Guy Fawkes – Terrorist, Märtyrer, Heldenfigur

Remember, remember, the fifth of November
Gunpowder treason and plot
We see no reason
Why Gunpowder treason
Should ever be forgot….
englisches Gedicht

Mit der Abspaltung der protestantischen Kirchen begann im Europa des 16. Jahrhunderts eine über 300 Jahre währende Periode religiöser Konflikte und Kriege. Auch in England spitzte sich die Lage zu.

Nach seinem Übertritt zum katholischen Glauben verließ der englische Soldat Guy Fawkes (1570 – 1606) das mehrheitlich protestantische England. Als Söldner in spanischen Diensten stieg er im Achtzigjährigen-Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden zum Offizier auf.

Eine Gruppe katholischer Hochadliger um Robert Catesby holte Guy Fawkes zurück. Sie planten das englische Parlament mitsamt König, den meisten Parlamentariern bzw. wichtigen Mitgliedern des Hochadels und führenden (protestantischen) Kirchenvertretern in die Luft zu sprengen. Fawkes, er hatte sich bei Stadtbelagerungen als Sprengstoffspezialist hervorgetan, sollte die Installation und Zündung vornehmen. Nach Ausschaltung der protestantischen Machtelite sollte mit Aufständen und einer (erneuten) Invasion Spaniens der Katholizismus in England gewaltsam durchgesetzt werden.

Crispin der Ältere 1605 - Gundpowder Plot
Crispin der Ältere porträtierte 1605 die Akteure des Gundpowder Plots. Guy Fawkes (dritte von rechts) ist damals nur einer unter vielen.

Als Zeitpunkt des Anschlags wählten die Verschwörer die Eröffnung des House of Lords durch König Jakob I.[1] – den 5. November 1605. Aber die Wachen entdeckten Fawkes in den Kellern des Gebäudes mitsamt der Sprengladung. Unter Folter verriet er seine Mitstreiter. Die gesamte Gruppe wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Allerdings „entkam“ Fawkes seiner Exekution. Er sprang vom Schafott (oder fiel aus Entkräftung) und brach sich das Genick.

Henry Perronet Briggs - Die Verhaftung des Guy Fawkes
Henry Perronet Briggs malte um 1823 eine romantisierte Darstellung der Entdeckung und Verhaftung des Guy Fawkes.

…Guy Fawkes, Guy Fawkes,
’twas his intent
to blow up the King and the Parliament.
Three score barrels of powder below,
Poor old England to overthrow…
(englisches Gedicht)

Guy Fawkes – Der Mythos

Nach der Hinrichtung begann die Mystifizierung. Schon Jakob I. führte dem Brauch ein, jeden 5. November, die „Bonfire Night“ bzw. den „Guy-Fawkes-Day“ zu begehen. Der Sieg der Protestanten, sollte mit Feuerwerk und Scheiterhaufen gefeiert werden. Auch schwingt eine Drohung mit – jeder der sich gegen den König erhebt wird hängen. Die Kunst nahm das Ereignis auf. Es entstanden Geschichten, Bücher, Theaterstücke und Kinderlieder.

Selbst der Wortschatz ändert sich. „Guy“ – der Vorname von Fawkes, bedeutet im Englischen inzwischen seltsam gekleidete (tendenziell verdächtige) Person. Im US-amerikanischen Englisch ist damit umgangssprachlich eine männliche Person gemeint. Hintergrund war wohl der seit dem 17. Jahrhundert bestehende Brauch, am Guy-Fawkes-Day kleine Figuren – genannt „The Guy“ – zu verbrennen.

Bonfire Night 2010
Bonfire Night 2010 in Himley Hall in der Nähe von Dudley.

Die politischen Hintergründe treten hinter dem Märtyrertod von Guy Fawkes zurück.
Dem, der bereit war für seine Überzeugung zu sterben.
Dem, der gegen die Mächtigsten seiner Zeit antrat.
Dem, der den größten Anschlag in der Geschichte ausführen wollte (und nur knapp scheiterte).
Dem, der tagelang der Folter widerstand.
Dem, der sich seinen Henkern entzog.

Guy Fawkes – Der Freiheitskämpfer

Spätestens mit den historischen Büchern von William Harrison Ainsworth (1805-1882) wird Guy Fawkes zur literarischen Figur. Damit wandelt sich sein Image vom reaktionären Terroristen zum Kämpfer für die (Glaubens-)Freiheit des Volkes – gegen die Eliten und ihren entarteten Staat. Guy Fawkes ist in der Gegenwart wie Robin Hood Bestandteil der britischen (Alternativ-)Kultur. 2017 produzierte die BBC die drei-teilige Serie „Gunpowder“.

„No No remember, remember
The fifth of November“
Remember von John Lennon

Guy Fawkes -Der dunkle Rächer der Popkultur

Ein neuer Abschnitt begann schon mit der 1982 veröffentlichten Graphic Novel „V wie Vendetta“ (Vendetta = Blutrache) von Alan Moore und David Lloyd.  Sie modernisierten den Mythos und verbreiteten ihn außerhalb Englands. Der auf ihrem Comic beruhende Film „V“ verankerte 2006 Guy Fawkes in der westlichen (Massen-)Kultur.

Im Comic / Film trägt der Held ein „historisches“ Kostüm (Maske, Hut und Umhang). David Lloyd übernahm es aus den Verkleidungen der Fawkes-Umzüge. Hut und Augenbrauen entsprechen dem Stil des 16. Jahrhundert; weiße Schminke, Umhang und Bart der Mode des Absolutismus. Die Parallelen zu den (königstreuen) Musketieren sind auffällig. In beiden Adaptionen gelingt im Kampf gegen moderne Diktaturen die Sprengung des Parlamentes.

Maske des Guy Fawkes - Aus dem Film V
Maske des Guy Fawkes – Aus dem Film „V“

We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
Expect us.
Anonymous

Guy Fawkes – Symbolfigur des Widerstandes

Nach Erscheinen des Films begannen politische Gruppierungen die „Guy-Fawkes-Maske“ zu übernehmen. Sie wandelte sich zum Symbol eines neo-anarchistischen Widerstandes, verwendet u.a. bei den Hacker-Kollektiven Anonymous und LulzSec, Wikileaks, der Occopy-Bewegung und bei Aktivisten der Anti-Globalisierungsbewegung (ACTA- und TTIP-Proteste). Inzwischen verstecken sich hinter der Maske auch rechte Strömungen.

Mit der Verbreitung erlebt auch die Bonfire-Nacht eine (Re-)Politisierung. Jährlich findet seit 2012 der „Marsch der Millionen Masken“ in westlichen Großstädten statt.

Die Maske passt zum heutigen Zeitgeist. Mit ihr entzieht sich der Träger der Beobachtung und wird Teil einer Gruppe Gleichgesinnter. Die Bekanntheit stellt Wiedererkennung, Aufmerksamkeit und Klarheit der Botschaft sicher.

Emblem der Gruppe Annonymus
Das eigentliche Symbol von „Annonymous“ – Die kopflose Person im Anzug.

„Viele bei Anonymous haben den tiefen und ehrlichen Wunsch
zur Demokratisierung der Welt beizutragen, das macht mich stolz“
Anonymous

Guy Fawkes – Symbol moderner Massenbewegungen?

Kernbotschaft ist die Stärke des Individuums: Jeder kann politisch aktiv sein; Jeder kann das System erschüttern; Jeder ist Anonymous – wenn er sich dazu bekennt.

Zwar wurde die ursprüngliche Anonymous-Gruppe zerschlagen, aber diverse Nachfolge-Organisationen mit unterschiedlichsten Zielen (Tierrechte, Anti-Doping, Anti-IS) berufen sich auf sie. Ihre Gemeinsamkeit zeigt sich in der Symbolik, dem Eventcharakter, in dezentralen / offenen Organisationsformen sowie einer primär digitalen Kommunikation.

Aber der offene Charakter setzt ihrer Kraft Grenzen. Die Veränderungsfähigkeit ist gering. Wohl auch, weil ein Systemumsturz von der Mehrheit hinter der Maske gar nicht beabsichtig ist.

Anonymous ist tot – ihre Erben leben. Aber wie bei Guy Fawkes zeigt sich, dass durch Einzelaktionen, kein Umsturz zustande kommt.

Anonymous at Scientology in Los Angeles
Aktivisten der Gruppe Anonymous bei einer Anti-Scientology-Demo in Los Angeles im Februar 2008.

Fußnoten

[1] Jakob I. versuchte in England einen absolutistischen Staat durchzusetzen. In seinem 1589 erschienen „The True Law of Free Monarchies“ beanspruchte er eine über den Gesetzen stehende, unmittelbare von Gott hergeleitete Gewalt. Entsprechend verlangte Jakob I. ein bedingungsloses Bekenntnis zur Krone und die Ablehnung des „Zwei Schwerter-Dogmas“. Für Katholiken bedeutete das die partielle Lossagung vom Papstes. Dieser hatte noch 1570 Königin Elisabeth für abgesetzt erklärt und ihre Untertanen vom Treueeid entbunden. Als Jakob I. ab 1606 den Schwur von den Katholiken einfordert, versuchten diese ihn umzubringen. Aus historischer Sicht scheiterten die Versuche einer absolutistischen Herrschaft der Stuarts in England ca. 40 Jahre nach dem Gunpowder-Plot – mit der Hinrichtung Karl I. durch Oliver Crommwell. Vgl. Reinhard 2002, S. 111f.

Quellen

Reinhard, Wolfgang: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart; München: C.H.Beck 2002.


Bildrechte

Bild 1: Titel: Gunpowder Plot Conspirators. Urheber: Crispin de Passe der Ältere. Entstehung: 1605.  Lizenz: Gemeinfrei.
Bild 2: Titel: The Discovery of the Gunpowder Plot and the Taking of Guy Fawkes. Urheber: Henry Perronet Briggs. Entstehung: 1823. Lizenz: Gemeinfrei.
Bild 3: Titel: „Worship“ – photograph of spectators around a bonfire at Himley Hall near Dudley. Urheber: SJNikon – Sam Roberts. Entstehung: 2010. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0).
Bild 4: Title: Guy Fawkes Maske.  Urheber: Enrique Dans. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic.
Bild 5: Title: Das Symbol von Annonymus – Die kopflose Person.  Urheber: Kephir. Lizenz: Gemeinfrei.
Bild 6: Titel: Anonymous at Scientology in Los Angeles. Urheber: Vincent Diamante. Entstehung: 10.02.2008. Lizenz: Creative Commons Attribution Share Alike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz

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