Kommentare zum Ukrainekrieg

Zu meinem Artikel „Die Ukraine, der Krieg und die Interessen der Oligarchen“ auf Telepolis gab es umfassende Kommentare. Dazu kurz einige Gedanken.

1. Lob

Besonders wichtig: Einige Kommentatoren lobten meinen Artikel. 😁 😎
Gefallen haben mir drei Bewertungen:

a) von Artur_B: „Insgesamt ist das eine sehr gute Analyse. Besser als die von [Noam] Chomsky übrigens.“

Er bezieht sich dabei wahrscheinlich auf das bei Telepolis erschienene Interview.

b) von Ratsdelftspucker: „Hintergründe, die von der bürgerlichen Presse vernachlässigt oder sogar verschwiegen werden.“

c) _Peter_: „Die Analyse innnenpolitischer Entwicklungen in der Ukraine scheint mir auch eine bessere Grundlage für einen (eventuellen) Frieden und einen Wiederaufbau der Ukraine zu sein als viele andere Beiträge, die gerade die Diskussion dominieren.“

2. Ende der Diskussion

Die grundsätzlichen Fragen sind durchdiskutiert. Die politischen Positionen sind klar. Man hört sich nicht mehr zu, sondern belegt sich primär gegenseitig. Dafür oder dagegen – Grauzonen sind kaum erwünscht. Vor allem drei Folgen treten hervor:

a) Sackgasse: Gescheiterter Kreislauf der Kommunikation

Die Konflikte innerhalb der Ukraine vertieften sich durch das widersprüchliche Eingreifen äußerer Akteure bis zur völligen Eskalation. Dieser Prozess verlief über Jahrzehnte. Eine Erscheinungsform der Auseinandersetzung war/ist eine anhaltende Propaganda. Jede Seite entwickelt und verbreitet ihre Narrative. Mal hat der „Westen“ die bessere Story, mal war die russische Sicht einflussreicher. Mediale Folge des „Krieges der Erzählungen“ ist, dass für negatives Verhalten aller Seiten entsprechende Quellen existieren.

In den Foren schreiben die Kommentatoren sich gegenseitig die Argumente auf, wer, wann Entspannungspolitik betrieb und wer, durch welche Verbrechen, eskalierte. Russland, USA, EU, ukrainische Oligarchen … die (zugeschriebenen) Rollen der Akteure wechselten oft in den letzten 30 Jahren.

Diese Auseinandersetzungen sind sinnlos. Alle Seiten nahmen den Machtkampf an und führten ihn mit härtesten Instrumenten. Die gegenseitige Auflistung der Verfehlungen führt in einen gescheiterten Kreislauf der Kommunikation (3. Axiom von Watzlawick). Teile der Foren, wie wohl auch die „große Politik“, befinden sich in einem solchen.

Beispielhaft für die obige Kommunikation steht der Schlagabtausch zwischen FIAE-Flix und Florian-M – ab hier:

Beide haben (etwas) recht, beide liegen (größtenteils) falsch, beide beharren auf ihre Positionen, beide verlieren sich in Details. Eine Lösung entsteht dadurch nicht.😕

b) Gezielte Zerstörung der Diskussionen

Insbesondere pro-ukrainische Schreiber verbreiten primitivste Hetze. Negative Beispiele sind die Kommentatoren Pearphidae und mouse-net. Insbesondere letzterer (oder sind es mehrere Personen?) postete(n) auch schon unter meinem Artikel zur Wirtschaftsentwicklung der Ukraine. Mit einem scheinbar endlosen Zeitbudget zerstören sie (fast) jede Diskussion. Zumal aggressive Beleidigungen wie „russische Sockenpuppe“, „du bist einfach nur dumm“, „Sie / ihre Argumente sind widerlich“ etc. Standard sind.

Dazu kommen Heilsversprechen von einer glorreichen Zukunft. Wie sieht diese aus, wann tritt sie ein, wie hoch ist der Preis für wen? Egal – nach dem Krieg wird alles besser.

Zitat Pearphidae: „Nach diesem Krieg wird in der Ukraine nichts mehr sein wie zuvor, denn alles wird neu aufgebaut werden – auf weiter Flur wie auch in der Politik. Ihre ollen Kamellen von anno dazumal können Sie wegstecken.“

Bestätigung finden solche Autoren nur, wenn sie untereinander Gräuelnachrichten austauschen. Beispielhaft die Diskussion zwischen den beiden, ob die russische Armee ukrainische Kinder verbrennen wird. (Spoiler: Mit Scheiterhaufen oder Gasabfackelung? Denen ist alles zuzutrauen!)🤮

c) Abdriften

Immer wieder driften Diskussionen völlig vom eigentlichen Thema weg. Der Ursprungsartikel wird zum Aufhänger für Positionen, die man schon immer mal verkünden wollte.

Besonders hat es vielen Kommentatoren der II. Weltkrieg angetan. Beispielhaft dafür folgende Diskussion:

– FLxxxT.DE eröffnet mit einer positivistischen Betrachtung der Erfolge China´s und betont deren zurückhaltenden Militärpolitik.

– Florian-M antwortet mit einem Verweis auf die aktuellen Auseinandersetzung China-USA inkl. eines Hinweises auf die US-Politik im II. Weltkrieg.

– FIAE-Flix bewertet daraufhin die damalige Sieges-Strategie Stalins als einen „am Schluss lachender Dritter“.

Und so geht es weiter… 22 Kommentare lang. 🙄

3. (Wenige) Lichtblicke

Die mehr als 200 Kommentare unter meinen Artikel brachten aber auch einige Erkenntnisse.

a) Dong Digi Digi schrieb: „Wenn es wirklich „Hilfe“ wäre, dann würde es der Ukraine ja danach besser gehen. Es gäbe 1000 Wege, der Ukraine zu helfen, warum wählt man den einen, wo ukrainische Soldaten mit westlichen Waffen an russischem Artilleriefeuer sterben? […] Die Ukraine hat m. E. in Russland einen echten Feind, im Westen einen falschen Freund und in Selenskyj einen gefährlichen Präsidenten, weil dieser versucht, auf der Welle zu surfen.

b) Nach einem Kommentar von mouse-net dass die Ukraine ein Staat mit demokratischen Strukturen sein, antwortet OleBienkopp:

„Mit verbotenen Oppositionsparteien, gleichgeschalteten (alternativ massenhaft verbotenen) Medien, unterdrückten ethnischen Bevölkerungsgruppen, offiziellen Todeslisten gegen Kritiker der Regierung und grassierender Korruption?

Ich hoffe sehr, Deutschland wird nie (wieder) so „demokratisch“ wie die aktuelle Ukraine!“

c) Interessanter Gedanken von Olymp1A – die korrupte Elite der Ukraine ist an der Macht, nicht obwohl sie korrupt sind. Sondern gerade deswegen. „Thaci wurde von den Albanern nicht trotz seiner kriminellen Aktivitäten gewählt, sondern gerade deswegen. Der Mann ist da soziales Rollenvorbild. Wird bei Selenskyj und seinen Freunden nicht anders sein.“

d) Ein interessanter Link in Inhalt und Darstellungsform. Ivan Katchanowski (University of Ottawa) verfasste eine Studie über Narrative zum Ukraine-Konflikt.

Ob sich dafür das 3stündige Lesen aller Beiträge für a) bis d) gelohnt hat, mag jeder selbst beantworten.🤷‍♂️

4. Präzisierung meinerseits

FIAE-Flix kritisiert zu Recht an meinem Artikel, dass die Formulierung „Zumal ein bisheriges Paradigma der Militärs besagt – eine Atommacht verliert niemals einen Krieg!“ ungünstig verkürzt ist. Es war ein Zitat von Chrome. Im Kontext ergab es Sinn. Im Konferenzbericht hätte noch ergänzt werden müssen, „bei einem Kampf um das eigene Territorium.“ Der Kommentator verweist richtigerweise auf Afghanistan und Vietnam. Kann eine Atommacht sich zurückziehen, verliert sie zwar den Krieg, setzt aber trotzdem keine Nuklearwaffen ein.

Die Frage wäre jetzt – betrachtet Russland die Ukraine oder zumindest Teile davon als eigenes Territorium? Kann sich Russland überhaupt zurückziehen? 🧐

Eigene Schlussfolgerungen

A) Eigene mediale Rolle

Ein einzelner (Hobby-)Autor kann keine Gesamtanalyse des Konfliktes leisten. Aber die Untersuchung vom Mainstream nicht behandelter Fragen (Bsp.: wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine, Akteursanalysen etc.) können für Andere interessant sein. Bei Artikeln sollten gezielt „Leerstellen“ des öffentlichen Diskurses angegangen werden. Schwerpunkt eigener Analyse muss damit auch sein, zu identifizieren, was medial nicht behandelt wird.

B) Qualität der Quellen

Wenn Studien, Blogs, youtube-Videos und ähnliches mit einbezogen werden, existiert zum Ukraine-Konflikt inzwischen eine nicht mehr überschaubare Quantität an Beiträgen. Diese weisen eine extreme Bandbreite an Länge, Qualität, Unabhängigkeit und Seriosität auf. Ebenfalls macht es die schiere Menge unmöglich, diese aktuell zu halten. Selbst wenn Informationen sich ändern, bleiben die meisten Beiträge auf dem Stand der Erstveröffentlichung.

Das Sammeln unendlicher Detail-Informationen wird/ist sinnlos. Es sollte sich auf Quellen konzentriert werden, die analytisch über den Tag hinausgehen – Wissenschaftliche Metastudien, historische Statistiken etc. Ein/zwei gute Quellen sind wichtiger, als hunderte Klein-Klein-Beitäge.

In diesem Zusammenhang ist ausdrücklich auf die Qualität der Quellen zu achten. Wikipedia, Google-Suchlinks oder Kurznachrichten von Agenturen u.ä. sind damit zu vermeiden.

C) Ausweg aus der fehlgeschlagenen Kommunikation

Um dem „gescheiterter Kreislauf der Kommunikation“ sollte nicht die Schuld des Gegners im Fokus stehen. Das führt nur zu einer ewigen Abrechnung. Besser ist, sich auf Lösungen real-politischer Probleme zu konzentrieren. Dazu gehört auch, die Ziele der Diskussionspartner anzuerkennen und anschließend konkrete Vorschläge einzufordern.

Beispiel:

– Ziel: Ukrainer sollen ein besseres Leben haben

– Frage: Haben sie eines? Wann wird es soweit sein?

– Nein, bisher ist eher das Gegenteil eingetreten. Was müsste sich ändern?

D) Umgang mit destruktiven Elementen

Weder Hardliner noch Meinungssöldner sind mit Argumenten zu überzeugen. Da es im Nebel des Krieges genügend Durchgeknallte mit irren Thesen sowie Fake-News gibt, können beide Seiten jede noch so obstruse Position mit ausreichend „Quellen“ „belegen“. Ob diese seriös sind, spielt keine Rolle. Hauptsache der Gegner wird diffamiert, bis er zum Schweigen gebracht wurde.

Wichtig: Solche Diskussionen und ihre Wortführer sind keine Folge eines „Nebels des Krieges“ sondern sie sind(!) der Nebel. Man muss sich von solchen Diskutanten fernhalten. Es bringt nichts. Schreibt für Menschen, die zuhören wollen.

Don´t feed the Trolls.🤐

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

ORCID iD icon https://orcid.org/0000-0002-3927-6245

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