Miete – Soziale Frage unserer Zeit

„Was heißt das: Die Miete muss bezahlbar bleiben?
Wenn die Einen 7.000 € und die Anderen 1.500 € oder gar nichts im Monat verdienen
Was heißt das: Die Miete muss bezahlbar bleiben?
Wenn aus sozialen Abständen – asoziale Abstände geworden sind.“
Matthias Krauß (10.09.2019 Buchpräsentation: Die große Freiheit ist es nicht geworden: Was sich für Ostdeutsche seit der Wende verschlechtert hat)

Auf deutschen Bühnen wird derzeit das Kurzstück „Die Lage“ von Thomas Melle aufgeführt. Es behandelt die derzeitige Situation am Immobilienmarkt. Kernthese des Künstlers: „Die Miete ist die soziale Frage unserer Zeit.“ Eine Studie der Böckler-Stiftung bestätigen sein Empfinden. (Holm et al. 2021) „Vor allem in den Großstädten haben arme Haushalte kleinere Wohnungen und schlechteren Zugang zu modernisierten Wohnraum.“ (Ecke 2021)

Bei der Aufführung am Hans-Otto-Theater Potsdam fielen mir drei interessante Gedanken auf.

Erstens: Für umziehende Menschen geht es nicht nur um das sprichwörtliche Dach über dem Kopf, sondernvor allem um die Verwirklichung von Plänen und Wünsche. Das neue Zuhause ist zentrales Element eines angestrebten neuen Lebens. Selbstständig sein … Zusammenziehen um eine Familie zu gründen … der nächsten Karriere-Abschnitt … endlich Leben im Zentrum der Großstadt …

Steigenden Preise am Wohnungsmarkt schränken diese Hoffnungen immer weiter ein. Die Individuen denken immer kleiner und gehen immer mehr Kompromisse ein. Wo liegt die eigene Grenze? Bei welcher Anzahl und Größe der Zimmer? Muss Sonne in die Wohnung scheinen? Kann der Kinderwunsch nicht auch warten? Muss das Haustier wirklich mitziehen? … Oder zugespitzt im Theaterstück: Endlich mal keine Flachspülung in der Toilette haben und ständig seine eigene Scheiße ansehen müssen.

Exorbitante Preisniveaus erzwingen zu viele Kompromisse. Die Freiheit und Selbstverwirklichung predigende Gesellschaft teilt sich. Einige wenige leben ihren Traum. Die Meisten wohnen irgendwie und träumen immer bescheidener. Die Vorstellung von eigenem Immobilienbesitz wurde längst aufgegeben. (Zacharakis 2022) Zunehmend Mehr sind obdachlos und haben ausgeträumt.

Zweitens: Die steigenden Immobilienpreise schaffen eine zunehmende Asymmetrie zwischen Vermietern und Mietern zwischen Angebot und Nachfrage. Die Einen können immer abstrusere Forderungen stellen – Preis, soziale Auswahl, dargereichte Unterlagen, Verhalten in der Wohnung … Viele nutzen das aus. Sie lassen jeden ihre soziale Position spüren. Routiniert und kalt spulen sie ihr Programm ab. Mit eingeübten Phrasen werden eklatante Zumutungen überspielt. Der Markt – ein Synonym für zementierte Machtstrukturen – wird es schon regeln. Und sie sind dabei (hoffentlich) die Gewinner.

Die potentiellen Mieter unterwerfen sich. Bei der Besichtigung neuer Wohnungen putzen sie sich heraus, bringen schön gestaltete Mappen mit Kontoauszügen, Lebenslauf, Arbeitsverträgen, Bürgschaften … mit, heucheln stabile Beziehungen und Nicht-Raucher-Status vor, überreichen Geschenke an die Makler und unterwerfen sich grotesken Auswahlverfahren. (Bild 2018) Die ritualisierte Selbstunterwerfung ist Teil des Sterbens der Träume. Selbstverständlich verzichten die zukünftigen Mieter auch auf ihnen zustehende Verbraucherrechte und gehen auf Zumutungen wie Wucher-Staffelmieten ein.

Drittens: Mit den steigenden Preisen erhält die Oberschicht erheblichen politischen Einfluss über die Gestaltung der Gesellschaft. Sie besitzt einen wachsenden Anteil der Immobilien. Aber wer über was genau verfügt bleibt im Dunkeln. Der neue Kapitaladel versteckt sich hinter anonymen Kanzleien, Holdings oder Stiftungen – meist im Ausland angesiedelt. Ein Beispiel ist Pears-Familie. (Schönball 2019) Er ist schwierig sie zu greifen. Selbst die meisten Dienstleister wissen nicht für wen sie eigentlich arbeiten. Entsprechend entziehen sich die Besitzer der sozialen Verantwortung. Zumal sie jene, die die Konsequenzen ihren Entscheidungen tragen müssen, nie zu Gesicht bekommen.

Wohnungen sind Investitionsobjekte für die Einen und Lebensträume für die Anderen.

Literaturverzeichnis

bild.de (Hg.) (2018): Datenschutz bei der Wohnungssuche? Eine Katastrophe!

Ecke, Lisa (2021): Hohe Mieten bringen viele in Existenznot. In: neues deutschland, 04.08.2021 (180), S. 7.

Holm, Andrej; Regnault, Valentin; Sprengholz, Maximilian; Stephan, Meret (2021): Muster sozialer Ungleichheit der Wohnversorgung in deutschen Großstädten. Düsseldorf (Forschungsförderung Working Paper, 222).

Schönball, Ralf; Daniels, Justus von; Penke Michel (2019): Milliardärsfamilie kaufte Tausende Berliner Wohnungen. In: tagesspiegel.

Zacharakis, Zacharias (2022): Mehrheit hält Immobilienkauf für unerschwinglich. In: Die Zeit, 05.04.2022.

Kunstwerk des Eintrages

Honoré Daumier (1808 bis 1879) – Mieter und Vermieter: Die neue Wohnung
Lizenz: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

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