So mancher, der im August 61
den Weg durch Berlin nach Hause nahm,
ahnte nicht, dass er diesen Weg
für lange Zeit nicht mehr gehen kann.
Ob Eltern, ob Großeltern, nahe Verwandte –
man konnt‘ sie ganz plötzlich nicht mehr seh‘n,
auch dann nicht, wenn sie vielleicht Hilfe brauchten –
da ist nicht nur eine Tragödie gescheh‘n …
Den Weg zwischen Ost und West haben damals
allerdings nicht nur die genommen,
die grade von einem Familienbesuch
von nahen Verwandten zurückgekommen.
Die offene Grenze zu Westberlin –
wie eine Tür, die nicht schließen kann.
Spione, Agenten und Saboteure
nahmen die „Einladung“ gerne an…
Destabilisierung und Abwanderung
von Fachkräften, das war die leidige Folge,
was unser im Aufbau befindliches Land
so nach und nach schwächen und ausbluten sollte.
Ob Schule, ob Lehre, ob Studium –
die DDR-Ausbildung war exzellent
(mit Resultaten, wie man sie
heutzutage schon lang nicht mehr kennt…).
Ob Ingenieure, ob Wissenschaftler,
ob Ärzte – und Sportler natürlich auch –
hoch qualifiziert und leistungsfähig –
sie abzuwerben, war üblicher Brauch.
Die Schließung der Grenze verschaffte dem Land
zunächst einmal eine Atempause.
Doch trotz guter Bildung und Planwirtschaft –
der Mangel, der blieb hier stets zu Hause…
Wie anders die glitzernde Welt des Westens
mit Überfluss scheinbar ohne Ende.
So mancher riskierte dafür sein Leben,
für viele ein Sehnsuchtsort – bis zur „Wende“…
Für jeden Staat ist es legitim,
die eigenen Grenzen wirksam zu schützen.
Doch wie ein Korsett auch nach innen gerichtet
kann so ein Schutz auf die Dauer nicht nützen.
Die bess’re Gesellschaft sollte es werden –
den Weg dahin war man dabei zu erkunden.
Ach, hätt‘ man für dieses hehre Ziel
auch bessere Mittel und Wege gefunden…
Berlin ist nun wieder ein Großes und Ganzes –
doch ohne Grenze auch heute nicht:
Sie läuft wieder zwischen Armen und Reichen.
Die bessere Welt hat ein and’res Gesicht …
Lotka Reinicke 8/24
Bild (Startbild): Gedenkmarkierung für die Berliner Mauer in Berlin-Staaken (auf dem Gehweg am Nennhauser Damm) von Wikipedia.org Autor: DorisAntony Lizenz: Creative Commons Share Alike 4.0 International CC BY-SA 4.0.
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