„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“
Max Horkheimer (1980, S. 115)
Mit KC diskutierte ich ein interessantes Interview mit Alberto Toscano zur Definition des Faschismus. (Mercier und Dubiau 2026) Folgende X Thesen haben sich dabei ergeben.
1. Kampfbegriff, wissenschaftliche Kategorie oder … ?
Der Term Faschismus und mit ihm verwandte Begriffe wie Faschist, faschistisch etc. sind sowohl …
… Selbstbeschreibungen politischer Strömungen
… Wissenschaftliche Beschreibung politischer Kräfte und Entwicklungen
… Historische und auch gegenwärtige Realität
… Politische Kampfbegriffe, mit denen politische Gegner delegitimiert und Verbündete mobilisiert werden sollen
Je nach Kontext beziehen sich die Begriffe auf andere Erscheinungsformen. Die Anwendung des Terms auf Gegenstand X kann also durchaus korrekt sein – muss es aber nicht. Wer zuerst „Hitler“ ruft, hat nicht automatisch recht. Nicht selten ist sogar das Gegenteil der Fall. Soll der Term mehr sein, als nur eine Bestätigung von Godwin´s Law (Ruth 2024), muss er entsprechend zurückhaltend verwendet und vor allem mit klaren Definitionen versehen sein.
2. Wider dem Historismus
Der moderne Faschismusbegriff weist für Toscano v.a. zwei Probleme auf. Als erstes kritisiert er die doppelte Fixierung auf den historischen Faschismus der 20er bis 40er Jahre des letzten Jahrhunderts und hier vor allem auf den des III. Reiches. Dieser hinterließ mit seiner genozidalen Kriegsführung in Osteuropa (Kleinwächter 2026a) und dem Holocaust eine Quantität an Leichenbergen für die es kaum noch vergleichbares gibt.
„In this context, the prevailing discourse consisted of drawing, in a highly simplified and dehistoricized manner, parallels with European fascism of the interwar period. […] Another problem with many of these definitions is that they implicitly conceptualize fascism through the lens of Nazism […] This is problematic, from both a historical and an analytical perspective.“
Alberto Toscano (Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine 2026)
Aber es gab nicht nur eine historische Erscheinung des Faschismus und es existieren bis in die Gegenwart zahlreiche faschistische Strömungen. Ein verengter Faschismusbegriff erfasst weder die unterschiedlichen faschistischen (Regierungs-)Systeme in Italien, Frankreich, Rumänien, Spanien … noch die Vielfalt faschistischen (Teil-)Strömungen, die sich auch erbarmungslos bekämpf(t)en. (Bsp.: „Röhm-Putsch“.) Dabei weisen faschistische Systeme (wie auch demokratische und sozialistische) große Unterschiede in ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Religions- und Kirchenpolitik, der Bedeutung von Massenorganisationen etc. auf. Und ja – auch im Umfang ihrer Gewalt nach innen und außen.
Aber wie schwer es ist, einen nicht primär historischen Faschismusbegriff zu entwickeln und durchzuhalten, zeigt sich auch im Interview mit Toscano. Er bemängelt zwar die einseitige Fixierung auf das III. Reich – aber bezieht sich dann immer wieder auf den italienischen Faschismus der 1920er Jahre. Aus meiner Sicht, ist das nicht unbedingt besser.
3. Kampfbegriff der Mitte
Als zweites kritisiert Toscano, dass der Begriff „Faschismus“ vom liberal-bürgerlichen Spektrum als Abwehr gegen politische Gegner genutzt wird. Historische Fixierung und Verwendung als Abwehrbegriff müssen dabei als Einheit gedacht werden. Sie bilden die Grundlagen einen propagandistischen Dualismus – herrschendes System oder Ausschwitz. Wenn die Verbrechen des III. Reichs der einzige Maßstab sind, geraten der strukturelle Rassismus und die systematische Gewalt der „liberalen Demokratien“ aus dem Blick. Selbst brutalste Grenzregime (Kleinwächter 2022a), Kriege mit Millionen von Opfern (Kleinwächter 2022b) sowie der bis heute anhaltende Neokolonialismus erscheinen nicht (mehr so) schlimm.
„At that time, the resurgence of fascist rhetoric tended to portray it as a sort of exception or aberration with respect to a liberal, capitalist, and democratic norm. When the term „fascism“ was invoked, it was often to reinforce or legitimize this normative conception of liberalism.“
Alberto Toscano (Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine 2026)
Gerne wird dieser Mechanismus auch nach links angewendet – Bsp.: Ökofaschisten oder „Rot-Lackierte-Faschisten“. Letzterer Term stammt vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher in den 1950er Jahren und wurde gerne von Helmut Kohl in den 1990er Jahren gegen die PDS aufgegriffen. (Beutler 2011)
Aus bürgerlicher Sicht wird so das herrschende kapitalistische System zur einzig realistischen Lösung verklärt. Als Bollwerk gegen den Faschismus – sei er von rechts oder links kommend. Konsequenz: Der neoliberale Kapitalismus inkl. seiner Kriege wird „alternativlos“. Die Ablehnung des faschistischen Imperialismus legitimiert den „liberalen bzw. demokratischen Imperialismus“. (Mercier und Dubiau 2026) Antifaschistische Rhetorik wird so zu einer ideologischen Stütze westlicher Imperien. (Kleinwächter 2026b)
„Der liberale [bzw. bürgerliche] Faschismusbegriff gründet weniger auf einem systematischen historischen Vergleich als vielmehr auf seinem politischen Mobilisierungspotential. Da die heutige Rechte aber große Unterschiede zum historischen Faschismus aufweist, werden paradoxe Begriffe wie das Oxymoron ´demokratischer Faschismus`[, Post- oder Spätfaschismus] entwickelt.“
Kapfinger 2026
In Folge wird selbst die Apartheid in Südafrika oder das derzeitige Israel nicht mehr als faschistisch charakterisiert. Aber sind diese politischen Systeme nicht genau das?
Schlussfolgerung
Die Definition des Faschismus muss…
… sich nicht nur auf historische Beispiele anwenden lassen
… auch politische Systeme umfassen, die nicht Völkermorde begehen und große Kriege anzetteln
… Flexibel genug sein, sich wandelnde Erscheinungsformen anzupassen
… Kein reiner Abwehrbegriff gegen andere Strömungen sein
4. Fluides Kontinuum
Toscano lehnt das Aufstellen fester Kriterien zur Markierung von faschistischen Systemen ab.
„But the very terms of the debate were already constrained by a presupposition: the idea that fascism possessed a relatively stable core that could be defined, mapped, and cataloged, and that its singular historical form was that of the interwar period. From that point on, it was simply a matter of verifying whether or not a sufficient number of its supposed characteristics were present, in a sort of checklist logic. […] My response to this […] was that this assumption did not hold up.“
Alberto Toscano (Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine 2026)
Stattdessen betont er, dass faschistische Systeme sich aus imperialen und kolonialen Strukturen heraus entwickeln. Dabei muss die Errichtung eines faschistischen Systems nicht unbedingt das gesetzte Ziel sein. Als Beispiel dient ihm die Entstehung des italienischen Faschismus im 20. Jahrhundert.
„In the 1920s, Italian fascism emerged explicitly as a form of ultra-nationalist violence—first parastatal and then State-sanctioned—intended to defend relations of property and exploitation. It did not begin as a totalitarian system or as a planned economy.“
Alberto Toscano (Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine 2026)
Die Haltung von Toscano muss kritisch betrachtet werden. Einerseits weist er richtig darauf hin, dass Faschismus wie auch andere politische Strömungen nicht eindeutig voneinander abgrenzbar sind. Es existieren Graubereiche, in denen eine Strömung in die andere übergeht. Zumal die reale Politik, wenn eine Strömung an die Macht kommt, meist von der Ideologie bzw. reinen Lehre deutlich abweicht. Ebenfalls ist richtig, dass er immer wieder die Verknüpfung von Kapitalismus und Faschismus anspricht. Letzterer entwickelt sich aus dem ersten heraus. Er knüpft damit an die klassische marxistische Faschismus-Definition an – unterscheidet sich aber durch eine geringere Betonung des Klassencharakters des Faschismus auch von ihr, .
„Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. Er hat die Dreistigkeit, sich Nationalsozialismus zu nennen, obwohl er nichts mit Sozialismus gemein hat.“
Dimitroff 1935
Andererseits aber leistet Toscano damit einer Haltung Vorschub, alles und jeden, der autoritär ist – oder den man dafür halten will – als faschistisch zu bezeichnen. Er selbst verwendet auch für lateinamerikanische Diktaturen, die arabischen autoritären Regime sowie den Zionismus den Term faschistisch. (Mercier und Dubiau 2026)
Daraus entwickeln sich für mich Fragen:
=> Wenn gilt autoritär-kapitalistisch = faschistisch, ist dann in der Moderne nicht jeder autoritäre Staat ein faschistisches Regime?
=> Worin liegt dann der Unterschied zwischen einem autoritären Staat und einem faschistischen?
=> Wären dann nicht auch von links kommende Systeme wie China faschistische Staaten?
5. Die Zukunft ist offen
Die Entgrenzung des Begriffs führt in die falsche Richtung. Letztlich braucht es eine Kombination des Ansatzes von Toscano (Faschismus als fluide Entwicklung kapitalistischer Systeme) sowie der Abarbeitung von Merkmalen zur Charakterisierung als auch Abgrenzung des Faschismus von autoritären Systemen.
Geschichte ist immer ein offener Prozess. Nicht jedes kapitalistische System kippt in Richtung totalitärer Faschismus. Im Gegenteil, die meisten blieben bisher im Graubereich zwischen demokratischen und autoritären Systemen, wo es viele Abstufungen gab und gibt.
Damit entgeht ihm auch eine dritte mögliche Variante gesellschaftlicher Entwicklung, die sich in Ungarn mit Viktor Orbán und in den USA mit Donald Trump durchgesetzt hat. Sie bricht mit der bestehenden Demokratie, ohne dass es sich deshalb schon um Faschismus handelt.
„Damit [verschwindet] eine dritte mögliche Variante gesellschaftlicher Entwicklung, die sich in Ungarn mit Viktor Orbán und in den USA mit Donald Trump durchgesetzt hat. [… Wird dieser] Zwischenzustand als Faschisierung analysiert, ist die zukünftige Entwicklung in Richtung Faschismus im Grunde vorgezeichnet ist. […] Damit verschließt [man sich…] der Ambivalenz und der Offenheit der Entwicklung.“
Kapfinger 2026
Viele der derzeit dominanten Strömungen können gut als autoritär mit Einschluss faschistischer Elemente charakterisiert werden. Dazu gehört ein interessanter, aber bisher zu wenig diskutierter Gedanke von Kapfinger (2026): Der Rechtsruck der Gegenwart sollte nicht mit den 1920er Jahren verglichen werden, sondern mit den 1960er Jahren. Damit würde der Weimar-Analogie eine politisch produktive „Alternative gegenübergestellt“. (Kapfinger 2026) Der Faschismus wäre nicht mehr unaufhaltsam.
„Auch damals gab es ein übergreifendes Parteienbündnis ohne echte Opposition, vor allem in der Zeit der Großen Koalition 1966–1969. Sozialistische Kräfte waren verboten oder an den Rand gedrängt. Die CDU drängte auf die Außerkraftsetzung liberal-demokratischer Prozeduren und setzte mit der Notstandsgesetzgebung autoritäre Prinzipien durch. Wie auch heute war ein ´neuer Rechtsradikalismus` (so Adorno 1967) entstanden, und die NPD erzielte die größten Erfolge ihrer Geschichte – sie war nicht zuletzt in sieben Landtagen vertreten.“
Kapfinger 2026
Für die Unterscheidung konservativer, autoritärer und faschistischer Strömungen spricht auch ein pragmatischer Grund: Wenn neoliberale bzw. konservative Strömungen als faschistisch gelabelt werden, wo gibt es dann noch potentielle Bündnispartner für eine Linke, die realpolitisch etwas erreichen möchte?
Literaturverzeichnis
Beutler, Sebastian (2011): Woher kommt der Begriff „rot- lackierte Nazis“? In: sächsische.de, 08.04.2011.
Dimitroff, Georgi (1935): Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. Bericht auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale. Moskau.
Horkheimer, Max (1980): Die Juden und Europa. In: Max Horkheimer (Hg.): Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang 8 1939 -1940. photomechan. Nachdr. d. Ausg. 1932 – 1941. München: Dt. Taschenbuch-Verl. (dtv-reprint), S. 115–137.
Kapfinger, Emanuel (2026): Weder Demokratie noch Faschismus. Die gegenwärtige Rechtsentwicklung lässt sich am besten mit dem Begriff des Autoritarismus fassen. Ein Debattenbeitrag. In: junge Welt, 28.07.2026.
Kleinwächter, Kai (2022a): Nachdenken über Staatsgrenzen. In: zeitgedanken.blog, 11.09.2022.
Kleinwächter, Kai (2022b): Münkler – Kriegssplitter – Veraltete Geostrategie. In: zeitgedanken.blog, 07.12.2022.
Kleinwächter, Kai (2026a): Angriff auf die Sowjetunion – Ein genozidaler Feldzug. In: zeitgedanken.blog, 15.07.2026.
Kleinwächter, Kai (2026b): Diskussion – Was sind Imperien? In: zeitgedanken.blog, 31.07.2026.
Mercier, Lucie K.; Dubiau, Antoine (2026): Vectors of Fascism. Interview with Alberto Toscano. In: Communis, 13.06.2026.
Ruth, Michael (2024): Godwin’s law. EBSCO. Ipswich (USA).
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