedes Produktes. Damit lohnen sich Sammlungen nicht mehr zur Wertanlage. Nur noch in sehr speziellen Bereichen oder als Ausdruck einer besonderen Persönlichkeit (die Grenze zum Spline ist fließend) sind Sammlung sinnvoll.

Reduzierung Besitz

Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Strömungen zu, die eine Reduzierung des Besitzes anstreben. Beispiele sind die Degrowth-, die Minimalismus- aber auch Aufräum-Bewegungen wie die derzeit gefeierte Marie Kondo. Der Überfluss an Besitz wird zunehmend als Belastung empfunden. Die Güter binden Zeit sowie Kapital und „verschmutzen“ die Umwelt. Die Lebensqualität lässt sich durch weitere Zukäufe nicht mehr erhöhen. Der Grenznutzen ist längst überschritten.

Dass Aufkommen von Verkaufs-, Gebrauchs-, Leasing und Tauschangeboten wie e-bay, amazon, airbnd, drive-now, rent-a-bike, Umsonst-Läden … stärken diese Einstellung. Sich von Eigentum zu trennen, und trotzdem über die notwendigen Produkte zu verfügen, ist so einfach wie nie zuvor. Nutzung dominiert Besitz.

Der Energieverbrauch Deutschlands liegt heute auf dem Niveau von 1970. Bei einer Verzehnfachung der Wirtschaftsleistung und einer Zunahme der Bevölkerung um fünf Prozent.

Konsum als Ausdruck der Persönlichkeit

„Konsumieren bedeutet Dinge zu erwerbe, die man eigentlich nicht braucht.
Die man aber haben muss, um sich vollwertig zu fühlen.
Ich kaufe, also bin ich.“
Sylvia Sagone (Historikerin)[1]

Alles scheint gefühlt jederzeit vorhanden. Die neue Herausforderung ist, aus dieser „unendlichen“ Vielfalt auszuwählen. Entsprechend sagt der Kauf eines Produktes zunehmend weniger über die Kaufkraft des Konsumenten, dafür umso mehr über seine Persönlichkeit aus. Was ist ihm wichtig im Leben? Welche Werte vertritt er? Zu welcher sozialen Gruppe gehört er? Was sind seine Hobbies?

Wie haben Sie ihre Wohnung eingerichtet: Spartanisch im Ikea-Style? Viele Bücheregale, voller intellektueller Klassiker? Mit großzügig präsentierten Souvenirs und Fotos von vielen Reisen? Mit wandgroßen 3D-Fernseher, inkl. diverser Spielekonsolen und 7.1 Heimkinosystem? Mit dekorativ angeordneten Edel-Platten und alten Filmplakaten? Mit einem Meer aus Pflanzen? Oder bevorzugen sie die in leuchtenden Rosa gehaltene Hello-Kitty-Sammlung mit selbstgemalten Lettering?

Selbst für ökonomisch prekäre Schichten ist das alles erschwinglich. Die Einrichtung der Wohnung hängt kaum noch am Geldbeutel – dafür umso mehr am Geschmack, den Lebensumständen, dem Bildungsgrad, den eigenen Interessen sowie der Peer-Group.

Die Unterscheidung zwischen Mittel- und Unterschicht misst sich immer weniger an der Quantität von Alltagsgegenständen. Entscheidend ist eher wie schnell der Ersatz erfolgt. Also ob man sich ein neues Wohnzimmer, Auto, Küche etc. alle drei, fünf oder zehn Jahre anschaffen kann. Der Besitz früher wichtiger Produkte wie Markenwaren und Statussymbolen wird tendenziell entwertet.

Bewahrung des alten Verhaltens

Aber in zwei sich überlappenden sozialen Gruppen überdauern die alten Verhaltensweisen. Einerseits behalten „kulturell Zurückgebliebene“ ihre Lebensweise bei. Vor allem alte Menschen und Migranten aus Armutsgesellschaften stellen sich noch nicht um. Die Gesellschaft entwickelt sich für diese Gruppen zu schnell. Sie werden kulturell abgehängt bzw. finden keinen Anschluss. Damit verstärken sich aber auch ihre ökonomischen Probleme, da die „alten“ Werte wie große Autos, Fleisch etc. überproportional im Preis steigen.

Andererseits behält dieses Verhalten einen rationalen Kern für ökonomisch prekäre Haushalte. Das betrifft neben den unteren auch Teile der Mittelschicht mit geringer (frei verfügbarer) Konsummasse – meist in Folge einer hohen Kinderzahl sowie übergroßen Autos und Immobilien. Mit der neoliberalen Zuspitzung seit den 1990er Jahren (Aufgabe der Unterschichten, Lohnspreizung, sozialer Absicherung nur auf Existenzniveau, überproportionaler Anstieg der Mietkosten…) wächst die Zahl der Betroffenen wieder.

Der Weg ins Paradies ist eben doch noch ein weiter.

Fußnoten

[1] Arte France; Telefrance; Essential Viewing (Hrsg.): Wünsche werden wahr – Die Entstehung des Kaufhauses; 2011.

[2] Wolf, Marius: Kann das weg?; WirtschaftsWoche 29/2018, S. 86f.

[3] Vgl. Sachs, Hans: Das Schlaraffenland; ca. 1530.

Quellen

Statistsiches Bundesamt (Hrsg.): Ausstattungen privater Haushalte mit ausgewählten Gebrauchsgütern; Fachserie 15 Reihe 2; November 2017.

Kunstwerk des Eintrages

Peter Brügel der Ältere (1525-1569) – Schlaraffenland
Lizenz: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Der flämische Maler Peter Brügel der Ältere orientiert sich in seinem Gemälde „Schlaraffenland“ am gleichnamigen Gedicht von Hans Sachs. Dabei übernahm er Motive des Gedichtes – das sich zum Verzehr anbietende Ei mit Löffel, das gebratene Schwein mit Besteck im Rücken, der See aus Milch und der Berg aus Brei.

Im Zentrum des Gemäldes stellt Brügel drei fette und phlegmatische Männer. Sie präsentieren die drei wichtigsten Stände der Gesellschaft: Den Ritter / Adel, den Bauern und den Klerus / Intelligenz. Aber ihre Arbeitsgeräte – Lanze, Dreschflegel und Bücher – liegen ungenutzt herum. Sie arbeiten nicht, sondern warten darauf, dass weiteres Essen und Trinken ihnen in den Mund fliegt.

Brügel als auch Sachs vertreten die bis heute verbreitete Position, dass eine Gesellschaft, in der es Essen und Konsumgüter im Überfluss gibt, kein Paradies ist. Ohne die Notwendigkeit ihren Unterhalt erarbeiten zu müssen, würden die Menschen faul und träge. Guido Westerwelles Äußerungen von der „Spätrömischen Dekadenz“ für zu hohe Hartz IV-Beträge entsprechen diesem Denken.

„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht,
lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.
An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“
Guido Westerwelle 2010

Diese über Jahrhunderte kultivierte Arbeits- und Verzichtsethik bildet eine der wesentlichen historischen Grundlagen für den derzeitigen Stand der Produktivkraft. Aber sie weißt zunehmend in die Vergangenheit. Für das 21. Jahrhundert müssen sich andere Wertesysteme durchsetzen. Die Mega-Produktionsgesellschaft bedeutet nicht den Weg in die Faulheit, sondern im Gegenteil, die Befreiung von unnützer Arbeit. Die Menschen erhalten die Freiheit sich ihren eigenen Interessen und Zielen zu widmen. Zu ihrem eigenen Wohle als auch das der Menschheit.

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