Der folgende Text ist die thesenartige Zusammenfassung eines Vortrages zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Der Vortrag wurde am 30. Juni 2026 bei Rotfuchs Potsdam gehalten.
Geplanter Genozid oder überzogen harter Feldzug?
Beim zweiten Weltkrieg rückt gegenwärtig wieder eine kontroverse Frage ins Zentrum der politischen Debatte. Wäre es möglich gewesen einen siegreichen Krieg gegen die Sowjetunion zu führen, ohne 27 Millionen Staatsbürger der Sowjetunion (geplant) zu töten? Konkreter: War der deutsche Krieg gegen die UdSSR ein „normaler“ Feldzug, der dann genozidal ausartete? Oder war dieser nur als Völkermord überhaupt führbar und entsprechend auch so geplant?
Wird die These eines „normalen“ Feldzuges bejaht, eröffnet sich in der Gegenwart die prinzipielle Möglichkeit eines „sauberen“ Krieg gegen Russland. Es wird die Vorstellung eines gewinnbaren Russland-Krieges gestärkt, der sich (diesmal) im Rahmen des Völkerrechts bewegen und nicht Abermillionen Zivilisten das Leben kosten würde.
Wird die Position vertreten, dass der Krieg nur als Völkermord führbar war, wäre die Schlussfolgerung, dass auch in der Gegenwart jeder größere Konflikt mit Russland völkermörderisch wird. In der Konsequenz ist die Vorbereitung auf einen solchen Krieg gleichbedeutend mit der Vorbereitung eines erneuten Genozides von deutschen Boden aus.
Militärische oder politische Sichten auf den Krieg
Die Geschichtsschreibung des II. Weltkrieges bewegt sich zwischen zwei Polen. Hinter beiden stehen Weltsichten, die wesentlich Quellenauswahl, Methodik und am Ende auch die Schlussfolgerungen bestimmen.
Die „militärische Sicht“ fokussiert sich auf die Pläne und Schriften der deutschen Streitkräfte, insbesondere der obersten Heeresleitung bzw. den Oberkommandos der Teilstreitkräfte. Inhaltlicher Schwerpunkt ist die militärische Vorbereitung und Durchführung des Feldzuges. Zentrale Fragestellungen beschäftigen sich mit …
… Bewaffnung, Ausrüstung und Taktiken der Streitkräfte
… Logistik und Versorgung der Kampfeinheiten
… Aufmarsch- und Schlachtplänen
Für die „politische Sicht“ sind oben genannten Aspekte zweitrangig. Stattdessen fokussiert diese auf die politische und ökonomische Steuerung des Krieges sowie die angestrebte Nachkriegsordnung. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf führende zivile Strukturen, insbesondere der Führungsgruppe um Hitler, den Ministerien und zentrale Behörden. Zentrale Fragestellungen beschäftigen sich mit …
… Zusammenspiel von Ideologie des III. Reiches und der Kriegsführung
… Versorgung der deutschen Gesellschaft während des Krieges
… Umgang mit den Kriegsgefangenen und der Bevölkerung der eroberten Gebiete
… Politische und wirtschaftlichen Zielstellungen für die Nachkriegsordnung
Hauptquellen der „militärischen Sicht“
Kerndokument der militärischen Sicht ist die Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa vom 18. Dezember 1940 vom Führerhauptquartier an die Befehlshaber der Wehrmacht. Darin wurde die Führung der Wehrmacht angewiesen einen Feldzug gegen die Sowjetunion zu planen. Gleichzeitig legte die politische Führung Grundzüge der Strategie sowie der militärischen Zielstellungen fest.
Die Weisung Nr. 21 beruhte vor allem auf drei Studien zu einem künftigen Feldzug gegen die Sowjetunion. Angefertigt wurden diese von Juli bis September 1940 vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW), dem Oberkommando des Heeres (OKH) und dem Oberkommando der Marine (OKM). Die Arbeit an ihnen begann spätestens im Juli 1940 nachdem Hitler die Generalität von seiner Absicht unterrichtete, schnellstmöglich einen Feldzug gegen die Sowjetunion zu beginnen.
Die erste Studie legte das OKM am 28. Juli vor. Der Kriegsplan trug den Titel „Betrachtungen über Russland“. Das OKH veröffentlichte dann am 05. August den Operationsentwurf Ost (auch Operationsstudie Marcks). Dieser wurde vor allem vom damaligen Chef des Generalstabes der 18. Armee Erich Marcks ausgearbeitet. Den Abschluss bildete die Operationsstudie Ost (auch Loßberg-Studie) des OKW vom 15. September. Angefertigt wurde diese vom Generalstabsoffizier Bernhard von Loßberg.
Die militärischen Institutionen standen in Konkurrenz zueinander. Entsprechend waren die separaten Studien auch Versuche, den eigenen Einfluss auf das politische Zentrum um Adolf Hitler zu stärken. Auf Grund der konkurrenzhaften und weitgehend isolierten Erarbeitung unterscheiden sich die Studien, was die Einschätzung der militärischen Lage, Kräfteansätze, Strategien etc. betrifft.
Nach der Weisung 21 begannen die konkrete Planungen für den Feldzug. Dem folgte eine Flut von Plänen, Befehlen, Anordnungen etc. zur konkreten Umsetzung.
Hauptquellen der „politischer Sicht“
Die Quellen der politischen Sicht sind vielfältiger und reichen deutlich weiter in die Vergangenheit zurück. Ihre Gesamtheit bildet das „Konzept Feldzug gegen die Sowjetunion“. Dabei betont diese Sichtweise die hohe Bedeutung der faschistischen Ideologie des III. Reiches. Diese durchzog alle Bereiche der Gesellschaft und prägte sie umfassend – auch und gerade die Kriegsführung. Entsprechend ist die grundlegende Quelle „Mein Kampf“ von Adolf Hitler aus dem Jahr 1924.
Aufbauend auf „Mein Kampf“ werden vielfältige Reden, interne Gespräche und Beschlüsse im Vorfeld des II. Weltkriegs in die Analyse eingebunden. Beispielhaft dafür steht das Hoßbach Protokoll von 1937. Adjudant Hoßbach gibt darin eine Besprechung von Hitler und den militärischen Führungsspitzen wieder. Hitler sprach sich in der Sitzung für einen Krieg gegen die Sowjetunion bis 1943 bzw. spätestens 1945 aus. Zentral sei für ihn die „Gewinnung von Lebensraum“ um „Sicherheit“ und „Autarkie“ bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu schaffen. Für ihn „könne es für die Lösung der deutschen Frage nur den Weg der Gewalt geben.“ Die eroberten Gebiete in Osteuropa sollten dauerhaft Teil eines deutschen Reiches werden. Die Bildung von Kolonien außerhalb Europas lehnte Hitler dabei ausdrücklich ab.
Im Vorfeld des Feldzuges gegen die Sowjetunion treten weitere Eckquellen hinzu. Sie stammen vor allem aus den Führungsspitzen von Ministerien, Behörden und Forschungseinrichtungen. Zentral sind der Generalplan Ost und der Hunger- bzw. Backe-Plan. Beide beschäftigen sich sowohl mit der Versorgung der deutschen Bevölkerung während des Krieges sowie mit der angestrebten Nachkriegsordnung.
Zentrales Motiv war die Konkretisierung der ideologischen Losung „Gewinnung von Lebensraum im Osten“. Aber je näher der Feldzug rückte, umso deutlicher wurde der Führung des III. Reiches, dass weder eine stabile Besetzung der eroberten Gebiete noch eine Versorgung von Wehrmacht und (deutscher) Bevölkerung während des Krieges sichergestellt werden konnte. Aber von den Kriegsplänen rückte die Führungselite des Dritten Reiches nicht ab. Stattdessen entwickelte sie genozidale (Raub-)Strategien, um doch noch siegen zu können. Den Konsequenzen, sprich den Millionen von Toten, waren sie sich dabei von Anfang an bewusst. Pointiert faste dies eine Notiz zu einer Besprechung von Staatssekretären und Hermann Göring vom 2. Mai 1941, sieben Wochen vor Kriegsbeginn, zusammen:
„1.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird.
2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“
Wolf Kaiser (2018)
Das Tribunal in Nürnberg sah diese Aktennotiz als einen der zentralen Beweise für die geplanten Massenmorde in der Sowjetunion an.
Auch der Generalplan Ost und der Hunger-Plan kamen zu dem Schluss, dass die Erreichung der gesteckten politischen und militärischen Ziele nur durch die gezielte Umsiedlung sowie Ermordung von Millionen Menschen möglich ist. Insbesondere der Generalplan Ost sah 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung in Polen, Baltikum, Ukraine und dem europäischen Teil der Sowjetunion als überflüssig an. Beide Pläne hängen strukturell miteinander zusammen.
„Der ´Hungerplan` war nur als Vorspiel zum ´Generalplan Ost` gedacht, einem Plan zur Kolonisierung der westlichen Sowjetunion, der rund 50 Millionen Menschen zu seiner Dispositionsmasse machte.“
Timothy Snyder (2009)

Bezug der Quellen zueinander
Die zentralen Quellen beider Sichtweisen stehen in unterschiedlichen Verhältnis zueinander. Die politischen Quellen nahmen immer wieder auf die militärischen Planungen Bezug. Sie stellten aus damaliger Sicht eine Einheit dar. Das Militär sollte für den Genozid die Voraussetzungen schaffen sowie durch die konsequente Eigenversorgung aus den besetzten Gebieten (also den Raub von Nahrungsmitteln, Wasser, Treibstoffen, Fahrzeugen etc.), einer hemmungslosen Kriegsführung und der gezielten Vernichtung ziviler Infrastruktur (oftmals getarnt als Partisanenbekämpfung) selbst wesentlich zum „Ergebnis“ beitragen.
Im Gegensatz dazu nahmen die militärischen Hauptquellen keinen Bezug auf das genozidale Rassen- und Lebensraumprogramm. Weder der Backe-Plan, noch der Generalplan Ost oder die rassistischen Werke bzw. Reden von Adolf Hitler oder die Vorbesprechungen in den 1930er Jahren wurden erwähnt.
Ebenfalls verwendeten die militärischen Quellen zentrale Begriffe der faschistischen Ideologie wie Rasse, Lebensraum oder Weltjudentum nicht. Selbst das Wort Bolschewismus kam nicht vor. Die Sprache wirkt weitgehend neutral-technisch. So heißt es im Operationsentwurf Ost:
„Ziel des Feldzuges ist, die russische Wehrmacht zu schlagen und Russland unfähig zu machen, in absehbarer Zeit als Gegner Deutschlands anzutreten.“
Marcks 1941, S. 1
Natürlich schien auch in den militärischen Dokumenten die Brutalität des kommenden Feldzuges durch. Insbesondere fand sich wiederholt die Behauptung, die Sowjetunion würde sich in ihrer Kriegsführung nicht an die Genfer Bestimmungen halten – also selbst eine völkerrechtswidrige Kriegsführung nutzen. (Bsp.: Marcks Erich 1941, S. 20) Die implizite, aber nicht ausformulierte Schlussfolgerung: Deutschland muss sich dann auch nicht an das Völkerrecht halten. Die sich daraus ergebenen Konsequenzen wurden nicht benannt.
Ebenfalls wiesen die militärischen Quellen eine inhaltliche Leerstelle auf. Die politisch-ökonomische Nachkriegsordnung wurde nicht angesprochen. Selbst die Organisation der Besatzung direkt nach den Kampfhandlungen kam jenseits von Allgemeinplätzen wie „Befriedung der Gebiete“ oder „Sicherung der Infrastruktur“ nicht vor. Konsequenterweise gab es auch keine Äußerungen zur Zukunft der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten. Die militärische Führung beschränkte sich bewusst auf die militärische Führung des Feldzuges. Der politische Charakter des Krieges sowie Gestaltung der Nachkriegsordnung wurde nicht thematisiert.
Ausnahmen von der politischen Sterilität bildeten militärische Anweisungen wie der im Juni 1941 erlassene Kommissarbefehl. Die „Richtlinie für die Behandlung politischer Kommissare“, wies die Truppen der Wehrmacht explizit an, Mitglieder der KPdSU, insbesondere solche in den Rängen der Armee, bei Gefangennahme sofort „mit der Waffe zu erledigen“. Begründung war die „barbarisch asiatischen Kampfmethoden“ der sowjetischen Armee, die den „Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht“ entsprechen. Außerdem würden insbesondere die Kommissare „eine schnelle Befriedung der eroberten Gebiete behindern“. (Oberkommando der Wehrmacht 1941)
Ein „sauberer Krieg“?
Die Quellenauswahl bestimmt die Deutung der Geschichte. Werden nur die zentralen militärischen Quellen berücksichtigt, entsteht der Eindruck einer „sauberen“ und ideologisch neutralen Kriegsführung. Die kommende Realität der Massenmorde mit wesentlicher Beteiligung der Wehrmacht lässt sich mit diesen Quellen nicht erklären. Behauptungen, die Wehrmacht hätte nur Befehle ausgeführt, eigentlich konform des Kriegsrechtes gekämpft und für die Verbrechen seien andere wie die SS verantwortlich, wird so massiv Vorschub geleistet.
Je umfassender der Einbezug von politischen und administrativen Dokumenten umso deutlicher wird, dass der Massenmord an Osteuropäern von der Führung des III. Reiches als unbedingte Voraussetzung für einen erfolgreichen Krieg im Osten gesehen wurde. Sie weisen sich selbst detailliert nach, dass ohne diese Verbrechen der Krieg nicht gewinnbar ist. Der in Teilen erfolgreiche Genozid war kein Unfall sondern zentrales Ziel und Mittel der Kriegsführung. Für einen zukünftigen Krieg gegen Russland ließe sich ähnliches erwarten.
Es drängt sich eine politische Schlussfolgerung auf: Von zentraler Bedeutung für die Bewertung von Kriegen sind die politisch-administrativen Pläne für die Behandlung von Kriegsgefangenen, den Umgang mit der Zivilbevölkerung und die konkreten Zielstellungen für die Nachkriegsordnung. Hier entscheidet sich, wie der Krieg geführt wird, ob eine Versorgung der unterworfenen Bevölkerung überhaupt angestrebt wird und was ihr Schicksal sein soll. Die ausschließliche Analyse der militärischen Planung genügt dafür nicht.
Bildnachweis
Bild (Startbild): Russland, Gefangennahme eines russischen Soldaten Künstler: Plenik, Bruno Lizenz: Bundesarchiv, Bild 101I-136-0877-08 – Attribution-ShareAlike 3.0 (CC BY-SA 3.0); Übersetzung: Kai Kleinwächter (zeitgedanken.blog).
Bild: Tote II. Weltkrieg Künstler: Oberiko. Lizenz: wikimedia.org – Attribution-ShareAlike 3.0 (CC BY-SA 3.0); Übersetzung: Kai Kleinwächter (zeitgedanken.blog).
Literaturverzeichnis
Hitler, Adolf (1941): Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa; Berlin 1940 – BArch, RM7/962, Bl. 209-217 auf 1000dokumente.de.
Kaiser, Wolf (2018): Aus der Geschichte lernen? Zur Relevanz der NS-Herrschaft als historische Erfahrung. Hg. v. Gedenkstättenforum. Berlin: Gedenkstättenrundbrief 191, S. 3-17.
Marcks, Erich (1941): Operationsentwurf Ost. Berlin. Auf Deutsch-russisches Projekt zur Digitalisierung deutscher Dokumente in Archiven der russischen Föderation, Findbuch 12451 Akte 61. Studie von Generalmajor Erich Marcks für eine Offensivoperation gegen die Sowjetunion und Planungen für den Angriff auf die UdSSR (1940 – 1941).
Oberkommando der Wehrmacht (Hg.) (1941): Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare (Kommissarbefehl). BArch RW 4/578, Bl. 41-44 auf 1000dokumente.de.
Snyder, Timothy (2009): Der Holocaust: die ausgeblendete Realität. In: €urozine.
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