Ende April 2025 veröffentlichte der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V. (der Paritätische – siehe Infokasten unten im Text) seinen jährlichen Armutsbericht für Deutschland: Verschärfung der Armut – Paritätischer Armutsbericht 2025. (Schabram et al. 2025)
Seit 1989 fasst der Verband die aktuellsten Statistiken zusammen, bewertet sie und zeigt politische Alternativen zur herrschenden Politik auf. (Der Paritätische 2025a) Dabei wird dieses Jahr ein neuer Ansatz gewählt. Statt einen umfassenderen Bericht zu veröffentlichen, wird es mehrere kürzere Berichte mit wechselnden Schwerpunkten geben. Man darf hoffen, dass das neue Konzept mehr politische Aufmerksamkeit erzeugt.
Ausmaß der Armut
Aktuell sind ca. 13 Mio. Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Das entspricht ca. 15,5 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zu den anderen EU-Staaten hat Deutschland damit eine etwas niedrigere Armutsquote als der EU-Durchschnitt. Traurige Schlusslichter sind Bulgarien sowie die baltischen Staaten Litauen und Lettland, wo knapp 22 Prozent der Menschen in Armut leben. Interessanterweise ist der Staat mit der geringsten Armut Tschechien. Weniger als zehn Prozent gelten dort als arm.
Konzept der Haushaltstypen
Menschen leben nicht isoliert, sondern in sozialen Netzwerken in den sie sich gegenseitig unterstützen. Durch die gemeinsamen Ressourcen, insbesondere Einkommen und Arbeitskraft, können materielle Niveaus erlangt werden, die über den Möglichkeiten der beteiligten Individuen liegen. Aber nicht alle Personen sind in gleichwertigen Netzwerke eingebunden.
Klassisches Beispiel für ein soziales Netzwerk ist eine Familie mit Großeltern, die ihre Enkelkinder materiell unterstützen. Deren Lebensstandard liegt dann möglicherweise deutlich über dem, was rein durch das Einkommen der Eltern möglich wäre.
Messungen, wie stark Menschen in welche Netzwerke eingebunden sind, erweisen sich als schwierig. Die gängigen Armutsstatistiken behelfen sich mit Konzept der „Haushalte“. Personen, die eine ökonomische Einheit bilden, werden als gemeinsamer Haushalt gezählt. Hauptindikator ist das gemeinsame Wohnen. Die ermittelten Haushalte lassen sich verschiedenen Typen zuordnen – je nach Anzahl, Alter etc. der beteiligten Personen. Ob diese miteinander verwandt oder gar verheiratet sind, ist nicht relevant. Entscheidend ist die gemeinsame betriebswirtschaftliche Haushaltführung.
Nachteil dieses Ansatzes ist, dass unterstützende Akteure, die nicht in der gleichen Wohnung leben, tendenziell nicht erfasst werden.
Alleinstehend = höchstes Armutsrisiko
Bei der Betrachtung der Haushaltstypen fallen zwei Extreme auf. Auf der einen Seite stehen mittelalte Zwei-Verdiener-Haushalte ohne Kinder. Diese sogenannte DINKS (Double Income no Kids) haben ein äußerst geringes Armutsrisiko im Vergleich zur übrigen Bevölkerung. Sie sind tendenziell eine der wohlhabendsten sozialen Gruppen. (Kleinwächter 2021) In der höchsten Einkommensgruppe – den oberen zehn Prozent – besteht ungefähr die Hälfte aller Haushalte aus zwei mittelalten Erwachsenen ohne Kindern. (Institut der deutschen Wirtschaft 2022)
Das andere Extrem sind sozial isolierte Menschen. Sie verfügen nur über kleine oder sogar gar keine Netzwerke. Ihre Ressourcen sind knapp. Gleichzeitig sind sie mit relativ hohen Fixkosten für Miete, Energie und Ausstattung konfrontiert. Die Folge zeigt sich in den Armutsstatistiken – Alleinlebende und Alleinerziehende haben mit Abstand das größte Risiko in Armut zu leben. Wobei allein sein und Armut eine dialektische Beziehung aufweisen. Ist eine Person alleine, weil sie arm ist? Oder ist sie arm, weil sie allein ist?
Die Risikostruktur nach Haushaltstypen ist hochgradig stabil. So wurden im Armutsbericht 2015 die damaligen Statistiken mit denen von 2003 verglichen. (Krause et al. 2015, S. 17) Trotz zwischenzeitlicher Änderungen in der statistischen Erfassung, ändern sich die Zahlen von 2003 zu 2015 zur Gegenwart nur unwesentlich. Es gilt: Je mehr arbeitende Erwachsene in einem Haushalt sind, umso geringer ist das Armutsrisiko. Bei Kindern und Pflegebedürftigen verhält es sich andersrum. Mit ihrer Anzahl steigt auch das Armutsrisiko.
Sinkendes Armutsrisiko bei Alleinerziehenden
Allerdings zeigen die Statistiken hier eine wesentliche Veränderung. Seit 2018 sank die Armutsquote von Alleinerziehenden von über 40 Prozent auf inzwischen unter 30. Alleinerziehende weisen damit immer noch eine der höchsten Armutsquoten auf. Aber der extreme Abstand zu anderen Gruppen verringerte sich. Hier zeigen sich die positiven Effekte der Sozialmaßnahmen der letzten zwei Jahrzehnten.
„Das Armutsrisiko war zuletzt leicht rückläufig, vor allem in Ostdeutschland und unter Alleinerziehenden. Politische Maßnahmen wie die wiederholte Anhebung des Mindestlohns und familienpolitische Reformen wie die Erhöhung des Kinderzuschlags, [der Ausbau staatlicher Kinderbetreuung], Änderungen beim Unterhaltsvorschuss oder die Anhebung des steuerlichen Entlastungsbeitrags für Alleinerziehende haben das Armutsrisiko gesenkt.“
Markus Grabka (2025)
Um es noch einmal zu betonen: Insbesondere die staatlichen Maßnahmen der Ampelregierung sowie die sozialpolitischen Erfolge der SPD in den Jahren davor, haben sicht- und messbare Verbesserungen für einzelne soziale Gruppen gebracht. Der Staat kann Armut zurückdrängen, wenn entsprechende politische Mehrheiten vorhanden sind. Armut ist kein Schicksal, sondern Folge der konkreten Ausgestaltung von Gesellschaft und Wirtschaft.
Zukünftige Entwicklung der Armut
Markus Grabka schreibt im DIW Wochenbericht 8/2025 bereits von einer Trendumkehr bei der allgemeinen Armutsentwicklung. (Grabka 2025) Haupttreiber sind aus seiner Sicht sozial-politische Maßnahmen wie die Erhöhung des Wohngeldes sowie insbesondere die deutliche Anhebung des Mindestlohns. Seine These untermauert er mit einer Grafik zu den vereinbarten Bruttostundenlöhnen je Einkommensdezil. (siehe folgende Grafik) Es ist deutlich zu erkennen, dass die unteren drei Lohngruppen (1 bis 3. Dezil) überproportionale Steigerungen seit 2015 verzeichnen. Das ist ein starkes Indiz für den Abbau von Armut bei Personengruppen im unteren Lohnbereich.
Aber angesichts einer schrumpfenden Wirtschaft seit 2023 mit wohl nur geringem Wachstum in der Zukunft (Pfeiffer 2025a), instabilen Entwicklungen am Arbeitsmarkt (Pfeiffer 2025b) sowie den Angriffen der Union auf die sozialen Sicherungssysteme (Butterwege 2025) ist es fraglich, ob es zu einer dauerhaften Reduktion der Armut kommt. Die Daten des Paritätischen Armutsberichtes sprechen eher für eine Stabilisierung des Armutsniveaus bei Verbesserung für einzelne soziale Gruppen. Im letzten Jahr stieg die Armutsquote sogar wieder leicht.
Hier zeigt sich ein Nachteil des gewählten Indikatorsystems. Der Paritätische Wohlfahrtsverband stützt sich insbesondere auf den MZ-EU-SILC Datensatz. (Statistisches Bundesamt 2025b) EU-SILC ist die EU-weite standardisierte Erfassung von Armut – engl. European Union Statistics on Income and Living Conditions. Das MZ steht dafür, dass diese Statistik in Deutschland seit dem Jahr 2020 über den Mikrozensus erfasst wird.
Die Umstellung auf den Mikrozensus soll eine höhere Datengenauigkeit bringen. Aber zusammen mit anderen Neufassungen entsteht ein Datenbruch. (Statistisches Bundesamt 2025a) Die Werte ab den Jahr 2020 sind nur bedingt mit den Vorjahren vergleichbar. In Folge ist eine Trendaussage kaum möglich. Aus jetziger Sicht zeigt sich eher eine Stabilisierung der Armut als ein Rückgang.
Info Kasten: Dachverbände der Freien Wohlfahrtspflege
Der Paritätische ist einer der sechs Dachverbände der Freien Wohlfahrtspflege: der Paritätische, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die drei kirchlichen Verbände Caritas (katholisch), Diakonie (evangelisch) und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden sowie das Deutsche Rote Kreuz. In diesen Verbänden sind die meisten nichtstaatlichen und gemeinnützigen Organisationen der Sozial-, Gesundheits- und Pflegearbeit organisiert. So sind allein im Paritätischen über 10.800 Organisationen mit mehr als 500.000 Beschäftigten Mitglied. (Der Paritätische 2025b)
„Die starke Stellung und das bemerkenswert große politische Gewicht der Wohlfahrtsverbände basieren auf spezifischen historischen Entwicklungen und Gesellschaftsstrukturen; sie sind für den deutschen Sozialstaat charakteristisch und in Europa allenfalls noch in den Niederlanden anzutreffen. […] Zusammen beschäftigen sie derzeit beispielsweise 1,7 Mio. hauptamtliche MitarbeiterInnen, haben ca. 2,5 bis 3 Mio. ehrenamtliche HelferInnen und betreiben über 105.000 Einrichtungen mit mehr als 3,7 Mio. Betten bzw. Plätzen im Sozial- und Gesundheitswesen. Wohlfahrtsverbände sind somit gemeinnützige Träger von rund einem Drittel aller sozialer Dienstleistungseinrichtungen.“ Josef Schmid (2021)
Statistiken
Eurostat – Quote der von Armut bedrohten Personen nach Armutsgefährdungsgrenze
Statistisches Bundesamt – Daten-Portal: Gefährdung durch Armut oder soziale Ausgrenzung (MZ-SILC)
Statistisches Bundesamt – Vorstellung Mikrozensus
Literaturverzeichnis
Butterwege, Christoph (2025): Vorwärts in die Vergangenheit. In: nd, Berlin 08.02.2025.
Der Paritätische (Hg.) (2025a): Armutsberichte von 1989 bis heute. Berlin.
Der Paritätische (Hg.) (2025b): Über uns – Der Verband. Berlin.
Grabka, Markus M. (2025): Einkommensverteilung. Anzeichen für Trendbruch beim Armutsrisiko – Alleinerziehende seltener von Armut bedroht. Berlin: DIW Wochenbericht 08 / 2025.
Institut der deutschen Wirtschaft (Hg.) (2022): DINK(Y)s und HIKOs.
Kleinwächter, Kai (2021): DINK – Double Income No Kid. zeitgedanken.blog. Potsdam.
Krause, Nina Ricarda; Schneider, Ulrich; Stilling, Gwendolyn; Woltering, Christian (2015): Die zerklüftete Republik. Bericht zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland 2014. Berlin.
Pfeiffer, Hermannus (2025a): Kein Wachstum unter dieser Nummer. In: nd, 16.01.2025, S. 6.
Pfeiffer, Hermannus (2025b): Mittelstand baut ab. In: nd, 25.04.2025, S. 7.
Schabram, Greta; Aust, Andreas; Kipping, Katja; Rock, Joachim (2025): Verschärfung der Armut. Paritätischer Armutsbericht April 2025. Berlin.
Schmid, Josef (2021): Wohlfahrtsverbände. In: Uwe Andersen, Jörg Bogumil, Stefan Marschall und Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer VS.
Statistisches Bundesamt (Hg.) (2025a): Die Neugestaltung von EU-SILC ab 2020. Auswirkungen der methodischen Änderungen und der Corona-Krise auf die Ergebnisse der Erhebung EU-SILC 2020. Bonn.
Statistisches Bundesamt (Hg.) (2025b): Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Bonn.
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Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.



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