Diskussion – Faschismus oder Autoritäres System?

Crowded dystopian street with neon propaganda signs and armored patrol riders

Mit KC diskutierte ich ein interessantes Interview mit Alberto Toscano zur Definition des Faschismus. (Mercier und Dubiau 2026) Folgende X Thesen haben sich dabei ergeben.

1. Kampfbegriff, wissenschaftliche Kategorie oder … ?

Der Term Faschismus und mit ihm verwandte Begriffe wie Faschist, faschistisch etc. sind sowohl …
… Selbstbeschreibungen politischer Strömungen
… Wissenschaftliche Beschreibung politischer Kräfte und Entwicklungen
… Historische und auch gegenwärtige Realität
… Politische Kampfbegriffe, mit denen politische Gegner delegitimiert und Verbündete mobilisiert werden sollen

Je nach Kontext beziehen sich die Begriffe auf andere Erscheinungsformen. Die Anwendung des Terms auf Gegenstand X kann also durchaus korrekt sein – muss es aber nicht. Wer zuerst „Hitler“ ruft, hat nicht automatisch recht. Nicht selten ist sogar das Gegenteil der Fall. Soll der Term mehr sein, als nur eine Bestätigung von Godwin´s Law (Ruth 2024), muss er entsprechend zurückhaltend verwendet und vor allem mit klaren Definitionen versehen sein.

2. Wider dem Historismus

Der moderne Faschismusbegriff weist für Toscano v.a. zwei Probleme auf. Als erstes kritisiert er die doppelte Fixierung auf den historischen Faschismus der 20er bis 40er Jahre des letzten Jahrhunderts und hier vor allem auf den des III. Reiches. Dieser hinterließ mit seiner genozidalen Kriegsführung in Osteuropa (Kleinwächter 2026a) und dem Holocaust eine Quantität an Leichenbergen für die es kaum noch vergleichbares gibt.

Aber es gab nicht nur eine historische Erscheinung des Faschismus und es existieren bis in die Gegenwart zahlreiche faschistische Strömungen. Ein verengter Faschismusbegriff erfasst weder die unterschiedlichen faschistischen (Regierungs-)Systeme in Italien, Frankreich, Rumänien, Spanien … noch die Vielfalt faschistischen (Teil-)Strömungen, die sich auch erbarmungslos bekämpf(t)en. (Bsp.: „Röhm-Putsch“.) Dabei weisen faschistische Systeme (wie auch demokratische und sozialistische) große Unterschiede in ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Religions- und Kirchenpolitik, der Bedeutung von Massenorganisationen etc. auf. Und ja – auch im Umfang ihrer Gewalt nach innen und außen.

Aber wie schwer es ist, einen nicht primär historischen Faschismusbegriff zu entwickeln und durchzuhalten, zeigt sich auch im Interview mit Toscano. Er bemängelt zwar die einseitige Fixierung auf das III. Reich – aber bezieht sich dann immer wieder auf den italienischen Faschismus der 1920er Jahre. Aus meiner Sicht, ist das nicht unbedingt besser.

3. Kampfbegriff der Mitte

Als zweites kritisiert Toscano, dass der Begriff „Faschismus“ vom liberal-bürgerlichen Spektrum als Abwehr gegen politische Gegner genutzt wird. Historische Fixierung und Verwendung als Abwehrbegriff müssen dabei als Einheit gedacht werden. Sie bilden die Grundlagen einen propagandistischen Dualismus – herrschendes System oder Ausschwitz. Wenn die Verbrechen des III. Reichs der einzige Maßstab sind, geraten der strukturelle Rassismus und die systematische Gewalt der „liberalen Demokratien“ aus dem Blick. Selbst brutalste Grenzregime (Kleinwächter 2022a), Kriege mit Millionen von Opfern (Kleinwächter 2022b) sowie der bis heute anhaltende Neokolonialismus erscheinen nicht (mehr so) schlimm. 

Gerne wird dieser Mechanismus auch nach links angewendet – Bsp.: Ökofaschisten oder „Rot-Lackierte-Faschisten“. Letzterer Term stammt vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher in den 1950er Jahren und wurde gerne von Helmut Kohl in den 1990er Jahren gegen die PDS aufgegriffen. (Beutler 2011)

Aus bürgerlicher Sicht wird so das herrschende kapitalistische System zur einzig realistischen Lösung verklärt. Als Bollwerk gegen den Faschismus – sei er von rechts oder links kommend. Konsequenz: Der neoliberale Kapitalismus inkl. seiner Kriege wird „alternativlos“. Die Ablehnung des faschistischen Imperialismus legitimiert den „liberalen bzw. demokratischen Imperialismus“. (Mercier und Dubiau 2026) Antifaschistische Rhetorik wird so zu einer ideologischen Stütze westlicher Imperien. (Kleinwächter 2026b)

In Folge wird selbst die Apartheid in Südafrika oder das derzeitige Israel nicht mehr als faschistisch charakterisiert. Aber sind diese politischen Systeme nicht genau das?

Schlussfolgerung

Die Definition des Faschismus muss…
… sich nicht nur auf historische Beispiele anwenden lassen
… auch politische Systeme umfassen, die nicht Völkermorde begehen und große Kriege anzetteln
… Flexibel genug sein, sich wandelnde Erscheinungsformen anzupassen
… Kein reiner Abwehrbegriff gegen andere Strömungen sein

4. Fluides Kontinuum

Toscano lehnt das Aufstellen fester Kriterien zur Markierung von faschistischen Systemen ab.

Stattdessen betont er, dass faschistische Systeme sich aus imperialen und kolonialen Strukturen heraus entwickeln. Dabei muss die Errichtung eines faschistischen Systems nicht unbedingt das gesetzte Ziel sein. Als Beispiel dient ihm die Entstehung des italienischen Faschismus im 20. Jahrhundert.

Die Haltung von Toscano muss kritisch betrachtet werden. Einerseits weist er richtig darauf hin, dass Faschismus wie auch andere politische Strömungen nicht eindeutig voneinander abgrenzbar sind. Es existieren Graubereiche, in denen eine Strömung in die andere übergeht. Zumal die reale Politik, wenn eine Strömung an die Macht kommt, meist von der Ideologie bzw. reinen Lehre deutlich abweicht. Ebenfalls ist richtig, dass er immer wieder die Verknüpfung von Kapitalismus und Faschismus anspricht. Letzterer entwickelt sich aus dem ersten heraus. Er knüpft damit an die klassische marxistische Faschismus-Definition an – unterscheidet sich aber durch eine geringere Betonung des Klassencharakters des Faschismus auch von ihr, .

Andererseits aber leistet Toscano damit einer Haltung Vorschub, alles und jeden, der autoritär ist – oder den man dafür halten will – als faschistisch zu bezeichnen. Er selbst verwendet auch für lateinamerikanische Diktaturen, die arabischen autoritären Regime sowie den Zionismus den Term faschistisch. (Mercier und Dubiau 2026)

Daraus entwickeln sich für mich Fragen:
=> Wenn gilt autoritär-kapitalistisch = faschistisch, ist dann in der Moderne nicht jeder autoritäre Staat ein faschistisches Regime?
=> Worin liegt dann der Unterschied zwischen einem autoritären Staat und einem faschistischen?
=> Wären dann nicht auch von links kommende Systeme wie China faschistische Staaten?

5. Die Zukunft ist offen

Die Entgrenzung des Begriffs führt in die falsche Richtung. Letztlich braucht es eine Kombination des Ansatzes von Toscano (Faschismus als fluide Entwicklung kapitalistischer Systeme) sowie der Abarbeitung von Merkmalen zur Charakterisierung als auch Abgrenzung des Faschismus von autoritären Systemen.

Geschichte ist immer ein offener Prozess. Nicht jedes kapitalistische System kippt in Richtung totalitärer Faschismus. Im Gegenteil, die meisten blieben bisher im Graubereich zwischen demokratischen und autoritären Systemen, wo es viele Abstufungen gab und gibt.

Damit entgeht ihm auch eine dritte mögliche Variante gesellschaftlicher Entwicklung, die sich in Ungarn mit Viktor Orbán und in den USA mit Donald Trump durchgesetzt hat. Sie bricht mit der bestehenden Demokratie, ohne dass es sich deshalb schon um Faschismus handelt.

Viele der derzeit dominanten Strömungen können gut als autoritär mit Einschluss faschistischer Elemente charakterisiert werden. Dazu gehört ein interessanter, aber bisher zu wenig diskutierter Gedanke von Kapfinger (2026): Der Rechtsruck der Gegenwart sollte nicht mit den 1920er Jahren verglichen werden, sondern mit den 1960er Jahren. Damit würde der Weimar-Analogie eine politisch produktive „Alternative gegenübergestellt“. (Kapfinger 2026) Der Faschismus wäre nicht mehr unaufhaltsam.

Für die Unterscheidung konservativer, autoritärer und faschistischer Strömungen spricht auch ein pragmatischer Grund: Wenn neoliberale bzw. konservative Strömungen als faschistisch gelabelt werden, wo gibt es dann noch potentielle Bündnispartner für eine Linke, die realpolitisch etwas erreichen möchte?

Literaturverzeichnis

Beutler, Sebastian (2011): Woher kommt der Begriff „rot- lackierte Nazis“? In: sächsische.de, 08.04.2011.

Dimitroff, Georgi (1935): Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. Bericht auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale. Moskau.

Horkheimer, Max (1980): Die Juden und Europa. In: Max Horkheimer (Hg.): Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang 8 1939 -1940. photomechan. Nachdr. d. Ausg. 1932 – 1941. München: Dt. Taschenbuch-Verl. (dtv-reprint), S. 115–137.

Kapfinger, Emanuel (2026): Weder Demokratie noch Faschismus. Die gegenwärtige Rechtsentwicklung lässt sich am besten mit dem Begriff des Autoritarismus fassen. Ein Debattenbeitrag. In: junge Welt, 28.07.2026.

Kleinwächter, Kai (2022a): Nachdenken über Staatsgrenzen. In: zeitgedanken.blog, 11.09.2022.

Kleinwächter, Kai (2022b): Münkler – Kriegssplitter – Veraltete Geostrategie. In: zeitgedanken.blog, 07.12.2022.

Kleinwächter, Kai (2026a): Angriff auf die Sowjetunion – Ein genozidaler Feldzug. In: zeitgedanken.blog, 15.07.2026.

Kleinwächter, Kai (2026b): Diskussion – Was sind Imperien? In: zeitgedanken.blog, 31.07.2026.

Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine (2026): Vectors of Fascism. Interview with Alberto Toscano. In: Communis, 13.06.2026.

Ruth, Michael (2024): Godwin’s law. EBSCO. Ipswich (USA).

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