Lehren aus Afghanistan

Offener Brief an
die Bundesregierung, Abgeordnete, Parteien und Friedensaktivisten

Wider eine ‚werteorientierte‘/menschenrechtsbasierte Außenpolitik

PD Dr. Johannes M. Becker, Prof. Dr. Lutz Kleinwächter, Prof. Dr. Karin Kulow, Prof. Dr. John P. Neelsen, Prof. Dr. Norman Paech, Prof. Dr. Werner Ruf, Prof. Dr. Dr. Wilfried Schreiber, Dr. Dr. h.c. Arne C. Seifert, Botschafter a.D., Dipl.-Politologe Achim Wahl

Desaster am Hindukusch. Auf allen Kanälen wird der überstürzte Abzug der US-Truppen aus Afghanistan für das Scheitern des „idealistischen Krieges“ (Sigmar Gabriel, SPD) und den Sieg der Taliban verantwortlich gemacht.

Nach 20 Jahren Krieg, begonnen als „Krieg gegen den Terror“, personifiziert in Osama Bin Laden, und weitergeführt als menschenrechtsbasierte Mission „dauerhafte Freiheit“, also Enduring Freedom, mit Aufbau bürgerlich demokratischer Institutionen, fielen innerhalb von wenigen Tagen fast ohne Widerstand der nach Soldaten und Bewaffnung weit überlegenen Armee zuerst die Provinzstädte schließlich auch Kabul den Taliban in die Hände.

Mit über 200.000 Toten und unzähligen Verletzten wird nach dem längsten Kriegseinsatz der USA und ihrer Verbündeten, inklusive der Bundeswehr, der die USA rund zwei Billionen US-Dollar und die Bundesrepublik rund 18 Milliarden Euro kostete, ein zerstörtes und verarmtes Land von 39 Millionen Einwohnern zurückgelassen. 59 deutsche Soldat:innen fielen und unzählige Menschen flüchteten.

Gibt es Lehren zu ziehen für Auslandseinsätze, wie aktuell in Mali, und generell für eine interventionistische „wertebasierte Außenpolitik“, wie sie von verschiedenen Bundestagsparteien, inklusive einer möglichen Linkskoalition unter Beteiligung der Fraktion Die Linke, proklamiert wird?

Universalistische zivilisatorische Mission

Halten wir zunächst fest: Afghanistan ist kein Einzelfall einer wertebegründeten Intervention, im Gegenteil:

  • Außenminister Heiko Maas (SPD) führte seine erste Auslandsreise in das Brasilien des Jair Bolsonaro und in das Kolumbien des Iván Duque, zentraler Stützpunkt des Widerstandes gegen die Regierung von Nicolás Maduro in Venezuela. Maas begründete die Besuche ausdrücklich mit dem „gemeinsamen Wertefundament“ der beteiligten Regierungen.
  • Die jetzt bereits 60 Jahre andauernden wirtschaftlichen Sanktionen gegen Kuba werden immer noch mit der angeblichen dortigen Verletzung von Menschenrechten und der nötigen Wiederherstellung von Freiheit und Demokratie begründet.
  • Die USA begannen ihre Bombardierungen des Irak im Januar 1991 im Namen der Menschenrechte, wechselten 2003 zu den angeblich dort gehorteten Massenvernichtungswaffen und kehrten zum Thema „Menschenrechte und Befreiung von der Diktatur“ zurück, als die Massenvernichtungswaffen nicht gefunden wurden.
  • Der Überfall auf Libyen wurde von den europäischen Staaten und den USA als humanitäre Intervention im Rahmen ihrer angeblichen „Schutzverantwortung“ (Responsibility to Protect“, R2P) ausgewiesen.
  • Der stärker werdende Ruf nach Sanktionen gegen die Volksrepublik China stützt sich auf den Schutz der Menschenrechte und der Demokratie vor allem in Hongkong, Tibet und Xinjiang. Zusätzlich spielt die Sorge um eine „regelbasierte Ordnung“ eine Rolle, obwohl man mit dem Völkerrecht selbst auf Kriegsfuß steht.

Afghanistan: Aussichten und Legitimation

1. Ohne eine breite Unterstützung in der Bevölkerung wäre ein Sieg der militärisch weit unterlegenen Taliban nicht möglich gewesen. Offenbar gelten sie als Befreier von kolonialistischen Nato-Truppen und korrupten mit ihnen kollaborierenden Volksvertretern. Mehr noch erscheint ihr ideologisch-politisch „ein islamisches Emirat“ besser als ein demokratisch-säkularer Staat.

2. Externe „humanitäre“ Intervention, gegebenenfalls auch militärisch gestützt, zwecks Durchsetzung von Menschenrechten und Etablierung demokratischer Verhältnisse ist zum Scheitern verurteilt. Dominieren tribale bzw. ethnisch-religiöse statt bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsstrukturen, kollektive Identitäten und Kultur, spalten sie eher und werden zum Instrument von Unterdrückung.

3. Im Übrigen untersagt das Völkerrecht ausländische Interventionen, es sei denn sie sind vom UN-Sicherheitsrat im Einzelfall beschlossen. Grundsätzlich garantiert ansonsten das Selbstbestimmungsrecht der Völker allen Staaten die freie Wahl ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Ordnung. Im konkreten Fall bedeutet das: Die Taliban sind das Problem der Afghanen, welches sie zu lösen haben, nicht aber die USA oder die Deutschen.

4. Das Menschenrechtsverständnis der kapitalistischen Staaten des Westens beschränkt sich auf zivile und politische Rechte. Sie negieren die Verbindlichkeit der sozialen, ökonomischen und kulturellen Menschenrechte und erst recht die der dritten Generation auf Frieden, Entwicklung und Umwelt trotz ihrer von den UN proklamierten Gleichrangigkeit. Das Gleiche gilt für die Umsetzung eines von Menschenrechten geleiteten Verhaltenskodex für internationale Konzerne. Mehr noch, gerade die USA, die veghemetesten Vorreiter der weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte, haben die allermeisten der entsprechenden UN-Konventionen nicht unterschrieben oder ratifiziert und verletzen sie fortwährend im Inland wie im Ausland.

Werteorientierte‘ Außenpolitik – Feigenblatt für Machtinteressen der Starken

Zur ideologischen Grundausstattung der Außenpolitik treten vor allem in den USA, aber auch in der Bundesrepublik, die „nationale Sicherheit“ und „nationale Interessen“ hinzu. Sie allein kommen den wahren Interessen und Zielen der Interventionen nahe. Drei Funktionen bzw. Aufgaben haben diese unter dem „Banner des Guten“ vorgetragenen „Werte“ zu erfüllen:

  • „defensiv“ geht es um die Rechtfertigung und Verteidigung offensichtlich rechtlich zweifelhafter bzw. illegaler Interventionen und Maßnahmen,
  • „offensiv“ geht es um die Diskreditierung, Delegitimierung des politischen Gegners und die Vorbereitung eines Angriffs,
  • vorgeblich geht es um den Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung des Völkerrechts.

1. Klassische Formen des „defensiven“ Werteeinsatzes sind die „humanitäre Intervention“ wie im Krieg gegen Ex-Jugoslawien 1999 und die „Responsibility to Protect“ wie in Libyen.

Der australische Journalist und Dokumentarfilmer John Pilger sagte dazu 2011: „Der europäisch-(US-)amerikanische Überfall auf Libyen hat nichts damit zu tun, dass jemand beschützt werden soll. Es ist die Antwort des Westens auf die Volkserhebungen in strategisch wichtigen und ressourcenreichen Regionen der Erde und der Beginn eines Zermürbungskrieges gegen den neuen imperialen Konkurrenten China.“

2. „Offensiv“ werden die „Werte“ zur Delegitimierung und zum Regime Change als Sanktionen gegen Staaten wie Kuba, Syrien aber auch Volksrepublik China eingesetzt. Dass es dabei nicht nur um politische und wirtschaftliche Sanktionen geht, sondern auch um militärische Interventionen, hat die Geschichte Kubas gezeigt. Dieses Vorgehen wird nun auch gegen eine Weltmacht wie China erwogen. Der US-Präsident Joe Biden sagte dazu im Juli dieses Jahres: „Ich denke, es ist mehr als wahrscheinlich, dass wir in einem Krieg enden werden – einem echten Krieg.“

3. Der wirkliche Schutz der Menschenrechte, die originäre Aufgabe einer „werteorientierten“ Außenpolitik, spielt in der realen Politik keine Rolle. Beispiele massiver Menschenrechtsverletzungen wie Israel/Palästina, USA/Guantánamo, Afghanistan/Bagram oder Irak/Abu Ghraib, werden sogar vor den Untersuchungen des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) geschützt.

Ähnlich begründet ist das Schweigen des Westens zur gewalttätigen Niederschlagung der Demonstrationen in Bahrein durch saudi-arabisches Militär: Zu groß sind die Interessen des Westens in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten.

Diese Beispiele einer Politik des zweierlei Maß belegen den letztlich instrumentellen ideologisch-legitimatorischen Gebrauch von Menschenrechten. In Wahrheit geht es mit den Worten von Egon Bahr zu Schülern um Folgendes: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“

Ein erstes Fazit zur „werteorientierten“ Außenpolitik: Sie zielt nach wie vor auf Macht und Herrschaft über fremde Länder mit den alten Instrumenten des Kolonialismus und Imperialismus wie Raub, Krieg und Versklavung, nur die Legitimation hat sich geändert:

  • Im 15. Jahrhundert war es die Mission, mit der die Expeditionen zunächst an die Küsten Afrikas und dann gen Westen geschickt wurden.
  • Im 19. Jahrhundert war es der Auftrag der Zivilisation, mit dem die europäischen Staaten die Welt unter sich aufteilten, so etwa auf der Berliner Konferenz 1884).
  • Im 20. Jahrhundert sind es Menschenrechte, Demokratie und Freiheit, mit denen die Staaten versuchen, die koloniale Ordnung zu erhalten und neu zu ordnen.

Innenpolitische Folgen „wertebasierter“ Außenpolitik

Seien wir auf der Hut angesichts der starken innenpolitischen Komponente „wertebasierter“ Außenpolitik:

Denn wer kann schon dagegen sein, wenn Menschenrechte, vor allem Frauenrechte, also Rechte der Schwächeren, von den „Zivilisierten“ geschützt werden, die dafür sogar die Last des Krieges auf sich nehmen – wie altruistisch! Wer dies kritisiert, macht sich der Menschenverachtung schuldig! So werden Militär- und Kriegskritik durch die Inhaber von Moral zum Schweigen gebracht.

Und schon ist auch der nächste desaströse Konflikt vorbereitet: Das wirtschaftsstarke Deutschland hat ein Kriegsschiff in den Fernen Osten (!) entsandt. Anstatt sich daheim um die Hausaufgaben zu kümmern, als da sind: die Bekämpfung der wachsenden Armut und damit der Spaltung unserer Gesellschaft, die Integration vieler vor deutschen Waffen und deutscher Wirtschaftspolitik zu uns Geflohener und eine wirksame und sozial angepasste Klimapolitik und vieles andere mehr.

Was tun?

  • Stopp jeglichen Rüstungsexports.
  • Stopp der inländischen Aufrüstung. Waffen und Kriege haben noch keinen Konflikt auf der Erde geregelt, geschweige denn: gelöst.
  • Die EU, Friedensnobelpreisträgerin 2012, nicht aufrüsten, sondern zur Friedenstifterin zurückbauen.
  • Der UNO ihre ursprüngliche friedensstiftende Funktion zurückgeben, und dies mit dem alleinigen Gewaltmonopol!

Der Aufruf hat ein breites Echo in der Friedensbewegung hervorgerufen u.a. Frieden-Links, isw – sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V., Telepolis, CO-OP Anti-War Café Berlin, Red Globe.

Kunstwerk des Eintrages

Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin  (1842–1904) – Die Apotheose des Krieges
Lizenz: Gemeinfrei.

Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin war einer der meistbeachteten russischen Kriegsmaler des späten 19. Jahrhunderts. U.a. begleitete er die russische Armee bei der Eroberung des heutigen Usbekistans. In Erinnerung an die dortigen militärischen Auseinandersetzungen entstand die Gemälde-Serie „Barbaren“ mit dem bekanntesten Werk „Die Apotheose des Krieges“.

„[Das] in den Jahren 1871 bis 1872 entstandene Bild zeigt eine Pyramide menschlicher Schädel in einer verwüsteten Landschaft. [Im Hintergrund erscheint die Silhouette der zentralasiatischen Stadt Samarkand.] Das Bild bezieht sich auf die mongolische Kriegführung unter Tamerlan. Wereschtschagin widmete das Bild „Allen großen Eroberern: den vergangenen, den gegenwärtigen und den zukünftigen„.“ (Wikipedia 2021)

„Was auffällt ist gerade diese scheinbare Harmonie, welche die gekonnte Bildkomposition hervorruft. Sie ist auch ein Hinweis darauf, wie schnell Krieg, wie schnell Leid zur Gewohnheit werden kann. […] Erdfarbene Warmtöne vor einem satten Blau des Himmels sind ein weiteres Stilmittel des Malers, dem ganzen tristen Szenario einen scheinbar romantischen ruhigen und entspannten Touch zu verleihen. Doch schaut man genau hin, so sieht der geübte Blick des Betrachters die anklagend[en…] Schädel der gefallenen Soldaten.“ (Figunetik.com 2021)

Der isländische Künstler Erró zitierte das von Wereschtschagin geschaffene Motiv über 100 Jahre später für sein Bild Good-bye Vietnam.

… Heute steht es auch für Afghanistan.

Quellen

Figunetik (Hrsg.): Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin und seine „Die Apotheose des Krieges“; 2021.

Wikipedia (Hrsg.): Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin; 2021.

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

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