Nachaltige Entkopplung von Energieverbrauch und Wachstum

In Deutschland geht der Bedarf an Energie und in Folge auch von Rohstoffen immer weiter zurück. Ursachen sind eine hochtechnologische Produktion, der Aufstieg erneuerbarer Energien sowie die Umstellung der Bevölkerung auf energiesparende Güter und Verhaltensweisen. Der gegenwärtige Primärenergieverbrauch – der gesamte Verbrauch an Energie einschließlich Übertragungs- und Wirkungsverlusten – entspricht inzwischen dem Stand der 1960er Jahre. Tendenz weiter fallend.

Bis 1979: Zunahme Energiekonsum

Bis Anfang der 1980er Jahre lag in beiden deutschen Staaten eine direkte Kopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch vor. Die Ausdehnung der Wirtschaft beruhte auf einer Erhöhung des Energiekonsums. Und umgekehrt, in Wirtschaftskrisen mit sinkendender Produktion ging das Energievolumen zurück.

In der BRD nahm der Energieverbrauch durchschnittlich um vier Prozent im Jahr zu. Die DDR entwickelte sich, wenn auch auf niedrigerem Niveau, nahezu identisch. Allein in den 1970er Jahren steigerten beide Staaten ihren Konsum an Energie um ca. 20 Prozent. 1979 verbrauchte die BRD die meiste Energie mit ca. 408 Mio. Steinkohleeinheiten (SKE).

1980 bis 1996: Partielle Entkopplung

Beide Staaten durchliefen Anfang der 1980er Jahre Wirtschaftskrisen, die mit einer Reduzierung des Primärenergieverbrauchs einhergingen. Dieser brach in der BRD von 1979 bis 1982 um ca. 10 Prozent ein. In der DDR war der prozentuale Rückgang weniger als halb so groß.

Danach nahmen beide Staaten allerdings eine unterschiedliche Entwicklung. In der BRD begann eine allmähliche Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Der Energieverbrauch stieg nach 1979 deutlich langsamer als früher an. In Folge erreicht das spätere Westdeutschland das alte Höchstniveau erst wieder 1993.

Die DDR hingegen kehrte zum extensiven Wachstumspfad zurück. Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch blieben eng verkoppelt. Der erneute Anstieg des Primärenergieverbrauchs von 1983 bis 1988 wirkt im Nachhinein wie das Aufbäumen eines an Wettbewerbsfähigkeit verlierenden Systems.

Ende der 1980er Jahre sank in beiden Staaten der Energiekonsums. Ursache war eine Weltwirtschaftskrise. In der BRD blieben die Auswirkungen begrenzt. Der Verbrauch sank einmalig um sieben Prozent. Aber auf dem Gebiet der DDR begann ein umfassender wirtschaftlicher Niedergang. Dieser resultierte in einer Halbierung des Energiekonsums bis Mitte der 1990er Jahre. Hintergrund waren vier sich gegenseitig verstärkende Prozesse:

– Deindustrialisierung im Zuge der Wiedervereinigung
– Reduzierung des Verbrauchs durch die Modernisierung der verbliebenen Energie- und Wirtschaftsstrukturen
– Abwanderung mehrerer Millionen Menschen
– Umfassende Mitversorgung aus der westdeutschen (Energie-)Wirtschaft

1996 bis 2005: Entkopplung Wachstum und Verbrauch

Von 1994 bis 1996 stieg der gesamtdeutsche Energieerbrauch letztmalig stark an – auf ca. 500 Mio. SKE. Zentrale Ursachen waren die Angleichung Ostdeutschlands an das westdeutsche Konsummodel sowie der Wirtschaftsaufschwung der alten Bundesländer. Allerdings findet kein Wachstum über dieses Niveau hinaus mehr statt. Für fast eine Dekade stabilisierte sich der Energieverbrauch bei anhaltender Ausdehnung der Warenproduktion. Die Zunahme des materiellen Reichtums basierte nicht länger auf einer Steigerung des Energieverbrauchs.

Seit 2005: Rückgang des Primärenergieverbrauchs

Seit Mitte der 2000er Jahre geht der Primärenergieverbrauch in Deutschland kontinuierlich zurück. Damit entkoppeln sich Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch nachhaltig und dauerhaft. Eine Korrelation existiert nur noch in Wirtschaftskrisen – wie derzeit in der Corona-Pandemie. Dann bricht auch der Energieverbrauch ein. In der anschließenden Erholung kehrt er aber nicht mehr zum alten Niveau zurück.

Beispielhaft dafür steht der Wirtschaftseinbruch 2009. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank um mindestens 5,5 Prozent – der Energieverbrauch ging parallel dazu um ca. 4,6 Prozent zurück. Während das BIP sich in den folgenden zwei Jahren völlig erholte, stieg der Energieverbrauch nicht auf den alten Wert. Im Gegenteil, nach einem kurzen Anstieg, sank er in Folge von Rationalisierungsmaßnahmen umso stärker.

Unterschätzung Bedeutung Erneuerbare Energien

Die Verwendung des Primärenergieverbrauchs als statistische Maßeinheit hat vor allem den Vorteil der langen Zeitreihen und der besseren internationalen Vergleichbarkeit. Allerdings gibt es auch einen entscheidenden Nachteil. Diese Kennzahl unterzeichnet systematisch die Bedeutung der „nicht-stofflichen“ Energien wie Wind- und Solarenergie.

Insbesondere die Umwandlungsverluste thermischer Kraftwerke sind nicht Teil dieser Kennzahl.

„In den Primärenergieverbrauch fließt bei fossilen Energieträgern wie Öl, Kohle oder Gas die gesamte Energiemenge ein, die ins Kraftwerk oder in die Raffinerie kommt. Bilanziert wird also beispielsweise die Kohle aus dem Tagebau, die dann in den Kessel kommt, dort verbrannt wird und Dampf erzeugt, der dann wiederum über die Turbine den Generator antreibt. Dabei wird thermische Energie in mechanische und dann in elektrische Energie umwandelt.

Auf dem Weg geht einiges verloren. Wegen der Umwandlungsverluste braucht ein Kohlekraftwerk etwa drei Kilowattstunden Kohle-Energie, um am Ende eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Anders ist das bei Wind, Sonne und auch bei der Wasserkraft: Die Primärquelle ihrer Energie ist keine Kohlegrube und kein Uranerz, sondern es ist letztlich eine kostenlose Naturkraft. In der Energiebilanzierung wurde deswegen entschieden, dass die Kilowattstunde, die Sonne und Wind ins Netz einspeisen, als »Primärenergieverbrauch« gilt.“
Jörg Staude (Fossile Trickkiste, nd, 2022)

Das bedeutet, das für die Energiebilanz der Input bei den thermischen Kraftwerken sowie der Output bei Wind und Sonne erfasst werden. Aber die thermischen Kraftwerke verbrauchen drei Energieeinheiten für eine eingespeiste Energieeinheit. Entsprechend ist ihr Anteil an der primären Energieerzeugen deutlich höher, als dass der EE. Davon kommt aber beim Verbraucher nur 1/3 an. Letzteres ist aber der entscheidende Punkt – wieviel Energie steht dem Endnutzer real zur Verfügung.

Der oben beschriebene Mechanismus ist übrigens auch einer der Hauptgründe warum der Primärenergieverbrauch so stark zurück gegangen ist. Je EE-Kraftwerke ersetzt in der Stromerzeugung fast das dreifache der konventionellen Nennleistung.

Quellenangabe

AG Energiebilanzen: Entwicklung Primärenergieverbrauch Jahr 2020 (07.04.2021)

AG Energiebilanzen: Auswertungstabellen 1990 bis 2019 (September 2020)

AG Energiebilanzen: Zeitreihen Primäerenergieverbrauch nach der Substitutionsmethode (29.09.1998)

Kunstwerk des Eintrages

Joseph Maximilian Kolb (1818 bis 1859) – Borsig-Fabrik in Moabit
Lizenz: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

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