9€-Ticket – Einstieg in den kostenlosen ÖPNV

„Seit dem 1. Juni 2022 gilt das 9-Euro-Ticket.
Deutschlandweit können dann für monatlich neun Euro
alle Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr genutzt werden.
Das Angebot gilt für die Kalendermonate Juni, Juli und August.“
Presse- und Informationsdienst der Bundesregierung 2022

Das 9€-Ticket ersetzt alle andere Fahrkarten im Öffentlichen Personen Nahverkehr (ÖPNV). Es gilt aber nicht für schnelle Verbindungen im Fernverkehr, insbesondere ICE und (private) Fernbusse.

Bereits seit langem wird von sozial-ökologischen Strömungen die Einführung eines kostenlosen ÖPNV gefordert. Sicher neun Euro sind per Definition nicht kostenlos – aber es kommt der alten Forderung schon sehr nahe. Eine solche Maßnahme ist aber dringend geboten.

Stagnierend hohe Emissionen

Bisher steht das Ziel bis 2050 eine weitgehend CO2-freie Gesellschaft zu Etablieren. Das bedeutet in Zahlen, die Emissionen um 80-95 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Dafür müssen alle wichtigen Sektoren einen Beitrag leisten. Entsprechende Zwischenziele sind inzwischen festgelegt. Aber der Verkehrssektor reduzierte seit 2005 seine Emissionen nicht mehr. Wahrscheinlich kam es sogar zu einem Anstieg, da die Emissionen aus der Auto-Industrie und die Umweltschäden der Infrastruktur in anderen Sektoren auftauchen.

Der in den Grafiken sichtbare Rückgang bei Emissionen und Staulänge ist ausschließlich auf den Corona-Lockdown zurückzuführen. Die Schätzungen für 2022 gehen, ohne die Effekte des 9€-Tickets und steigender Energiepreise, von einer Rückkehr zum alten Niveau aus.

Die wesentliche Quelle für CO2-Emissione im Verkehrssektor stammt von Fahrzeugen. So werden im Privatbereich fast 60 Prozent der Wege und 75 Prozent der Personenkilometer mit dem Auto zurückgelegt. (infas et al. 2019, S. 45)

In den letzten Jahrzehnten steigerte sich die Effizienz der Fahrzeuge deutlich. Aber die zunehmende Anzahl an Fahrzeugen, die wachsende Größe (Stichwort SUV) und ihr höherer Komfort (z. Bsp.: Klimaanlagen) kompensieren die positiven Effekte. Auch der gemessene Rückgang 2021 ist vollständig auf den Corona-Lockdown zurückzuführen. (Witte 2021)

Entsprechend muss das Hauptziel sein, einen Umstieg vom Auto zu anderen Verkehrsträgern zu forcieren. Hier kommt den ÖPNV eine besondere Bedeutung zu. Er sollte nicht mehr die Notlösung für Randgruppen, sondern das zentrale Verkehrsmittel werden. Dafür ist auch ein neues Selbstbewusstsein und Umdenken des Managements bei der Bahn notwendig. (Damm 2021)

Strukturelle Grenzen des Individualverkehrs

„Wer glaubt, dem Verkehrsinfarkt und die dicke Luft allein durch einen Austausch der Motoren zu entkommen irrt. Nur ein starker ÖPNV wird das Grundrecht auf Mobilität sozial gerecht und ökologisch verträglich einlösen können.“
Prof. Kai Niebert (Präsident Deutscher Naturschutzring 14.02.2018)

Die Elektrifizierung wird nicht ausreichen, da der Wechsel des Antriebs andere Probleme wie die den Verbrauch an Infrastruktur, Umweltschäden der Produktion, Fragen der Entsorgung sowie die soziale Frage nicht angeht. Außerdem zeigen sich zunehmend absolute Grenzen des motorisierten Individual-Verkehrs. Ein Beispiel sind die ausufernden Staus auf den Autobahnen (statista.com 2022), die jede Freigabe der Geschwindigkeit konterkarieren.

Der Durchbruch der jetzigen Maßnahme erfolgte mit dem Ukraine-Krieg bzw. durch die von westlichen Sanktionen hervorgerufenen Preissteigerungen bei Treibstoffen. Im Rahmen der konjunkturellen Stützungsprogramme führte die Bundesregierung auch das 9€-Ticket ein – parallel zu einem Tankrabatt.

Wirkung 9€-Ticket

„Nach IW-Auswertungen läge die Inflation ohne staatlichen Eingriffe um zwei Prozentpunkte höher. [Der] sogenannte harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), lag zuletzt bei 8,2 Prozent. […] Vor allem Entlastungen wie das 9-Euro-Ticket dürften dabei ausschlaggebend sein: Der Personenverkehr hat einen großen Anteil am Warenkorb, mit dem die Inflation berechnet wird.“
Studie Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Fremerey et al. 2022)

Das 9€-Ticket entlastet die privaten Haushalte deutlich. Ein normales Monatsticket kostet im deutschen Durchschnitt 55€. In den großen Städten liegen die Preise teilweise deutlich höher. (Berlin: ABC-Ticket 107€) Für einen Drei-Personen-Haushalt kann die Mobilität mit dem ÖPNV schnell 300€ pro Monat kosten. Die ökonomische Wirkung ist so umfassend, dass sogar eine deutliche Reduzierung der Inflation nachgewiesen werden kann. (Knödler 2022)

Gleichzeitig schafft das 9€-Ticket sein ökologisches Ziel. Die Fahrgastzahlen beim ÖPNV nehmen deutlich zu. Das Statistische Bundesamt schätzt für Juni die Steigerung um über 40 Prozent im Vergleich zu Juni 2019. (Wangerin 2022) Ein sehr beachtlicher Effekt, zumal hier noch keine dauerhafte Umstellung stattgefunden hat. Für drei Monate Preissenkung verkauft niemand sein Auto.

Gegenargumente nicht Zielführend

In der Diskussion muss deutlich getrennt werden, zwischen (produktiven) Einwänden und Scheinargumenten. Der einfachste Weg ist, jede Person, die das 9€-Ticket und dessen Spielarten ablehnt, nach den alternativen Maßnahmen zu fragen.

Wie sollen die Ziele Dekarbonisierung des Verkehrssektors, Entlastung der Verkehrsinfrastruktur und Soziale Erleichterung bei den unteren Einkommensschichten erreicht werden?

Oft steckt hinter der Ablehnung, dass diese Ziele nicht angestrebt werden. Die ökologische Gesellschaft wird abgelehnt, im persönlichen Umfeld gibt es keine Staus und die Armen interessieren nicht. Dann ist klar, es geht nicht um eine Diskussion über das 9€-Ticket, sondern um grundsätzlichere Fragen.

Zwei zentrale Gegenargumente – außer den Kosten – werden oft aufgeführt. (Müller 2022b) Einerseits befürworten und nutzen vor allem Bewohner*innen urbaner Räume die preiswerten Angebote. Das 9€-Ticket verbilligt aber nur vorhandene Strukturen. Wo wie in manchen ländlichen Raum kein öffentlicher Nahverkehr existiert, wird auch ein solches Ticket nicht gebraucht.

Der Einwand ist grundsätzlich richtig. Das 9€-Ticket ist kein Wundermittel. Es kann nicht die strukturellen Probleme des ländlichen Raumes lösen. Dafür bräuchte es über Jahrzehnte sehr hohe Investitionen um eine entsprechend Infrastruktur zu errichten. Und selbst dann muss ehrlich gesagt werden, abgelegene Dörfer werden nie einen Bahn-Anschluss in 10 Minuten-Takt bekommen. Dies als Bedingung zu stellen, bedeutet das 9€-Ticket nie zu verwirklichen. Zumal so Mancher, der dieses Argument nutzt, auch gegen deutliche Erhöhungen der Zuschüsse für den Ausbau des ÖPNV im ländlichen Raum ist. Es ist oft ein Scheinargument um am status quo festhalten zu können.

„Allein der Investitionsstau beim Neu- und Ausbau
des Eisenbahnverkehrsliegt bei rund 150 Mrd. €.
Die Regierung ist weit, weit davon entfernt,
diese Investitionen bereitzustellen.“
Prof. Christian Böttger HTW Berlin (Kröger 2022)

Andererseits wird gerne zwischen verschiedenen Gruppen differenziert. Also Verbilligung für (Arbeits-)Pendler aber nicht für Arbeitslose, Rentner oder Kinder in der Freizeit.

Es ist ein problematisches Argument, dass auf eine Spaltung der Gesellschaft hinausläuft. Insbesondere die sozialen Effekte würde damit kaputt gemacht. Lösungen, wie diese Unterscheidung durchgeführt werden soll, werden nicht präsentiert. So machte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. auf die hohe Bedeutung des Tickets für Obdachlose aufmerksam. (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. 28.07.2022) Die gleiche Argumenten gelten auch für Arbeitslose, Armuts-Rentner, kinderreiche Familien, Menschen im Niedriglohnsektor …. Am Ende eigentlich die Mehrheit der Bevölkerung. Bewegungsfreiheit für ALLE ist eine demokratische Errungenschaft die erhalten und ausgebaut werden sollte. (Ouassil 2022)

Mal abgesehen davon, dass mehr Freizeitverkehr nicht kongruent mit den Pendlerströmen ist. Die Behinderung der Pendler eher nicht stattfindet.

Kampf um Fortführung ist eröffnet

Die Diskussion um eine Fortführung des bisherigen Erfolges ist voll entbrannt. Eine Vielzahl von Modellen liegt auf den Tisch. (Ecke 2022b) Die Bevölkerung hat eine eindeutige Meinung. Nach einer Umfrage des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) halten 76 Prozent der Befragten es für ein attraktives Angebot und 40 Prozent der Käufer*innen verzichteten dafür auf Autofahrten. (Kögl 2022)

Viele Akteure wie DIE LINKE, Umweltbundesamt und diverse Umweltverbände sprechen sich für eine Fortführung der 9€-Tickets aus. (Kaiser 2022) Die Regierung zögert noch – Während die FDP als Nein-Sager-Partei bremst, sprechen sich die GRÜNEN für die Fortführung aus. Die SPD schwankt.

Ein Knackpunkt ist die dauerhafte Mobilisierung der fehlenden Einnahmen. Pro Monat bringt der Fahrkartenverkauf etwas über eine Mrd. €. Über das Jahr wären auch ohne die gegenwärtige Inflation ca. 13 Mrd. € notwendig. Eine über Steuererhöhungen, Schulden oder Streichung von Subventionen für die Autoindustrie (Bsp.: Dienstwagenprivileg (Spiegel 2022)) mobilisierbare Summe (Thompson 2022) – aber doch zu groß, um sie dauerhaft mal eben irgendwo rauszuquetschen.

Damit ist auch die Frage verbunden, welchen Kostenanteil Bund bzw. die Länder übernehmen. Die Bereitschaft der Länder ist dabei sehr unterschiedlich. Manche sind bereit ein Ticket auf eigene Faust einzuführen – Andere wie Bayern sind gegen eine Kostenbeteiligung der Länder. (Müller 2022c)

„Die marode Bahn-Infrastruktur ist Folge falscher politischer Prioritätensetzung der letzten Jahrzehnte, von Privatisierung und Kaputtsparen. Mehr Geld für den Schienenverkehr und eine Nachfolge des 9-Euro-Tickets schließen sich keinesfalls aus.“
Lisa Ecke (2022a)

Eine Steigerung der Investitionen ist dringend notwendig. Warnungen der Bahn-Gewerkschaften vor einer Überforderung von Personals sowie Material sind ernst zu nehmen. (Müller 2022a) Das 9€-Ticket kann nur in Kombination mit einer Investitionsoffensive funktionieren. Dafür müssten aber klare Prioritäten pro ÖPNV gesetzt werden. Das bedeutet mehr als nur Gelder bereitstellen, sondern auch Planungen vorantreiben, Personal einstellen und auch Planungsverfahren deutlich straffen. (Sustr 2022) Die unzufriedenen Kunden könnten einen politischen Druck entfalten, der die Bereitschaft erhöht, entsprechende Gelder freizusetzen.

Gesellschaftliche Einsparungen

Es ist wichtig zu betonen, dass die derzeitigen Berechnungen zahlreiche eintretende Reduzierungen nicht beinhalten. Es wird von den alten Kostenstrukturen ausgegangen. Als Beispiel wäre zu nennen:
=> Kosteneinsparungen durch Reduzierung der Fahrkarteninfrastruktur und -kontrollen auch bei den privaten Haushalten, Universitäten, Unternehmen etc.
=> Geschätzt 7.000 weniger Inhaftierte wegen mangelnder Fähigkeit Tickets zu bezahlen (Bähr 2021) Wobei jeder Hafttag über 150€ kostet.
Siehe auch www.freiheitsfonds.de
=> Sinkende Kosten im Gesundheitssektor durch weniger Unfälle und besserer Luft.

Angesichts der zu erwartenden gesellschaftlichen Gewinne sollte der Versuch gewagt werden. Es wäre ein richtiger Vorstoß in eine ökologische Gesellschaft.

Literaturverzeichnis

Bähr, Sebastian (2021): Initiative kauft Berliner Häftlinge frei. In: neues deutschland, 06.12.2021, S. 5.

Damm, Timo (2021): Das Hartz IV der Mobilität. In: neues deutschland, 20.05.2021, S. 8.

Deutscher Naturschutzring (14.02.2018): DNR begrüßt Vorstoß für Vergünstigung des öffentlichen Nahverkehrs als sozialverträglichen Beitrag zur Verkehrswende. Berlin.

Ecke, Lisa (2022a): Bahnfahren muss günstig sein. In: neues deutschland, 01.08.2022.

Ecke, Lisa (2022b): Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket? In: neues deutschland, 03.08.2022, S. 15.

Fremerey, Melinda; Iglesias, Simon Gerards; Schläger, Dan (2022): Staatlich administrierte Preise dämpfen Inflation in Deutschland. Institut der Deutschen Wirtschaft. Köln.

infas; DLR; IVT Research (Hg.) (2019): Mobilität in Deutschland. Ergebnisbericht. Bonn.

Kaiser, Arvid (2022): Dauerhaft günstige Tickets gefordert. In: Spiegel, 08.06.2022.

Knödler, Janne (2022): 9-Euro-Ticket und Tankrabatt bremsen Inflation – aber Lebensmittel werden teurer. In: Spiegel, 13.07.2022.

Kögl, Larissa (2022): Umfrage zeigt hohe Zufriedenheit mit dem 9-Euro-Ticket. In: Zeit, 24.06.2022.

Kröger, Michael (2022): 9-Euro-Ticket führt zu mehr Verkehr. In: Spiegel, 08.08.2022.

Müller, Bernd (2022a): „Das Neun-Euro-Ticket macht krank„. In: Telepolis, 17.07.2022.

Müller, Bernd (2022b): 9-Euro-Tickets. Warum es klare Ziele braucht. In: Telepolis, 31.07.2022.

Ouassil, Samira El (2022): Recht auf Mobilität. Verlängert das 9-Euro-Ticket! In: Spiegel, 11.08.2022.

Presse- und Informationsdienst der Bundesregierung (Hg.) (2022): Fragen und Antworten 9-Euro-Ticket seit Juni 2022.

Spiegel (Hg.) (2022): Grünenfraktionschefin Dröge will Steuerprivilegien für Dienstwagen kürzen.

statista.com (Hg.) (2022): Staulänge auf Autobahnen in Deutschland von 2002 bis 2021.

Sustr, Nicolas (2022): Es droht ein Milliarden-Strohfeuer. In: neues deutschland, 10.04.2022, S. 25.

Thompson, Clara (2022): Die falsche Debatte. In: neues deutschland, 22.07.2022, S. 8.

Wangerin, Claudia (2022): Neun-Euro-Ticket wirkt – deutlich mehr Reisende auf der Schiene. In: Telepolis, 07.07.2022.

Witte, Ann-Cathrin (2021): Treibhausgasemissionen. Deutschland senkt Ausstoß 2020 um 8,7 Prozent. ökotest. Frankfurt / Main.

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

ORCID iD icon https://orcid.org/0000-0002-3927-6245

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