Northstream – Deutsch-russische Beziehungen im Gassektor

Fassung: Juli 2018

Sander, Michael: Deutsch-russische Beziehungen im Gassektor. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Interorganisationsnetzwerke und die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline. Nomos, Baden-Baden 2012, S. 264.

Michael Sanders (geb. 1979) legt mit seiner 2010 abgeschlossenen Doktorarbeit eine der wenigen deutschsprachigen Monographien zum Erdgasprojekt Nord Stream vor. Schwerpunkte der Studie sind eine umfassende Beschreibung des Projektverlaufs von 1998 bis 2008 sowie die detaillierte Analyse der das Pipeline-Projekt umgebenden institutionellen Netzwerke. Der Autor konzentriert sich auf die Konzerne E.ON, Wintershall/BASF und Gazprom sowie die deutsche und russische Regierung. Dabei vergleicht er die Interessen als auch die Verflechtungen zwischen den Akteuren anhand einer quantitativen Auswertung offizieller deutscher als auch russischer Original-Dokumente – u.a. Koalitionsverträge und Geschäftsberichte.

Dieses Vorgehen ermöglicht prägnante Analysen sowohl der Machtmechanismen und Akteursnetzwerke des Energiesektors innerhalb beider Staaten als auch der transnationalen Verflechtungen. So wird dezidiert die schwache politische Positionierung von E.ON sowie RWE in Bezug auf Russland aufgezeigt und damit das Scheitern der Konzerne im gegenwärtigen post-sowjetischen Raum vorweggenommen. Wintershall hat hier die deutlich besseren politischen Netzwerke.[1] Leider bleibt Sanders auf einer Ebene der abstrakten institutionellen Verflechtung stehen. Die konkrete Nennung von Entscheidern auch der zweiten Ebene wäre interessant gewesen.

Die beachtenswerte Analyse leidet allerdings unter der lieblosen aber wohl kostensparenden Erstellung des Buches. Die ohne Gestaltungselemente auskommende Monographie entspricht dem Prototyp einer Bleiwüste. Auch beinhaltet sie nur rudimentäre Angaben zu den Primärdaten der quantitativen Netzwerkanalyse. Besonders im Vergleich mit Sanders Beiträgen in der Zeitschrift Osteuropa-Wirtschaft fallen die dort enthaltenen detaillierteren Analysen mitsamt Grafiken und Tabellen auf.

Als Grundlagenliteratur zu Nord Stream sowie der deutschen und russischen Energiesektoren ist dieses Buch nachdrücklich empfehlenswert. Wissenschaftler mit Interesse an den Primärdaten zur Netzwerkanalyse sind jedoch auf die originale Doktorarbeit an der Universität Trier angewiesen.

Die Annotation erschien zuerst in WeltTrends – Das außenpolitische Journal Nr. 91 „Kriminelle Welt“. Sie ist auch als PDF verfügbar.

Fußnoten

[1] BASF übernahm 1969 die Öltochter zur Optimierung seiner Produktionsstrukturen. Die Versorgung mit Erdöl für die Petrochemie-Anlagen versprach Unabhängigkeit vom Ölmarkt und stabilere Peise. Wintershall war/ist das Fundament eines technisch-betriebswirtschaflticher „Verbundes“, bei dem die Erzeugnisse und Abfallprodukte eines Prozesses die Ausgangsbasis des nächsten sind.

Allerdings könnte sich BASF aus den Öl- und Gasgeschäft zurückzuziehen. Derzeit plant der Konzern ein Joint-Venture mit DEA. Die ehemalige Tochterfirma des Energiekonzern RWE wurde 2015 vom russischen Milliardär Michail Fridman für ca. 4,4 Mrd. € übernommen. Wintershall und DEA zusammen wären der einzig verbliebene deutsche Öl- und Gaskonzern mit Projekte im hohen Norden, Russland, Nordafrika, dem Nahen Osten sowie Latein- und Südamerika. Wird der Deal wie geplant in der zweiten Hälfte 2018 abgeschlossen, hält Fridmann vorraussichtlich 33 Prozent der Anteile. BASF wäre der dominierende Mehrheitsaktionär.

Aus jetziger Sicht ist die Strategie von BASF nicht eindeutig. Analysten – insbesondere aus dem anglikanischem Raum – drängen auf einen Börsengang des Joint-Ventures. Der Einstieg bei DEA wäre dann der Ausstieg aus dem Ölgeschäft. Hinter der Unsicherheit steht auch ein im Frühjahr 2018 vollzogener Wechsel an der Führungsspitze des BASF-Konzerns. Der neue Vorstandsvorsitzende Dr. Brudermüller will in (angeblich) ertragreichere und zukunftsfähigere Bereiche wie Saatgut, Batterietechnologie sowie 3-D-Drucker investieren. Nötiges Kapital könnte auch aus dem Börsengang kommen.

Hintergrund ist auch, dass der petro-chemische Verbund in den neuen Bereichen keine Rolle mehr spielt. Die dortigen Technolgien und Produkte basieren nicht mehr auf den fossilen Kohlenwasserstoff. Die Öltochter verliert an Bedeutung. Zumal sie wirtschaftlich, nach dem Verkauf sowohl der Speicher als auch der Vertriebsstrukturen an Gazprom, selbst kein vertikal integrierter Konzern mehr ist. Sie besteht fast nur noch aus der Öl-und Gasförderung. Gleicheitig dienen die Fusionen von Konkurrenten (Bsp.: Bayer und Monsanto) sowie der Ölindustrie als Argument „mithalten“ zu müssen. BASF bzw. Wintershall/DEA sei zu klein – heißt es. Fragwürdige Argumente, angesichts des scheitern der meisten Fusionen und Merger.

Auch fallen bisher die Gewinne in den neuen Sparten eher mau aus. Die „alte“ Tochter Wintershall trug laut Medien zuletzt fast ein Sechstel zum Betriebsgewinn bei. Eher eine Unterzeichung ihrer Bedeutung, da durch die Verbundeffekte in den höheren Produktionsbereichen größere Gewinne entstehen. Diese werden aber nicht Wintershall zugerechnet. Durch den Verkauf droht ein seit fast 100 Jahren funktionierende industrielle Produktion gegen Heilsversprechen getauscht zu werden.

Aber die Diskussion hat auch eine politsche Dimension.Es geht auch um die außenwirtschaftliche Ausrichtung Deutschlands. Bei einem Verkauf würde mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der letzten deutschen Rohstoffkonzerne in ausländische Hände gehen. Die Firma wurde vor der jetzigen Anstieg der Ölpreise auf einen Wert von über 14 Mrd. € geschätzt. Nur wenige Konzerne können und wollen diese Geldmenge aufbringen. Spätestens dann nimmt die geostrategisch wichtige Vernetzung mit Russland weiter ab.

In Artikel des Handelsblattes und der WirtschaftsWoche werden das „politisch heikle“ Geschäft mit Russland angesprochen. Die erfolgreichen Netzwerke von BASF (Stichwort: North Stream) stören atlantische Kreise. Ein Börsengang mit anschließender Übernahme durch US-amerikanische Hedgefonds oder russische Konzerne würde dieses Kapitel schnell beenden.

Hinter den Kulissen tobt eine veritable Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie. Es wäre hier besser, auf stabile Beziehungen und etablierte Industriestrukturen zu setzen. Überspezialisierte Teilstrukturen bringen nur wenig eigenes Gewichtauf. Auch wäre dann der größte Chemiekonzern Deutschlands noch stärker als bisher von ausländisch kontrollierten Rohstroffmärkten abhängig.

Aus politischer Sicht schwächt eine solche Entscheidung Deutschland. Winteshall/DEA sollten beim BASF-Konzern bleiben.

http://www.energie-chronik.de/150904.htm

http://www.energie-chronik.de/150904.htm

http://www.energie-chronik.de/080817d.htm

Quelle

Goebel, Jacqueline; Salz, Juergen: BASF – Lauter, direkter; WirtschaftsWoche 16/2018, S. 42-44.

Handelsblatt (Hrsg.): BASF bereitet Ausstieg aus dem Ölgeschäft vor; 24.11.2017.

Hubrik, Franz; Hofmann, Siegfried: Der milliardenschwere Öl-Deal von BASF; Handelsblatt 07.12.2017.

Leuschner, Udo: Link-Liste zu Wintershall (und anderen BASF-Aktivitäten im Energiebereich); Energie-Chronik.de Stand 2018.


Kunstwerk des Eintrages

Louis Caravaque (1684 – 1754) – Porträt von Katharina II. in ihrem ersten Hochzeitsjahr 1745.
Lizenz: Gemeinfrei.

Die 15.-jährigere Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst - spätere Katharnia II.
Porträt der 15.-jährigere Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst – spätere Katharina II.

Die Geschichte Russlands und Deutschland ist seit Jahrhunderten durch Migrationsbewegungen eng miteinander verbunden. Sophie von Anhalt-Zerbst, die spätere Zarin von Russland, wurde in Stettin geboren. Als Cousine zweiten Grades war sie mit dem russischen Königshaus eng verwandt. In damaliger Zeit eine Voraussetzung für eine adlige Ehe auf dieser Ebene. Sie galt als (erfolgreiches) Mittel Preußens, langfristig positive Beziehungen mit Russland aufzubauen.

In ihrer Zeit als Regentin dehnte sie das Herrschaftsgebiet Russland umfassend aus: Die endgültige Eroberung der Wolgagebiete, der Vorstoß ans Schwarze Meer bis zur Krim sowie die Ausdehnung nach Westen durch die Teilung Polens… Zur Besiedelung der neuen Gebiete warb sie, besonders in ihrer alten Heimat Deutschland, massiv um neue Migranten. Sie versprach nicht nur Land und ein Startkapital sondern auch erhebliche Steuer-Privilegien. Darüber hinaus gewährte sie Religionsfreiheit. Wahrscheinlich bis zu 30.000 Menschen folgten dem Angebot. Die Abwanderung war teilweise so umfassend, das sich das geflügelte Wort des „Russenfiebers“ bis heute hält.

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