In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts treten die hochentwickelten Volkswirtschaften in eine neue Phase der zivilisatorischen Entwicklung ein. In fast allen Sektoren der Wirtschaft manifestieren sich strukturelle Überangebote. Es wird mehr produziert als die einheimische Bevölkerung konsumieren kann und will. Eine quantitative Steigerung der Produktion für den Binnenmarkt wird tendenziell überflüssig.
Die Verfügbarkeit von Gütern entkoppelt sich zunehmend von der persönlichen Kaufkraft. Mit Blick auf die Jahrtausende vergangener Mangelgesellschaften, herrscht ein paradiesähnlicher Zustand – „gebratene Hähnchen und Berge aus Brei“ (Hans Sachs ca. 1530) sind für alle verfügbar.

Neue Begriffe gesucht
Für die entstehende Wirtschaftsformation setzte sich noch keine allgemeingültige Bezeichnung durch. Es kursieren Begriffe wie Überschuss-, Mega-Produktion- bzw. Mega-Konsumgesellschaft. Ökonomen verwenden Charakteristika wie Angebotsüberhang, Käufermarkt oder „gesättigte Märkte“.
Insbesondere die ökonomischen Begriffe suggerieren immer, dass die Mega-Konsumgesellschaft nur ein vorübergehender Zustand ist. Das mit neuen Technologien, Wirtschaftsimpulsen oder neuer Nachfrage, die Wirtschaft wieder in den alten Zustand zurückkehrt. Letztlich entstammen die Begriffe dem traditionellen Denken in Kategorien des Mangels und charakterisieren die neue ökonomische Situation sowie ihre fundamentalen gesellschaftlichen Folgen nur unzureichend. Wie die neuen Gesellschaften des Überflusses aussehen, erfassen sie nur ungenügend.
Zumal eines immer deutlicher sichtbar wird: Die Überfluss-Gesellschaften beruhen auf neuartigen Verhaltensweisen und Strukturen. Das betrifft alle Wirtschaftsakteure – private Haushalte, Unternehmen als auch die staatlichen Strukturen. Eine Mega-Konsumgesellschaft muss damit auch auf einer anderen Wirtschafts- und Sozialpolitik beruhen.
Traditionelles Verhalten
„Vor der Industrialisierung besaßen die Menschen wenig.
Ein bisschen Kleidung; Bettwäsche, Kochgeschirr; ein paar einfache Möbel.
Es gab auch gar nicht viel, dass man besitzen konnte.“
Prof. Joanne Finkelstein (Wolf 2018)

Lagerhaltung
In einer Mangelwirtschaft begegnen die Wirtschaftssubjekte den wiederkehrenden Phasen der Unterversorgung durch eine umfassende Vorratshaltung. Bis heute bei älteren Menschen beobachtbare Verhaltensmuster sind Allgemeingut:
– Haltbarmachung von Lebensmitteln (Einwecken, Räuchern, Trocknen …);
– Aufbewahrung ausgemusterter Güter für eine spätere Verwendung oder Ausschlachtung (insb. Kleidung, Möbel, Bettwäsche, Geschirr und Werkzeuge);
– Hortung von Baumaterialen (Nägel / Schrauben, Holz, Gips / Zement, Farben / Lacke …).
Schon beim geringsten Überschuss ging die Lagerhaltung einher mit der Schaffung von Stauräumen. Ausgebaute Keller und Dachböden, Speise- sowie Abstellkammern, abgehängte Decken, Schuppen und Garagen zeugten von dieser Notwendigkeit. Hinzu treten Möbel wie Kommoden, Bettkästen und Buffets zur Erweiterung der Lagermöglichkeiten.
Eigenerstellung und Reparaturen
Neben die Lagerhaltung fand eine umfassende Erzeugung von Warengruppen des täglichen Bedarfs statt. So hatte bis weit ins 20. Jahrhundert die Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln durch den Anbau von Nutzpflanzen (Kartoffeln, Obst und Gemüse) und die Haltung von Haustieren (v.a. Hühner und Kaninchen) zur Fleischgewinnung auch in Städten existenzielle Bedeutung. Dazu tritt die umfassende Verarbeitung von rohen Lebensmitteln zu höherwertigen Produkten wie Braten oder Kuchen.
Weitere Bereiche waren die Produktion und Reparatur einfacher Gebrauchsgüter von Arbeiten am Haus (Streichen / Tapezieren, Wasserinstallationen, Maurerarbeiten …) über das Nähen / Stricken / Häkeln von Textilien aller Art bis hin zum Eigenbau von Möbeln.
Zusätzlich zur Eigenproduktion bemühten sich die privaten Haushalte die Lebensdauer von Gütern umfassend zu verlängern – „wertvolle“ Gegenstände werden selten genutzt (Sonntagsgeschirr/-Anzug, die „gute Stube“), Lebensmittel gestreckt (Schiebewurst, „Der edle Tropfen“, ausgekochte Knochenreste mit viel Waser) sowie Gebrauchsgüter repariert (Stopfen von Strümpfen, Möbelreparaturen).
Neues Verhalten in den gesättigten Märkten
Im Übergang zur Mega-Konsumgesellschaft geht die traditionelle Lagerhaltung deutlich zurück und schwindet die Eigenerstellung (fast) völlig. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Güter in den privaten Haushalten explosionsartig zu. Gegenwärtig verfügen selbst Haushalte mit niedrigem Einkommen über mehr als 1.000 Gegenstände. Die Nutzung des einzelnen Gegenstandes wird selten. Eigentlich wird nur ein Bruchteil überhaupt noch genutzt.
„Konsum ist ein Phänomen der Moderne.
Sein Ziel ist die (…) Befriedigung des Verlangens nach dem Artikel.“
Prof. Joanne Finkelstein (Wolf 2018)
Damit erhält der Konsum in der Mega-Konsumgesellschaft eine andere Bedeutung. Ging es früher fast ausschließlich um die Versorgung mit lebensnotwendigen, stehen jetzt vielfältige Bedürfnisse hinter der Kaufentscheidung. Oft geht es sogar nur darum, überhaupt etwas zu kaufen bzw. in seinen Besitz zu bringen. Ob der Gegenstand rationale nutzbar ist, wird unwichtiger. Es setzen sich neue Verhaltensweisen durch, die sich fundamental von denen der Mangelgesellschaften unterscheiden.
Wandel der Selbsterstellung
Auf dem Weg zur Entstehung der Mega-Konsumgesellschaft erfolgte die Umstellung der Selbsterstellung auf „Luxusgüter“. So bauen die Haushalte nicht mehr Kartoffeln und Bohnen an, sondern Erdbeeren und Johannisbeeren. Auch werden keine einfachen Kuchen mehr gebacken, sondern reich verzierte Thementorten. In den letzten Jahrzehnten geht aber auch dies zurück.
Die Eigenerzeugung hält sich lediglich als Hobby (z.Bsp.: Stricken, Weinherstellung, intensives Kochen, eigenes Brot backen) und wandelt damit seinen Charakter grundlegend. Im Vordergrund stehen nicht Sparsamkeit oder die Verfügbarbeit sonst unerreichbarer Produkte, sondern Freizeitgestaltung, Spaß, Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen oder Image.
Einstellung der Reparatur
Wann haben sie das letzte Mal ihre Socken gestopft? Die meisten Menschen können und brauchen es heute nicht mehr. Derartige Fähigkeiten gehen zurück. Nur noch bei entsprechenden Hobbies erfolgt eine Tradierung. Es lohnt sich schlicht nicht. Neue Gegenstände kosten meist deutlich weniger an Zeit und Ressourcen als die Reparatur. Von der meist höheren Qualität gar nicht zu sprechen.
Diese Entwicklung wird auch durch die Komplexität der Technik vorangetrieben. So konnte früher vieles an einem Auto selbst repariert werden. Heute scheitert man ohne Spezialwerkzeug schon am Austausch einer Glühbirne im Scheinwerfer.
Ende des Hortens
In der Übergangsphase war auch das Sammeln von seltenen und potenziell wertvollen Gegenständen wie Münzen, Briefmarken oder Sammeltassen weit verbreitet – eigentlich schon einen Leerlauf erlernter Verhaltensweisen. Die Bildung von Vorräten war für alltäglich Dinge kaum noch notwendig. Aber Viele wollten davon nicht lassen und lenkten die freie Energie auf „Luxusgegenstände“ bzw. „Wertanlagen“.
„Sind seltene Vinyls nicht auch eine Geldanlage?
Das ist ein großer Irrtum.
Früher haben die Leute gedacht, Briefmarken seien eine gute Geldanlage.
Briefmarken sind heute völlig wertlos.
Wenn Platten nicht mehr aktuell sind und nicht in die nächste Generation übergehen,
dann interessieren die niemand. “
Peter Patzek alias Platten Pedro – Antiquariat-Händler Schallplatten (Sontheimer 2021)
Viele dieser Märkte für moderen Güter – wie Lego oder Kartenspiele (Pokémon, Magic the Gathering etc.) – sind angetrieben durch eine Mischung aus realer, aber modisch schwankender Nutzung durch Kinder und Jugendliche sowie umfassenden Spekulationswellen. (Völling 2021) Aber für kalkulierbare Gewinne wächst die Anzahl der zu sammelnden Objekte zu schnell und sind die Preise für die meisten Objekte zu niedrig. Wird die Arbeitszeit mit einberechnet, zahlt auch die Mehrheit der „Profis“ drauf.
„Die typischen Käufer von Mokkatassen
gehen mittlerweile am Rollator
oder sind tot.“
Mauro Corradio – Antiquitätenhädler (Wolf 2018)
In der Gegenwart schwinden auch diese Resttraditionen des Hortens. Ein Ausdruck dessen ist ein rabiater Preisverfall bei Antiquitäten – nur im scheinbaren Widerspruch zum derzeitigen Boom von Formaten wie „Bares für Rares“ oder „Der Trödeltrupp“. Die Auflösung der Lagerbestände sowie die schnelle Abfolge von Modewellen und technischer Neuerungen setzen riesige Mengen alter Güter frei. Der „Antiquitäten“-Markt wird förmlich überschwemmt. Das Überangebot drückt das Preisniveau in Richtung null.
So sind Teppiche, die noch in den 1980er Jahren mehr als 30.000 Mark kosteten, heute für weniger als 400 € zu haben. Gleiches gilt für Tassen im Biedermeier-Stil. In den 1990er Jahren noch mehr als 20 € pro Stück wert, gibt es heute für sehr gute Exemplare aus hochwertigen Manufakturen wie KPM oder Meißen vielleicht noch 5 €. Ganze Warengruppen sind gleich gar nicht mehr verkäuflich – wer will heute noch den Feinschliff aus Böhmen, bulgarisches Tongeschirr oder Kleidung und Federbett von Oma. (Wolf 2018)
„Die Freude am Sammeln ist in erster Linie nicht das Haben,
sondern das Finden.“
Jörg Graf Adelmann – Antiquitätenhändler (Wolf 2018)
Gleichzeitig wird das Sammeln durch neue Techniken entwertet. Jeder kann sich heute über amazon komplette Sammlungen von Tassen, Spielfiguren, Eisenbahnen usw. zusammenklicken. Was ist die Herausforderung an einer Musiksammlung, wenn Spotify und Co. Millionen Musikstücke in ihren Datenbanken bereithalten?
Hinzu tritt das zunehmende Risiko von Fälschungen. Moderne Techniken ermöglichen täuschend echte Kopien fast jedes Produktes. Damit lohnen sich Sammlungen nicht mehr zur Wertanlage. Nur noch in sehr speziellen Bereichen oder als Ausdruck einer besonderen Persönlichkeit (die Grenze zum Spline ist fließend) sind Sammlung sinnvoll.
Reduzierung Besitz
„Nahezu alle Menschen haben zu viele Dinge.
Und die Dinge stressen sie, denn sie binden Energie und rufen ihnen zu:
Kümmer dich um mich! Benutz mich mal wieder!
[Sie] ersticken an den Dingen.“
Gunda Borgeest – Aufräumberaterin (Pepin 2021)
Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Strömungen zu, die eine Reduzierung des Besitzes anstreben. Beispiele sind die Degrowth-, die Minimalismus- aber auch Aufräum-Bewegungen wie die derzeit gefeierte Marie Kondo. Der Überfluss an Besitz wird zunehmend als Belastung empfunden. Die Güter binden Zeit sowie Kapital und „verschmutzen“ die Umwelt. Die Lebensqualität lässt sich durch weitere Zukäufe nicht mehr erhöhen. Der Grenznutzen ist längst überschritten.
Dass Aufkommen von Verkaufs-, Gebrauchs-, Leasing und Tauschangeboten wie e-bay, amazon, airbnd, drive-now, rent-a-bike, Umsonst-Läden … stärken diese Einstellung. Sich von Eigentum zu trennen, und trotzdem über die notwendigen Produkte zu verfügen, ist so einfach wie nie zuvor. Nutzung dominiert Besitz.

Konsum als Ausdruck der Persönlichkeit
„Konsumieren bedeutet Dinge zu erwerbe, die man eigentlich nicht braucht.
Die man aber haben muss, um sich vollwertig zu fühlen.
Ich kaufe, also bin ich.“
Sylvia Sagone – Historikerin (Arte France et al. 2011)
Alles scheint gefühlt jederzeit vorhanden. Die neue Herausforderung ist, aus dieser „unendlichen“ Vielfalt auszuwählen. Entsprechend sagt der Kauf eines Produktes zunehmend weniger über die Kaufkraft des Konsumenten, dafür umso mehr über seine Persönlichkeit aus. Was ist ihm wichtig im Leben? Welche Werte vertritt er? Zu welcher sozialen Gruppe gehört er? Was sind seine Hobbies?
Wie haben Sie ihre Wohnung eingerichtet: Spartanisch im Ikea-Style? Mit vielen Bücheregalen, voller intellektueller Klassiker? Mit großzügig präsentierten Souvenirs und Fotos von vielen Reisen? Mit wandgroßen 3D-Fernseher, inkl. diverser Spielekonsolen und 7.1 Heimkinosystem? Mit dekorativ angeordneten Edel-Platten und alten Filmplakaten? Mit einem Meer aus Pflanzen? Oder bevorzugen sie die in leuchtenden Rosa gehaltene Hello-Kitty-Sammlung mit selbstgemalten Lettering?
Selbst für ökonomisch prekäre Schichten ist das alles erschwinglich. Die Einrichtung der Wohnung hängt kaum noch am Geldbeutel – dafür umso mehr an Geschmack, Lebensumständen sowie Gesundheitszustand, Bildungsgrad, Interessen und Charakter sowie der Peer-Group.
Klassenstruktur in der Überflussgesellschaft
Mangelgesellschaften gehen meist mit scharfen Klassengegensätzen einher. Spezifische Konsumgüter tragen diese deutlich sichtbar nach außen. Teilweise wird sogar gesetzlich geregelt wer, wann und wo welche Farben, Hosen, Schleier, Mützen, Perücken etc. tragen darf. Die scharfe Unterscheidung der Klassen löst sich in der Megakonsumgesellschaft zunehmend auf.
„Das Klassenbewusstsein schwand. Ja, die Klassen selbst mutierten zu Schichten, deren Übergänge zunehmend verschwammen. Der Facharbeiter und die Büroangestellte empfinden sich schon lange nicht mehr als Proletarier, sondern als Teil der Mittelschicht. Wo diese genau anfängt und aufhört, ist häufig Auslegungssache.“
Frank Jöricke (2025)
Die Unterscheidung zwischen Mittel- und Unterschicht misst sich immer weniger an der Quantität von Alltagsgegenständen. Entscheidend ist eher wie schnell der Ersatz erfolgt. Also ob man sich ein neues Wohnzimmer, Auto, Küche etc. alle drei, fünf oder zehn Jahre anschaffen kann. Der Besitz früher wichtiger Produkte wie Markenwaren und Statussymbolen wird tendenziell entwertet.
Folge ist, dass das Gefühl für Reichtum schwindet. Der Begriff der Mittelschicht muss damit mit neuen Inhalten gefüllt werden. (Jöricke 2025) Zumal selbst die Trennung der Einkaufsmöglichkeiten aufgehoben wird. Discounter verfügen über hochwertige Angebote und Feinkostläden über preiswerte Produktlinien. Spätestens bei Bestellungen über das Internet lösen sich die Klassenbindungen fast völlig auf.
„Das Warenangebot in Supermärkten umfasste nur einen Bruchteil des jetzigen. Für exklusivere Lebensmittel musste man teure Feinkostläden oder Reformhäuser aufsuchen. Heute hingegen bietet selbst Aldi Champagner, Parmaschinken und Bioprodukte an. […] Teile der deutschen Mittelschicht führen heutzutage ein Leben, das früher Reichen vorbehalten war. Der allgemeine Lebensstandard ist gestiegen. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Man kann sich Champagner leisten, aber nicht mehr die eigene Terrasse, um ihn dort zu kredenzen.“
Frank Jöricke (2025)
Damit verschiebt sich die Definition, was die Mittelschicht ausmacht bzw. wer ihr angehört. Aber die soziale Frage verschwindet nicht. Im Gegenteil, die entwickelt sich, wie zu Zeiten von Zille, am Zugang zu Immobilien. (Kleinwächter 2022) Der Status des Eigenheims lebt wieder deutlich auf. Und die Gentrifizierung schafft wieder homogene Kulturräume spezifischer Schichten und Klassen. Vielleicht sind Immobilien das letzte wirkliche Statussymbol.
Unterschiede zwischen den Generationen
Ein zusätzlicher Grund der Produktentwertung sind die Unterschiede zwischen den Generationen. Diese mischen sich mit der sozialen Schichtung mischen. Ein Beispiel wäre der Preisverfall von Modelleisenbahnen. Das Hobby hat es nicht geschafft, sich an die neuen Basteleien der Fantasy-Welten wie Warhammer (40K), Mechwarrior oder Blood Bowl anzuschließen. Obwohl beide Welten von Männern dominiert werden. In Folge wird der Markt mit bis ins Detail gestalteten Eisenbahnwelten überschwemmt und sterben entsprechende Clubs langsam aus. (Theis 2023) Gleichzeitig pilgern zu Tabletop-Conventions Tausende, um ihre neuesten Kreaturen und Basteleien zu zeigen.
Bewahrung des alten Verhaltens
Aber in drei sich überlappenden sozialen Gruppen überdauern die alten Verhaltensweisen. Einerseits behalten „kulturell Zurückgebliebene“ ihre Lebensweise bei. Vor allem alte Menschen und Migranten aus Armutsgesellschaften stellen sich (noch) nicht um. Die Gesellschaft entwickelt sich für diese Gruppen zu schnell. Sie werden kulturell abgehängt bzw. finden keinen Anschluss. Damit verstärken sich aber auch ihre ökonomischen Probleme, da „alte Werte“ wie große Autos, Fleisch etc. überproportional im Preis steigen.
Andererseits behält dieses Verhalten einen rationalen Kern für ökonomisch prekäre Haushalte. Das betrifft neben der Unter- auch Teile der Mittelschicht mit geringer (frei verfügbarer) Konsummasse – meist in Folge einer hohen Kinderzahl oder übergroßen Autos und Immobilien. Mit der neoliberalen Zuspitzung seit den 1990er Jahren (Aufgabe der Unterschichten, Lohnspreizung, sozialer Absicherung nur auf Existenzniveau, überproportionaler Anstieg der Mietkosten…) wächst die Zahl der Betroffenen wieder.
Krankhaftes Horten
Eine letzte Gruppe sind Menschen mit psychologischen Problemen. Das „Messitum“ oder fachlich richtiger „Hoarding Disorder“ kommt in allen sozialen Schichten vor. (Baum 2023) Betroffene Menschen sind unfähig – sei es aus Überforderung, sei es auf Grund psychologischer Probleme, sei es auf Grund von Süchten heraus – sich von Gegenständen zu trennen. Sie „müllen“ sich zu, bis die Quantität an Besitzt sie förmlich erdrückt.
„Das ´Messie-Syndrom` ist durch anhaltende Schwierigkeiten Besitz zu entsorgen oder sich von diesem zu trennen, gekennzeichnet, unabhängig von dessen tatsächlichem Wert. Diese Schwierigkeit führt zur Anhäufung von Besitztümern, die Wohnbereiche verstopfen und in Unordnung bringen, bis zu dem Punkt, dass die ursprüngliche Verwendung dieser Bereiche wesentlich beeinträchtigt wird.“
MD Katharine Phillips und PhD Dan J. Stein (2023)
Nicht selten tritt diese Krankheit in Kombination mit Kauf- bzw. Erwerbssucht auf. Es werden immer mehr Produkte gekauft, gesammelt, aus dem Abfall geholt etc. und anschließend gehortet – ohne diese jemals rational nutzen zu können. Ursache sind oft tiefe persönliche Problem – Depressionen, Traumata, etc. Nicht selten geht damit eine (lebens-)langen Leidensgeschichte einher, die auch Angehörige und Kinder belastet. (Hobrack 2023) Werden die gehorteten Gegenstände gekauft, führt das oft in die Armut.
„Betroffene verspüren typischerweise eine zunehmende Anspannung und Erregung vor dem Kauf und eine Art Erleichterung oder Euphorie während der Handlung. Ihnen geht es weniger um den Besitz oder den Konsum der gekauften Waren, als vielmehr um das positive Gefühl beim Einkaufen.““
Dr. Sabine Köhler, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN) (neurologen-und-psychiater-im-netz.org 2019)
Diese Krankheiten sind an die Möglichkeiten einer Konsum- und Überflussgesellschaft gekoppelt. (Hobrack 2023) Traumata werden zugedeckt und nicht bewältigt – mit tatkräftiger Unterstützung der Werbe- und Finanzwirtschaft. Aus deren Sicht sind diese Kranken gute Kunden. Erst in den letzten Jahren beginnt auch die Psychotherapie dagegen anzuarbeiten.
Der Weg ins Paradies ist eben noch ein weiter.
Kunstwerk des Eintrages
Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569) – Schlaraffenland (1567)
Lizenz: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Der flämische Maler Peter Brügel der Ältere orientiert sich in seinem Gemälde „Schlaraffenland“ am gleichnamigen Gedicht von Hans Sachs. (Tuschka 2021) Dabei übernahm er Motive des Gedichtes – das sich zum Verzehr anbietende Ei mit Löffel, das gebratene Schwein mit Besteck im Rücken, der See aus Milch und der Berg aus Brei.
Im Zentrum des Gemäldes stellt Bruegel drei fette und phlegmatische Männer. Sie präsentieren die drei wichtigsten Stände der Gesellschaft: Ritter / Adel, Bauern und Klerus / Intelligenz. Aber ihre Arbeitsgeräte – Lanze, Dreschflegel und Bücher – liegen ungenutzt herum. Sie arbeiten nicht, sondern warten darauf, dass weiteres Essen und Trinken ihnen in den Mund fliegt.
Bruegel als auch Sachs vertreten die bis heute verbreitete Position, dass eine Gesellschaft, in der es Essen und Konsumgüter im Überfluss gibt, kein Paradies ist. Ohne die Notwendigkeit ihren Unterhalt erarbeiten zu müssen, würden die Menschen faul und träge. (Westerwelle 2010) Guido Westerwelles Äußerungen von der „Spätrömischen Dekadenz“ für zu hohe Hartz IV-Beträge entsprechen diesem Denken.
„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht,
lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.
An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“
Guido Westerwelle (Wittrock 2010)
Diese über Jahrhunderte kultivierte Arbeits- und Verzichtsethik bildet eine der wesentlichen historischen Grundlagen für den derzeitigen Stand der Produktivkraft. Aber sie weißt zunehmend in die Vergangenheit. Für das 21. Jahrhundert müssen sich andere Wertesysteme durchsetzen. Die Mega-Produktionsgesellschaft bedeutet nicht den Weg in die Faulheit, sondern im Gegenteil, die Befreiung von unnützer Arbeit. Die Menschen erhalten die Freiheit sich ihren eigenen Interessen und Zielen zu widmen. Zu ihrem eigenen Wohle als auch das der Menschheit.
Quellenangabe
Arte France; Telefrance; Essential Viewing (2011): Wünsche werden wahr. Die Entstehung des Kaufhauses.
Baum, Anne (2023): Messie-Syndrom: „Viele wissen nicht, was nützlich ist und was nicht“ – Interview mit Veronika Schröter. In: zeit online, 22.09.2023.
Hans Sachs (ca. 1530): Das Schlaraffenland. Gekürzt und modernisiert. Hg. v. Gedichte für alle Fälle.
Hobrack, Marlen (2023): Vom Leben meiner Mutter blieb nichts als importierter Schrott. In: zeit online, 07.07.2023.
Jöricke, Frank (2025): Die vergessene Mittelschicht. In: neues deutschland, 23.05.2025, S. 9.
Kleinwächter, Kai (2022): Miete – Soziale Frage unserer Zeit. zeitgedanken.blog. Potsdam.
neurologen-und-psychiater-im-netz.org (Hg.) (2019): Kaufsucht. Auslöser für Kaufattacken identifizieren. Berufsverbände für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland.
Pepin, Sarah (2021): „Es geht nie nur um die Dinge, sondern um die Geschichten dahinter„. In: neues deutschland, 16.04.2021.
Phillips, Katherine Anne; Stein, Dan J. (2023): Hoarding Disorder („Messie-Syndrom“). Hg. v. MSD Manual. Rahway (USA).
Sontheimer, Michael (2021): „Ich wusste: Vinyl stirbt nicht“. Vinylhändler Platten-Pedro im Interview. In: taz, 05.09.2021.
Statistisches Bundesamt (2017): Laufende Wirtschaftsrechnungen – Ausstattung privater Haushalte mit ausgewählten Gebrauchsgütern. Fachserie 15 Reihe 2. Wiesbaden.
Theis, Alexandra (2023): Hobbys, die ich nicht verstehe: Modelleisenbahnen. Hg. v. vice.com. Berlin.
Tuschka, Alexandra (2021): Pieter Bruegel d.Ä. – Schlaraffenland. Hg. v. the-artinspector. Dresden. Online verfügbar unter .
Völling, Oliver (2021): Sammelboom und Preissteigerungen. Was alte »Pokémon«-Karten heute wert sind. In: SPIEGEL, 02.05.2021.
Westerwelle, Guido (2010): An die deutsche Mittelschicht denkt niemand. In: Welt, 11.02.2010.
Wittrock, Philipp (2010): Dekadenz-Sprüche. Westerwelles explosives Oppositions-Recycling. In: SPIEGEL, 17.02.2010.
Wolf, Marius: Kann das weg?; WirtschaftsWoche 29/2018, S. 86f.
Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.
Ein Gedanke zu “Mega-Konsumgesellschaft – Wohlstand für alle?”