Demokratische (IT)-Gesellschaft

Derzeitige Aktualisierung: Juli 2020
Erste Fassung: Sommer 2015

Dieser Beitrag ist eine Replik auf einen Artikel von Felix Bartels: „Der lange Arm von Bitterfeld“. Herr Bartels veröffentlichte diesen sowohl auf seinen Blog als auch in der Zeitung neues deutschland (Bartels 2015)

1. Entwicklung irreversibel

Die „gute“ alte Zeit des Papiers ist Vergangenheit. Konservative Teile der Gesellschaft weinen ihr noch nach – aber die Mehrheit der Jugend hat entschieden. Sie liest und schreibt digital. Wer sie erreichen will, muss ihr in das Internet mit seinen Social-Networks, E-Books, Blog-Post und Instant-Messages folgen. Gesellschaftliche Diskurse außerhalb des digitalen Netzes verlieren mit dem Generationswechsel an Stellenwert. Ein Publikum jenseits kleiner Zirkel der Selbstbespaßung wird ohne dieses Medium nicht mehr erreicht.

2. Machtverlust der Verlagszensoren

Zum Glück schwächt sich mit dem Aufstieg der neuen Techniken die Zensur klassischer Medienunternehmen, genannt Verlage und ihrer Lektoren-Söldner, ab. Die Vorab-Aussortierung von Werken unter kommerziellen (Goldmann 2015) aber auch ideologischen Aspekten wird geringer. Die Publikation in einem Verlag stellt nur noch eine Option neben Selfpublishing (Lohmeyer 2013) Social-Media-Plattformen sowie Blogs dar.

Online Ranking Medienunternehmen 2015

3. Wandlung der Gatekeeper

Die Torwächter verschwinden aber nicht. Die Gewichtungen – Rankings – der Suchmaschinen und die Filter der Sozialen Netzwerke stellen alte Selektion im neuen Gewand dar. Auch die begrenzte Zeit der Nutzer angesichts einer Informationsüberflutung führt zu einer Ausblendung einer wachsenden Anzahl von Werken (Kühl 2020; Hernandez 2018)

Das Geschäftsmodell der Medienkonzerne verändert sich. Nicht mehr Fremd-Auswahl steht im Zentrum sondern Erstellung durch Nutzer und Verlinkung vielfältiger Inhalte. Alles unterliegt einer Speicherung, um, wenn es für Leser und Profiteure relevant wird, verfügbar zu sein. Die Breite des Angebots und damit auch die Varianten der Partizipation erweitern sich.

4. Freiheit der Autoren

Diese Vielfalt öffnet für Rezipienten und Kreative neue Freiheiten wie auch neue Herausforderungen. Insbesondere der Prozess der Werkerstellung wird komplexer. Den E-Books oder Blogeinträgen Seele zu geben, sie zu gestalten und ihnen Einzigartigkeit zu verleihen, erfordert neue Fähigkeiten. Die Trennung zwischen Text, Grafiken/Bildern, Videos und Musik hebt sich auf. Die Ausdrucksmöglichkeiten potenzieren sich. Der Bleiwüsten-Autor erreicht immer weniger Publikum, da er in den Strukturen des Papierzeitalters denkt und schafft. Neue, zwischen den Medien wandelnde Gestalter dominieren. Einer Anforderung, der viele Autoren nicht gewachsen sind. Aber sollen wir „Künstlern“ nachtrauern, die mit dem Ruf „Früher war alles besser“, sich wandelnden Zeiten, neuartigen Kommunikationstechniken und letztlich neuem Denken verweigern? Diese womöglich gar mit staatlichen Subventionen künstlich erhalten?

5. Publikumsignoranz der Geldeliten

Erfolgreiche Autoren waren oft Persönlichkeiten, die sich aktiv in die Gesellschaft einbrachten, vielfältige Formen der Kunst ausprobierten und den Genüssen des Weltverkehrs frönten. Dazu gehört(e) sich an Mäzene, Lobbygruppen und dem Publikum auszurichten. Gesellschaftliche Irrelevanz füllt den Kühlschrank nicht. Wer kann die Fahne der Unkorrumpierbarkeit schon hochhalten? Hauptsächlich die Kinder des Geld-Adels.

6. Demokratisierung der Kommunikation

Die digitale Technik erleichtert die Erstellung, Speicherung und Verbreitung jedweder Information. Insbesondere die finanziell-materiellen Hürden sinken deutlich. Dadurch gelingt eine Öffnung gesellschaftlicher Diskurse. Nicht nur Eliten sondern auch breite Schichten der Bevölkerung können teilhaben und selbst erschaffen. Professorin Dagmar Hoffman formulierte treffend (Fritsche 2017), dass es in der alten Welt „nur wenige Sprecher und viele Zuhörer“ gab. Heute können über die Sozialen Netzwerke „viele vielen etwas erzählen“. Die Nutzer selbst bekommen eine Arena, werden selbst zu Leitmedien.

Der ehemalige Herausgeber des „Handelsblatt“ Gabor Steingart spitzt es zu: Die mediela Wirklichkeit ist „dank digitaler Technologie erstmals Wirklichkeit von unten“ (Wagner 2018).

Das ist eine der revolutionärsten Umwälzung der neuen Medien. Die etablierten gesellschaftlichen Filter wie Geld, Status und Herkunft schwächen sich deutlich ab. Die „professionellen“ Autoren der etablierten Eliten sehen sich einer „Laien“-Konkurrenz der Mittel- und Unterschichten ausgesetzt, der sie partiell unterliegen. Wirtschaftlich und politisch erfolgreich ist, was die Menschen konsumieren – nicht das, was selbsternannte Eliten für wichtig halten.

In der Vor-Internet-Welt stellte sich dieses Problem nicht. Es dominierten die Werke der Mächtigen. Jetzt existieren sichtbare und wirkmächtige Alternativen. Die Möglichkeit einer breiten Partizipation entsteht. Ein neuartiger Aufbruch, ein andersartiger “Bitterfelder Weg“, der gestärkt werden sollte.

Bitterfelder Weg – Gruppe 61

In den den 960er bis 1980er Jahren gab es in beiden deutschen Staaten Versuche, nicht-bürgerliche Schichten stärker an der Schaffung von Literatur zu beteiligen. Insbesondere Arbeiter*innen sollten darin unterstützt werden, eigene Werke über ihren (Arbeits-)Alltag zu schaffen. Ziel war der bürgerlichen Prosa eine politische Literatur der Werkttätigen entgegenzusetzen. Dadurch erhielten diese auch neue Möglichkeiten Missstände anzuprangern und ihren Positionen Gehör zu verschaffen.

Während in der DDR dieses Programmatik zentral im sogenannten „Bitterfelder Weg“ umgesetzt wurde, formierte sich in der BRD eine dezentrale Bewegung von unten. Vor allem die Gruppe der 61 (Wagner 2020), der u.a. Max von der Grün, Erika Runge, Günter Wallraff und Erasmus Schöfer angehörten, regte die Gründung zahlreicher Werkkreise an. Beide Ansätze knüpften ideel an ähnliche Bewegungen in der Weimarer Republik an – kommunistische als auch sozialdemokratische.

Beide Ansätze gingen weitgehend unter. Einer der Hauptgründe war die Bekämpfung durch die bürgerliche Schicht. Dabei wird nicht nur die politische Botschaft abgelehnt. Ebenfalls sahen / sehen die Künstler des Bürgertums solche Ansätze nicht als gesellschaftliche Bereicherung sondern als (ökonomische) Konkurrenz.

Literaturverzeichnis

Bartels, Felix (2015): Der lange Arm von Bitterfeld. In: neues deutschland, 29.03.2015, S. 23. Online verfügbar unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/966320.der-lange-arm-von-bitterfeld.html, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Fritsche, Andreas (2017): Virtuelle Scheißhausparolen. In: neues deutschland, 07.09.2017, S. 13. Online verfügbar unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1062952.virtuelle-scheisshausparolen.html, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Goldmann, Stephan (2015): Drei Gründe, warum ich nicht an den Erfolg von Paywalls glaube. lousypennies.de. München. Online verfügbar unter http://www.lousypennies.de/2015/04/22/drei-gruende-warum-ich-nicht-an-den-erfolg-von-paywalls-glaube, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Hernandez, Patricia (2018): The Twitch: Streamers who spend years broadcasting to no one. theverge.com. New York. Online verfügbar unter https://www.theverge.com/2018/7/16/17569520/twitch-streamers-zero-viewers-motivation-community, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Kühl, Eike (2020): Twitch Roulette: Streaming kann so einsam sein. zeit.de. Hamburg. Online verfügbar unter https://www.zeit.de/digital/internet/2020-05/twitch-roulette-streaming-plattform-gaming-unterstuetzung-aufmerksamkeit, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Lohmeyer, Karsten (2013): Matthias Matting: Der SelfPublishing-Papst verrät sein Erfolgsrezept fürs Geldverdienen mit eBooks. lousypennies.de. München. Online verfügbar unter http://www.lousypennies.de/2013/05/16/matthias-matting-der-selfpublishing-papst-verrat-sein-erfolgsrezept, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Wagner, Thomas (2018): Die digitale Mitmachfalle. In: neues deutschland, 17.08.2018, S. 4. Online verfügbar unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1097571.manipulation-in-sozialen-medien-die-digitale-mitmachfalle.html, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Wagner, Thomas (2020): Letzte Zuflucht Realismus. In: neues deutschland, 06.03.2020, S. 7. Online verfügbar unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1133865.letzte-zuflucht-realismus.html, zuletzt geprüft am 30.07.2020.

Kunstwerk des Eintrages

Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) – Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

“Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer” ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas.

[…] Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die “Abwesenheit” der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete. […] Quelle: Nehrkorn, Stefan: Goyas Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99; Humboldt Gesellschaft.


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