Auslandseinsätze der Bundeswehr

Beim Vergleich der deutschen Einsätze von 2007 und 2016 fallen sechs interessante Entwicklungen auf.

1. Schrumpfende Personelle Basis

Ihre höchste Personalstärke erreichte die Bundesweht von 1972 bis 1988. Damals umfasste sie etwas unter 500.000 Soldaten. Dazu kamen ca. 220.000 zivile Beschäftigte. Mit dem Ende der Systemkonfrontation und der Umsetzung der KSZE-Verträge bzw. des Zwei-plus-Vier-Vertrages sinkt der Personalbestand deutlich. Bis 1995 werden ca. 170.000 Soldaten entlassen. Dazu kommen noch einmal etwa 60.000 nicht übernommene Soldaten der NVA – ca. 20.000 setzen ihren Beruf in der Bundeswehr fort. Bis Mitte der 2000 Jahre sinkt die Anzahl kontinuierlich weiter. Erst dann erfolgt eine Stabilisierung bei ca. 250.000 Soldaten. Mit der Aufhebung bzw. offiziell „Aussetzung“ der Wehrpflicht ab 2011 sinkt der Bestand innerhalb eines Jahres um fast 40.000 auf 206.000. Dieser Abbau setzt sich dann kontinuierlich fort. Gegenwärtig dienen 178.000 Soldaten sowie 55.000 zivile Beschäftigte in der Bundeswehr.

Die in den Medien propagierte „personelle Wende“ soll zu einem maximalen Personalbestand an 195.000 Soldaten und 65.000 Zivilisten führen. Bei näherer Betrachtung ist es aber eher eine Umgruppierung innerhalb der Armee (Stichwort: Cyberkommando) und der Versuch irgendwie auf die eigentliche Soll-Zahl von 198.000 Soldaten und 60.000 Zivilisten zu kommen.

Personalstärke Bundeswehr 1959 - 2016

2. Personalreduzierung und Auslandseinsätze

Es entbehrt nicht einem gewissen Witz, dass der Beginn der Auslandseinsätze Anfang der 1990er Jahre mit der personellen Abschmelzung einhergeht. Bis in die 2000 Jahre konnte ein Großteil des Abbaus im Bereich der nicht mehr benötigten direkten Landesverteidigung, durch innere Effizienzgewinne und Auslagerung („Transformation“) realisiert werden. Die Fähigkeit zum Auslandseinsatz stieg gerade wegen dieses Personalabbaus. Auch die systematische Reduzierung des Wehrdienstes setzte zuerst Kapazitäten frei. Diese Effekte liefen in den 2000er Jahren aus. Spätestens die Reduzierungen seit 2010 schränken die Fähigkeit zum militärischen Engagement im Ausland deutlich ein. Die Anzahl der im Ausland eingesetzten Soldaten hat sich entsprechend seit 2007 ungefähr halbiert – von etwas über 7.500 auf ca. 3.300. Damit spiegelt sich der Personalrückgang der Bundeswehr auch in den Auslandseinsätzen wieder.

Einsatzkräfte Bundeswehr im Auslandseinsatz
Ursache ist vor allem die sinkende Bereitschaft der Bevölkerung und Teilen der (Wirtschafts-)Eliten den unproduktiven Kostgänger Militär zu finanzieren. In der alten Welt waren die über 700.000 Beschäftigte der Bundeswehr sowie die 400.000 West-Allierten Soldaten plus zivile Beschäftigte und Familienangehörige eine Wirtschaftskraft in sich.1 Allein die direkt in den Streitkräften Beschäftigten (Soldaten + zivile Angestellte) entsprachen in den 1980er Jahren einen Umfang von mindestens 4,5 Prozent der Erwerbstätigen. Zählt die direkte Rüstungsproduktion, Zulieferer und Versorger der Streitkräfte (Verpflegung, Bauwirtschaft…) sowie indirekte Arbeitsplatzeffekte hinzu, waren mindestens sechs Prozent der in Deutschland lebenden Erwerbstätigen durch den Militärsektor beschäftigt.2 Der Militärsektor war einer der größten Arbeitsgeber in West-Deutschland. Davon ist heute noch ein Bruchteil übrig. Die Abrüstung setzte eine Abwärtsspirale in Gang: weniger Geld – weniger Personal – weniger Relevanz – weniger Geld …

Militärausgaben Deutschland 1953 - 2015

3. Einsatz nur in der „strategischen Ellipse“

Trotz Personalreduktion haben sich die Schwerpunkte der Auslandseinsätze nicht verschoben. Fast alle im Ausland stationierten Soldaten operieren innerhalb der „strategischen Ellipse“. Nur die Gebiete in Russland lagen bisher nicht im Zugriff. Unter der „strategischen Ellipse“ versteht die Politikwissenschaft das Gebiet in denen die meisten weltweiten Energieressourcen, insbesondere Erdöl und Erdgas lagern. Zugespitzt, die Staaten welche dieses Gebiet kontrollieren können die globale Energieversorgung wesentlich beeinflussen. Sowohl durch die direkte Kontrolle der Förderanlagen als auch der Transportinfrastruktur.

Einsatzgebiete der Bundeswehr seit 1990

4. Keine Relevanz der Kräfte

Die im Ausland stationierten Kräfte reichen niemals aus um eine Lösung der Konflikte herbeizuführen oder auch nur einen substanzielle Beitrag dazu zu leisten. Die USA und ihre Verbündeten setzten im Irak mehr als 300.000 Soldaten sowie bis zu 200.000 Söldnern ein. Sie schafften es nicht das Land zu stabilisieren – von Frieden ganz zu schweigen.

Wer glaubt angesichts dieser Zahlen, …
… daß knapp 1.000 Soldaten in Afghanistan bei 30 Millionen Einwohnern und einem Territorium doppelt so groß wie Deutschland etwas bewirken?
… daß 280 Soldaten in Mali bei über 15 Millionen Einwohnern und der vierfachen Größe Deutschlande eine Relevanz haben?

Manchmal enden Konflikte bzw. Einsätze, wie die Mission vor der Küste Palästinas – jetzt schmuggeln Hisbollah und Hamas ja keine Waffen mehr. Es finden sich aber erstaunlich schnell wieder neue Krisen in der Region. Aktuell kreuzen wieder deutsche Schiffe im östlichen Mittelmeerraum. Nun geht es gegen Flüchtlinge und den IS. Somalia: Die Piraten taugen, seit die Reeder anfingen private Söldner auf die Schiffe zu nehmen, kaum noch als Bedrohung. Eigentlich müssten die deutschen Soldaten jetzt abziehen. Aber die Ausbildungsmission für somalische Soldaten geht erst richtig los.

5. Dauerhafte Stationierung = Dauerhafter Einfluss?

Wenn es nicht um Konfliktlösung geht, worum dann? Die Regionen und die Dauerhaftigkeit der Einsätze zeigen eher, dass es um anderes geht als „Frieden“. Durch die dauerhafte Stationierung bewaffneter Kräfte vor Ort erhalten deutsche Sicherheitsorgane Zugang zu Informationen aus erster Hand. Gleichzeitig versuchen sie, insbesondere durch Ausbildung und Schulungen von Beamten, Medienfachleuten und Sicherheitspersonal, Elite-Netzwerke aufzubauen. Der politische Einfluss in der Region soll so verstetigt werden. Ein weiteres Ziel ist auch, die Kontaktpflege zu westlichen Verbündeten. Für die USA, und abgeschwächt auch für Frankreich und Großbritannien, bedeutet Außenpolitik wesentlich Militärpolitik. Das Mitmachen bei den Missionen bedeutet Einfluss auf die politischen Kreise in diesen Ländern. Am Hindukusch wird nicht die Sicherheit Deutschlands verteidigt, sondern der Zugang zum Absatzmarkt USA.

Dieser Logik folgend beteiligt sich Deutschland seit 2015 erstmalig an Militäreinsätze außerhalb jeder institutionellen Einbettung. Der Kriegseinsatz in Syrien ist weder angebunden an die UN, noch an die NATO oder die EU. Eine Koalition von Staaten kämpft in einem fremden Land – auch gegen die offizielle Regierung. Aber die Regierung steht an der Seite von USA, Frankreich und Großbritannien. Wenn das kein Argument ist.

6. Denken des 19. Jahrhunderts

Die deutsche Regierung ist Akteur im neuen „Großen Spiel“. Damit offenbart sie aber ein Denken des 19. Jahrhunderts. In den betroffenen Regionen gibt es nichts zu gewinnen. Was nutzt ein hegemonialer Einfluss auf eine Elite die nur über einige Städte eines Hungerlandes gebietet? Und die wenigen Staaten in der strategischen Ellipse mit signifikanter Wirtschaftskraft verlieren diese im Rahmen der angezettelten Kriege. Syrien ist dafür ein trauriges Beispiel.

Fußnoten

1. Insgesamt waren 1990 auf dem Gebiet des vereinigten Deutschlands ca. 800.000 ausländische Militärangehörige plus zivile Beschäftige stationiert. Diese umfassten: 380.000 Anghörige der sowjetischen Armee, 246.000 Soldaten aus den USA, 60.000 britische und 44.000 französische Militärs. Belgien hatte 26.500 Soldaten in Deutschland stationiert, die Niederlande und Kanada jeweils ca. 7.500. (Zahlen nach Fleckstein, Bernhard: Fremde Truppen in Deutschland; München: SOWI-Arbeitspapier Nr. 44 1990.)
Es kann angenommen werden, dass bei den West-Allierten mindestens weitere 100.000 zivile Angestellte arbeiteten. Wobei ein Großteil aus Deutschland kam. So gehen Schätzungen davon aus, dass in den 1980er Jahren allein zu den amerikanischen Soldaten ca. 340.000 Familienangehörige und Zivilangestellte kamen.

2. Anfang der 1980er Jahre gab es in West-Deutschland etwas über 27 Mio. Erwerbstätige bei ca. 1,2 Mio. Soldaten und zivile Angestellten. Das entspricht 4,4 Prozent aller Beschäftigten. Hinzu kamen nach Helmut Harff, ehemaliger Geschäftsführer des Ausschusses für Verteidigungswirtschaft im BDI, ca. 290.000 Beschäftigte der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Insgesamt war damit ein Äquivalent von 5,2 Prozent der Erwerbstätigen direkt im Militärsektor beschäftigt. Hinzu kamen die indirekte Arbeitsplatzeffekte.

Kunstwerk des Eintrages

Rudolf Hellgrewe (1860 – 1935) – Der Kilimandscharo (1911)
Lizenz: Gemeinfrei.

Rudolf Hellgrewe - Der Kilimandscharo

Neben der Visualisierung von Gewalt gab es andere Komponenten der kolonialistischen Bildwelt, etwas die heroische Durchdringung des wilden Landes. Die Weißen in ihren Tropenanzügen sind auf den entsprechenden Bildern meist an markanter Stelle in Szene gesetzt. Das fremde Territorium wird oft als unermesslich weit und von menschlicher Bearbeitung unberührt gezeigt wie im Falle des Bildes des Berliner Malers und Illustrators Rudolf Hellgrewe, der einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Kolonialmalerei war. Tatsächlich gab es im Kaiserreich eine Gruppe von Künstlern, die sich auf koloniale Themen spezialisiert hatte. […] Sie reisten in die deutschen Kolonien und stellten ihre künstlerische Arbeit in den Dienst der Kolonialverbände, wo man erfreut war über diesen Beitrag zur „Popularisierung unserer Kolonien“.
Quelle: Otterbeck, Christoph: Europa verlassen. Künstlerreisen am Beginn des 20. Jahrhunderts; Weimar: Böhlau Verlag 2007, S. 59.

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.