Mit KC diskutierte ich ein interessantes Interview mit Prof. Herman Mark Schwartz zum Thema Imperium. (Schwartz 2026) Folgende acht Thesen haben sich dabei ergeben.
1. Unbestimmtheit geographischer Grenzen
4. Dominanz des imperialen Zentrums
1. Unbestimmtheit geographischer Grenzen
Die geographische Ausdehnung von Imperien zu bestimmen ist kaum möglich, da sie eine doppelte Unschärfe aufweisen. Moderne Staatsgrenzen sind dafür als Indikator kaum geeignet – zumal für Imperien der Vergangenheit. Vormoderne Gesellschaften hatten keine geographisch eindeutigen Grenzen. Seltene Ausnahmen waren natürliche Hindernisse wie Küsten oder von Menschen errichtete Wehranlagen wie der Limes. Erst die Staaten der Moderne bestimmen ihre Grenzen eindeutig juristisch und geographische. Aber es ist ein Kennzeichen von Imperien, dass ihr Einfluss weit über die offiziellen (Reichs- bzw. Staats-)Grenzen hinaus reicht. Wo genau dieser endet ist kaum bestimmbar.
Ein Beispiel wäre das Grenzregime der EU. Dieses wirkt mit der Einbeziehung von Drittstaaten inkl. der Stationierung von FRONTEX-Grenztruppen bis weit nach Afrika und den Nahen Osten hinein.
Andererseits kann durch die oft kontinentalen Ausmaße von Imperien, die Herrschaft auch schon weit vor den juristischen Grenzen schwinden. Nicht umsonst existiert im russischen das geflügelte Wort: „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit.“ Und Westernfilme zehren noch heute von den Mythen des Grenzlandes, als die USA im Werden war.
2. Innere Fraktionierung
Die geographische Unbestimmtheit spiegelt sich auch in der hochgradigen Heterogenität der Ausprägungen imperialer Herrschaft. Innerhalb eines Imperiums kann die Bandbreite von „normaler“ staatlicher Herrschaft im Kerngebiet, über militärische Besatzung und kolonialen Status bis zu (teil-)souveränen Strukturen reichen. Ebenfalls existieren oft Gebiete, die den hegemonial-politischen Einfluss des Imperiums akzeptieren, ohne unter dessen direkter Kontrolle zu stehen. Auch die (weitgehende) Abwesenheit imperialer Herrschaft in formal dazugehörenden Regionen ist möglich. Schwartz verdeutlicht diesen Zusammenhang am Beispiel des britischen Empires. (Für einen Einstieg in den Vergleich des US-Imperiums und des britischen Commonwealth vgl. Crome 2026)
„If you look at the British Empire in the nineteenth century, some areas were ruled despotically yet technically formed part of the core of the empire, like Ireland, and others were self-governing dominions like the white settler colonies which had a far better deal. These latter colonies received disproportionate amounts of capital investment and a degree of limited autonomy. Then there were the Crown colonies under direct administrative control. South Asia was governed far more violently, but there was still buy-in from domestic elites. Further down the chain of sovereignty were protectorates, where local laws, currencies, and languages persisted, but interactions with the empire came via the center’s language, law, and currency. “
Schwartz (2026)
Die Ausprägung von Herrschaft in einem Gebiet ist dabei nicht statisch. Da diese von einer Vielzahl von Faktoren abhängt, sind mit der Zeit erhebliche Veränderungen möglich. Faktoren sind u.a. Ziele und Politik der Zentrumseliten, geschichtlicher Pfade, die Fähigkeit lokaler Eliten mit dem Zentrum in Austausch zu treten, die örtliche Geographie aber auch die lokale Wirtschaft. Ebenfalls ist der Umfang der Ressourcen des Zentrums wichtig. Je mehr diese zum Beispiele durch militärische Konflikte absorbiert werden, umso „freier“ können andere Regionen des Imperiums agieren.
3. Imperiale Machtinstrumente
Die Unterschiedlichkeit der beherrschten Gebiete macht es nötig, dass Imperien immer über eine Vielzahl von Instrumenten verfügen müssen. Nur so können sie auf die unterschiedlichen Anforderungen reagieren. Schwartz verdeutlicht das am Beispiel der USA.
„The American empire operated through four sources of structural power: productive power, financial power, knowledge power and military power. Her refusal to reduce power to a single dimension is helpful in considering imperial systems, because different forms of power are emphasized in different subordinated zones.“
Schwartz (2026)
Ich würde hier eine weitere Ressource ergänzen: Politische Gestaltungsfähigkeit – die Fähigkeit einen Konsens in den Eliten des Zentrums über die Ziele des Imperiums herzustellen und diesen nach außen projizieren zu können. Dazu gehören u.a. realistische Einschätzungen lokaler Verhältnisse, Stabilität der internen Rekrutierungsprozesse, Diplomatie und Verhandlungsgeschick sowie die Fähigkeit anderen Eliten die Vorteile einer Unterordnung zu verdeutlichen.

4. Dominanz des imperialen Zentrums
Ein Imperium kann nicht durch ständige (innere) Kriege herrschen. Eine solche Herrschaft würde schnell zusammenbrechen. Zumal sie auch für die Zentrumseliten auf Dauer kaum profitabel ist. Entsprechend sind stabile Kooperationsstrukturen zwischen den Eliten des Zentrums und Peripherie essentiell. Letztlich muss ein Teil der dortigen Führungsschicht von der Kooperation mit dem Zentrum profitieren. Scheitert das Imperium daran, versagen die lokalen Eliten die Gefolgschaft.
Die Betonung von Kooperation sollte nie darüber hinwegtäuschen, dass das Zentrum Umfang und Art des Austausches festlegt. Damit bestimmt es auch, wie sich die Peripherie potentiell entwickeln kann. Denn die Machtressourcen sind asymmetrisch. Für das Imperium ist die militärische Auslöschung kleinerer Rivalen (meistens) ein gangbarer Weg. Die Peripherie verliert dann alles, die imperialen Eliten im Zweifel gar nichts.
5. Profite lokaler Eliten
Die lokalen Eliten profitieren auf unterschiedliche Weise vom Imperium. Ein Weg ist der materielle und soziale Aufstieg durch Heirat oder/und Leistung in die Herrschaftseliten des Imperiums. Die dynastische Ehepolitik des alten Chinas oder der Habsburger, das römische Bürgerrecht, die offene Einwanderungspolitik der USA oder auch die Verleihung der Staatsbürgerschaft nach dem Militärdienst sind etablierte Varianten.
Gedanke: Das wäre auch ein Erklärungsansatz für die pro-Amerikanische Politik des Bundeskanzlers Friedrich Merz. Der ehemalige Vorsitzende des Aufsichtsrats der deutschen Tochterfirma von BlackRock profitierte umfassend vom US-amerikanisch dominierten Kapitalmarkt. Folgerichtig propagiert er eine Aktienrente, die sowohl sein Vermögen mehren, als auch die Abhängigkeit Deutschlands vom imperialen Finanzmarkt verstärken wird. Merz steht für eine deutsche Regierung, die sich der imperialen Macht unterordnet. Sie folgt dem Zentrum, auch und insbesondere in Fragen der Wirtschafts-, Sicherheits- und Kulturpolitik. (Hartlap 2026)
Schwartz betont auch die besondere Rolle des (Fern-)Handels für die Stabilität von Imperien. Nur Großreiche können (potentiell) die für den Handel notwendige Infrastruktur wie Straßen, globale Kommuniaktions- und Währungssysteme etc. errichten sowie die Sicherheit der Handelsrouten über große Distanzen garantieren. Gleichzeitig bindet der Fernhandel die lokalen Eliten an das Imperium. Ohne diesen geht ihnen der Zugang zu Luxusgütern verloren. Ebenfalls lassen sich durch die Besteuerung des Fernhandels hohe Steuereinnahmen erzielen – eine zentrale Voraussetzung um die notwenigen Ressourcen zum Erhalt des Imperiums zu mobilisieren. Gleichzeitig können potentielle Rivalen durch Abschöpfung ihrer Ressourcen auf Linie gehalten werden.
„The most efficient and profitable strategy [for an Empire] was to control long-distance trade and the circulation of luxury goods. Their scarcity made such goods valuable sources of revenue and, critically, these resources were extracted from the elites. […] – as they often resisted taxation. […] That’s what the tribute system was about: by controlling external trade, the state secured access to scarce goods and used their distribution to extract wealth via taxation, thereby maintaining leverage over potential internal rivals.
Schwartz (2026)
In der Moderne zeigen sich aber auch neue Wege. Ein zentraler ist die Bindung lokaler Eliten über den imperialen Finanzmarkt. Durch Kredite, Unternehmensbeteiligungen, Gewinnbeteiligungen an Finanzunternehmen sowie Spekulationen kann die Kapitalakkumulation deutlich beschleunigt werden. Einfach formuliert – die loyalen Eliten der Peripherie werden noch schneller reich. Und das Zentrum profitiert dauerhaft von den Zinsen, Gebühren etc. Beispielsweise stabilisierten die Briten ihren Einfluss in Nord- und Südamerika, indem sie die weiße Oberschicht mit Krediten ausstatteten.
Die USA traten später in diese Fußstapfen. Aber sie erweiterten nach Schwartz diesen Mechanismus durch die Schaffung internationaler Patenten und Urheberrechten, deren Nutzung mit Gebühren belegt ist. Sie garantieren der loyalen Eliten der Peripherie eine Teilhabe an den Gewinnen des US-Imperialismus. (Schwartz 2026)
„They encouraged R&D investment in electronics, pharmaceuticals, and they changed international property rights at both the domestic and international levels. The Supreme Court validated the idea that novel biological entities created with the new biotechnologies could be patented. Congress passed a law making software copyrightable. They created new types of property rights, and generalized these intellectual property laws to the rest of the world in sectors that the US was or could be competitive in. Stronger copyright protections were great for Hollywood and the software industry. Stronger biotech patents were great for pharmaceutical exports. Agricultural liberalization reinforced US agro-industrial dominance, increasingly tied to biotechnology.“
Schwartz (2026)
6. Das Entwicklungsdilemma
Aber aus diesen Strategien entsteht für Imperien ein Dilemma. Einerseits muss das Zentrum ein Mindestmaß an Prosperität in der Peripherie garantieren, da es sonst die Gefolgschaft verliert, Steuer-, Zins- und Tributeinahmen schwinden und bedrohen so den Wohlstand des Zentrums. Andererseits darf die Peripherie nicht soweit aufholen, dass sie sich vom Zentrum emanzipieren kann.
„From the perspective of uneven and combined development, the central challenge for any imperial core is preserving the asymmetry between center and periphery—maintaining a decisive advantage in the capacity to mobilize resources and generate power. Yet under contemporary conditions, that gap tends to narrow far more rapidly than in previous eras.“
Schwartz (2026)
Der Spagat zwischen beiden Zielen ist schwierig. Zumal es auch bei einem (zu) schnellen Aufstieg der Peripherie Profiteure im Zentrum gibt. Diese stehen der Entwicklung positiv gegenüber und werden sie weiter befördern.
Der schnelle Aufstieg Chinas zum Rivalen der USA könnte u.a. hier seinen Ursprung haben. Die Förderung Chinas ab den 1970er Jahren sollte es aus dem Einfluss der UdSSR lösen und der USA dringend benötigte Wachstumsimpulse verschaffen – ähnlich wie es mit Japan funktioniert hat sowie mit Südkorea und Taiwan auch real aufging.
7. Niedergang von Imperien
Nach Schwartz verengt sich der Handlungsspielraum eines Imperiums, wenn Machtinstrumente schwinden. Es kann dann weniger flexibel und differenziert reagieren. In Folge sinkt der imperiale Einfluss bis zum Zusammenbruch.
Schwartz führt hier als Beispiel die aktuelle Politik von Trump an. Aus seiner Sicht verhindert dessen militaristische und volatile Außenpolitik die innere Reindustrialisierung sowie den Erhalt außenpolitischer Kooperationsstrukturen.
Schlussfolgerung: Macht muss immer in einer Vielzahl von Dimensionen gedacht werden. Nur militärische Macht alleine ist hohl und führt in die Sackgasse. Eine Warnung an die derzeitige Hochrüstung Deutschlands bzw. der EU bei gleichzeitig wirtschaftlicher und technologischer Schwäche sowie innerer Zerstrittenheit.
8. Zu füllende Lücken
Beim Interview von Schwartz bleiben für mich fünf Fragen offen:
A) Schwartz nimmt im Artikel keine Abgrenzung zwischen Reich bzw. Staat und Imperium sowie Staatensystem vor. Hinzu kommen Begriffe wie Kolonien, Protektorate und autonome Gebiete. Sicher lassen sich diese Begriffe nicht trennscharf voneinander abgrenzen. Aber ein Versuch wäre es wohl wert.
B) Fokus des Textes ist das US-Imperium sowie vergangene westliche Imperien wie das römische und das britische. Interessant wäre ein (quantifizierter?) Vergleich mit anderen Imperien der jüngsten Vergangenheit (insb. UdSSR) und vor allem der Gegenwart sowie darauf aufbauend der Blick in die Zukunft.
Wird das moderne China ein neues Imperium formen? Wie wird dieses aussehen? Aber hat es überhaupt das Ziel eines zu sein?
„China hat drei Ziele: Entwicklung, Souveränität und Sicherheit. Das sind klassische Forderungen eines ambitionierten Nationalstaates, nicht eines angehenden Imperiums. Angesichts der Größe Chinas und der im Kalten Krieg geschaffenen Strukturen in Asien birgt es aber Sprengstoff. Bedeutet das eine Herausforderung für die USA? Auf jeden Fall. Auch für seine Nachbarn haben Chinas Ambitionen handfeste Konsequenzen. Aber es bedeutet nicht, dass China die Rolle übernehmen wird, die die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innehatten, geschweige denn, dass Peking alte imperiale Vorstellungen aufwärmt. Das ist ein falscher Historismus.“
Adam Tooze (2026)
Ist Russland ein Imperium bzw. möchte es wieder diesen Status erlangen?
Wie schaut es mit der EU aus? Sie wird von Schwartz als den USA untergeordnet charakterisiert. Aber aus der Perspektive Nordafrikas und des Balkans sowie Teilen EU-Osteuropas wird sie sicher als Imperium wahrgenommen. (Hierbei müsste auch gezielt die Rolle Deutschlands untersucht werden.)
Was ist die Zukunft Indiens? Derzeit sicherlich kein Imperium – aber ist hier nicht ein Aufstieg in den nächsten Jahrzehnten möglich?
C) Antike Imperien waren voneinander isoliert. Beispielsweise wussten das römische Reich, die Maya-Zivilisation und das alte China nicht einmal das die anderen existierten. Aber spätestens mit der Entstehung globaler Kolonialreiche stellt sich die Frage der Koexistenz verschiedener Imperien inkl. deren Kooperation, gegenseitiger Durchdringung und Überlagerung sowie auch der nach den imperialer Kriege. Wie gestaltet sich das in der Gegenwart und kommenden Zukunft?
D) Schwartz geht intensiv auf die Bedeutung der Finanzmärkte ein. Meiner Meinung läuft er damit in die Falle einer Überbetonung bzw. des Geldfetischismus. (Kleinwächter 2022) Hier müsste mehr geistige Kraft aufgewendet werden, um wirklich alle fünf Dimensionen imperialer Macht (Technologie, Sicherheit, Finanzen, Produktion und Politik) abzuarbeiten. Das erfolgt hier nicht genügend. Aber vielleicht ist es auch genau das Problem des gegenwärtigen Westens – die mangelnde Fähigkeit Macht multidimensional zu denken?
Anton von Werner (1843 bis 1915) – Der 70. Geburtstag des Kommerzienrats
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Literaturverzeichnis
Crome, Erhard (2026): Wiedergelesen: Niall Ferguson. Das Blättchen. Berlin (Nr. 8 2026).
Hartlap, Detlef (2026): Der Trump im Merz. Das Blättchen. Berlin (Nr. 8 2026).
Kleinwächter, Kai (2022): Geldfetischismus. Tanz ums goldene Kalb. zeitgedanken.blog. Potsdam.
Schwartz, Herman Mark (2026): American Power. Empire Suicide Watch. In: Phenomenal World, 2026 (Issue 1).
Tooze, Adam (2026): »Das ist keine Übung«. Interview mit Adam Tooze. In: Zeit, 02.08.2026.
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