Strukturelle Kriegsunfähigkeit oder Genozid

Protesters holding colorful signs confront riot police in a futuristic urban street under many flying drones with spotlights

Die aktuelle Diskussion um zukünftige Militäreinsätze erinnert an Märchen – nach dem Tod des bösen Zauberers ist alles gut und sie leben glücklich bis ans Ende aller Tage…

Aber in der Realität beginnen nach den Kampfhandlungen die Mühen der Besatzung. Nach der Ausschaltung der gegnerischen Kräfte bricht die staatliche Ordnung in den besetzten Gebieten meist weitgehend zusammen. Der Auftrag der Besatzungsmacht geht dann über eine rein militärische Aufstandsbekämpfung hinaus. Für die dann anstehenden Aufgaben wie die Garantie öffentlicher Sicherheit, die Versorgung der Bevölkerung oder den Aufbau neuer Institutionen braucht es hinreichendes (Besatzungs-)Personal. Kann diese Quantität nicht (dauerhaft) aufgebracht werden, ist eine politische und ökonomische Stabilisierung unwahrscheinlich.

Wohlgemerkt die Durchsetzung einer öffentlichen Ordnung schafft erst die Vorrausetzung für eine anhaltende Stabilität. Sie ist aber kein Garant, dafür sind politische und wirtschaftliche Prozesse notwendig, die nicht mehr im militärischen Bereich liegen.

Die Quantität der benötigten Streitkräfte hängt vor allem vom Umfang der Bevölkerung in dem besetzten Gebiet ab. (Militärische) Faktoren wie der Umfang des Wiederstandes, die Dauer der Stationierung, Rotationsgeschwindigkeit der Besatzungsarmee oder Geographie treten dann hinzu. Sie modifizieren den Bedarf, der aber erstmal ein gewisses Niveau haben muss.

Wieviele Soldaten sind für eine Besetzung nötig?

Wie viele Soldaten mindestens benötigt werden lässt sich nur schätzen. James T. Quinlivan. (Quinlivan 1995), ein Analyst der RAND-Corporation, leitete den Bedarf aus historischen Beispielen ab. Wobei er zuerst darauf hinweist, dass schon zu Friedenszeiten in Ländern wie Deutschland auf 1.000 Einwohner drei bis vier Sicherheitskräfte kommen. Dazu zählen Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten sowie die zivilen Beschäftigten.

Besatzungskräfte müssen nach einem Krieg Personal über dieses Niveau hinaus stellen. Beispielsweise betrug nach der Befreiung Deutschlands 1945 das Verhältnis Einwohner zu aktiven US-Soldaten in der US-amerikanischen Besatzungszone mehr als zwei Soldaten pro 1.000 Einwohner. Und das obwohl es keinen (organisierten) Widerstand mehr gab, die politischen Eliten kooperierten und die deutsche Polizei noch in Teilen funktionierte.

Tritt allerdings politischer oder sogar militärischer Widerstand auf, explodiert die benötigte Quantität an Besatzungskräften förmlich. Quinlivan führt hier den Einsatz der britischen Armee in Nordirland an. (Quinlivan 1995, S. 4) England musste über Jahrzehnte circa 32.000 Soldaten und Polizisten bei 1,6 Millionen Einwohnern aufwenden, um die Lage zu stabilisieren. Ein Verhältnis von ungefähr 20 Sicherheitskräften zu 1.000 Einwohnern. Eine Reduzierung konnte erst mit dem Friedensprozess Anfang der 1990er Jahre erreicht werden.

Wichtig ist dabei, dass die obigen Zahlen sich auf das vor Ort stationierte (direkt kampffähige) Personal beziehen. Dazu kommen nicht im Besatzungsgebiet stationierte Kräfte für Logistik, Ausbildung, Organisation etc. und die Rotation des aktiven Sicherheitspersonals in das sichere Kernland zur Regeneration, Reorganisation und Training. Zusammengenommen bedeutet das mindestens eine Verdopplung der insgesamt benötigten Personalstärke.

Westliche Niederlagen im Irak und Afghanistan

Diese Überlegungen zeigen eine wesentliche Ursache für die militärischen Niederlagen des Westens im Irak und Afghanistan. Im Irak waren selbst zu Hochzeiten des Krieges maximal 200.000 ausländische Soldaten stationiert. Bei einer Bevölkerung von knapp 25 Millionen (2002) entsprach das einem Verhältnis von 8 Soldaten auf 1.000 Iraker. In Afghanistan betrug das Verhältnis Besatzungssoldat zu Einwohner am Anfang etwa zwei zu 1.000 und wurde bis 2012 auf etwa fünf zu 1.000 erhöht. Die Quantität der Soldaten reichte in beiden Konflikten nie, um die öffentliche Sicherheit außerhalb einiger städtischer Zentren zu garantieren. Von einem militärischen Sieg ganz zu schweigen.

Bei einem Verhältnis wie im Nordirlandkonflikt wäre in beiden Kriegen eine Stationierung von deutlich über 500.000 aktiven Soldaten notwendig gewesen. Inklusive Rotation, Logistik etc. hätte jeder der beiden Kriege dann mehr als einer Millionen Soldaten absorbiert. Die USA-Armee hat derzeit eine Personalstärke von knapp 1,3 Millionen. Selbst mit ihrer gesamten militärischen Stärke hätten sie kaum die Kraft gehabt auch nur eine der beiden Besatzungen durchzuhalten – ohne nahezu alle anderen Aufgaben inklusive der Landesverteidigung aufzugeben.

Beispiel Iran

Werden diese Verhältnisse auf die derzeitige Bevölkerung in möglichen Krisengebieten übertragen ergeben sich ebenfalls exorbitante Quantitäten. So hat der Iran derzeit 90 Millionen Einwohner. In einem äußerst günstigen Szenario ohne militärischen Widerstand gegen eine Besatzung, also bei zwei Soldaten auf 1000 Einwohner, wären circa 200.000 Soldaten notwendig. Mit Rotation, Logistik etc. bräuchte es dann ungefähr eine halbe Millionen Besatzungssoldaten.

Im realistischeren Szenario „Nordirland“ wären wohl in Richtung vier Millionen Soldaten notwendig. Zum Vergleich: In den EU-Staaten sind derzeit 1,5 Millionen aktive Soldaten vorhanden und in China circa zwei Millionen. Die EU müsste das Personal ihrer Streitkräfte mindestens verdreifachen, die USA sogar verfierfachen. Selbst China, der Staat mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt, müsste seine Streitkräfte mindestens verdoppeln, um eine erfolgreiche Besatzung durchzuführen. Für weitere militärische Aufgaben, einschließlich der Landesverteidigung, hätte keiner der genannten dann noch Kapazitäten übrig.

Welcher Staat bzw. welches Militärbündnis könnte überhaupt noch genügend Kräfte für eine Besetzung des Irans aufbringen? Und wie sieht es dann mit Russland aus, dass aktuelle 143 Millionen Einwohner hat?

Sicherheitspolitische Schlussfolgerungen

Das Scheitern im Irak und in Afghanistan zeigt deutlich, dass eine erfolgreiche Besetzung schon an der Quantität der benötigten Soldaten scheiterte. Daraus können drei völlig unterschiedliche politische Schlussfolgerungen gezogen werden.

1. Strukturelle Kriegsunfähigkeit: Die Kosten einer Besatzung sind für den Angreifer zu hoch. Abgesehen von Zwergstaaten ist es gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung unmöglich, eine politische Stabilisierung nach dem Ende der Kampfhandlungen zu erreichen. In Folge zerfällt der besiegte Staat und zurück bleibt eine von Gewalt deformierte Gesellschaft ohne Entwicklungsperspektive. Unter der Zielstellung zukünftigen Wohlstandes auch für den besiegten Staat sind Kriege nicht mehr „gewinnbar“. Um internationale Konflikte beizulegen müssen andere Lösungsmechanismen jenseits militärischer Gewalt gefunden werden.

2. Ausgelagerte Besatzung: Das Machtinstrument militärische Gewalt bleibt erhalten, aber der Einsatz eigenen Soldaten bei Kampfhandlungen und Besetzung wird auf das absolute Minimum begrenzt. Dafür sollen gegnerische Eliten sich möglichst politisch unterwerfen. Nachgeholfen wird mit Sanktionen, Wirtschaftskriegen oder ihrer Ermordung, oder auch, indem sie korrumpiert werden. Wesentlich dafür ist die gezielte wirtschaftliche, politische und militärische Schwächung des gegnerischen Systems – sei es durch Propagandakampagnen, Wirtschaftsblockaden oder Terroranschlägen.

Ein zentrales Instrument sind bei diesem Ansatz lokale Verbündete (und Söldner), die die „Drecksarbeit“ für den Angreifer übernehmen. Aus deren Reihen rekrutiert sich der Kern der neuen „freundlichen“ Eliten sowie der neuen Sicherheitskräfte, die für eine Stabilisierung und den Neuaufbau des Staates sorgen. Eigene Besatzungskräfte könnten so auf ein Minimum reduziert werden.

Aber im Irak und Afghanistan wurden diese Verbündeten schnell selbst zum Problem. Ob Nordallianz, Peschmerga oder Sons of Iraq – sie alle fielen durch eine tiefe Verstrickung in die organisierte Kriminalität, nachhaltige Plünderung staatlicher Ressourcen, einer ausufernder (ethnischen) Gewalt bis hin zu Separatismus und vor allem dem Desinteresse an stabilen gesamtstaatlichen Strukturen auf. Letztlich wurden sie zu Keimzellen neuer militärischer Gegnern der westlichen Truppen. Das bekannteste Beispiel ist der Islamische Staat, der sich auch wesentlich aus den Sons of Iraq entwickelte. Die verlorenen Kriege zeigen, dass selbst eine militärische Stabilisierung über reine Gewalt kaum gelingt, wenn nicht genügend Kräfte zur Verfügung stehen. Am Ende gaben die USA das Ziel, diese Staaten zu entwickeln, de facto auf.

3. Vernichtungskriege: Im Zuge der Niederlagen in Afghanistan und Irak gewann eine radikalere Kriegsstrategie (wieder) an Einfluss. Nicht die Anzahl der Soldaten wird erhöht, sondern die gegnerische Bevölkerung drastisch reduziert. Sie soll nicht beherrscht, sondern dauerhaft gebrochen und vertrieben werden. Die massenhafte Vertreibung und Tötung von Zivilisten wird zum eigentlich Ziel der Kriegsführung. Eine „klassische“ Besatzung nach dem Krieg ist dann weitgehend überflüssig. Es gibt keinen Widerstand mehr, da die Menschen, die ihn tragen könnten, nicht mehr da sind.

Genozidale Strategien

Ansätze dieser tendenziell genozidalen Strategie fanden sich bereits in den US-amerikanischen Kriegen im Irak und Afghanistan. So wurden im Rahmen der „Shock and Awe – Strategie“ ganze Dörfer und Städte vernichtet. Das bekannteste Beispiel ist Falludsha. Ebenfalls wurden ethnisch unpassende Bevölkerungsgruppen vertrieben. Sehr umfassend betrieben die USA diese Politik beispielsweise in Bagdad, wo ganze Viertel ethnisch homogenisiert und anschließend voneinander abgeschottet wurden. Ebenfalls setzen die USA und ihre Verbündeten in beiden Kriegen Hunger und Unterversorgung als Waffe ein – Stämme, Dörfer, Regionen … die nicht kooperierten erhielten keine Hilfsgüter mehr.

Der Tod unzähliger Zivilisten war immer mit einkalkuliert. Die massiven Kriegsverbrechen sollten die mangelnde Kraft für eine umfassende Besatzung ausgleichen. Nach heutigen Schätzungen starben im „Global War on Terror“ der USA, mit den Hauptkriegsplätzen Irak und Afghanistan, mindestens 4,5 Millionen Menschen. (Savell 2023) Nur ca. 900.000 davon waren direkte Kriegstote. Die Mehrheit starb an den indirekten Folgen – insbesondere mangelnde medizinische Versorgung sowie Unterversorgung mit Lebensmitteln.

Aber selbst diese horrenden Opfer waren nicht genug. Wiederholt vorgebrachte Forderung nach dem Einsatz von Flächenwaffen oder sogar von Atombomben zeugen davon, wie weit viele Kriegsbefürworter gehen wollten.

Gegenwärtig setzt sich die dritte Strategie im Westen durch. Flächendeckendes Bombardements von zivilen Zielen, insbesondere Energie- und Bildungssystem, staatliche Behörden, Medien und medizinische Einrichtungen sind Teil der westlichen Kriegsführung wie im Iran zu sehen war.

Ebenfalls überlässt der Westen und auch Deutschland seinen Verbündeten freie Hand bei der Anwendung dieser Strategie. Ob in Israel, Aserbaidschan oder im Sudan – in diesen Konflikten kann der Sieger die eroberten Gebiete nur halten, wenn ein Großteil der dortigen Bevölkerung „verschwindet“. In der Konsequenz ist/war die Vertreibung der gegnerischen Bevölkerung erklärtes Kriegsziel. Wenn sie nicht „freiwillig“ geht, werden die Kriege genozidal.

Ablehnung des Krieges

Die Schlussfolgerung muss radikal sein. Eine dauerhafte Besetzung gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung ist nicht mehr möglich. Selbst Großstaaten bringen dafür nicht mehr genügend Soldaten auf. Wird die mangelnde Quantität an Soldaten durch ausufernde Brutalität ersetzt, schlagen selbst begrenzte Einsätze in ethnische Vertreibung und Vernichtungskriege um. Siege werden dann nur noch militärische definiert. Das Ziel einer humanitären Entwicklung der Gebiete wird aufgegeben.

Wenn humanitäre Ziele erreicht werden sollen, müssen andere Instrumente gewählt werden. Das bedeutet auch, dass nicht mehr alle Wünsche (mit Gewalt) zu erreichen sind. (Kleinwächter 2022) Entsprechend muss eine realistische Außen- und Sicherheitspolitik die eigenen Ansprüche begrenzen und Kriege dauerhaft verbannen.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrages erschien in WeltTrends 209 Südamerika in der neuen Weltordnung.

Literaturverzeichnis

Kleinwächter, Kai (2022): Deutsche Außenpolitik als „Weihnachtsbaum-Strategie“? In: WeltTrends (188), S. 54–58.

Quinlivan, James T. (1995): Force Requirements in Stability Operations. In: Parameters (1), S. 59–69.
DOI: 10.55540/0031-1723.1751.

Savell, Stephanie (2023): How Death Outlives War: The Reverberating Impact of the Post-9/11 Wars on Human Health. Brown University. Providence (USA).

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