Domestizierung forciert die Entwicklung der Menschheit

„Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren bedeutet mehr Nahrung,
das bedeutet mehr Menschen, und das wiederum bedeutet mehr Innovationen.
Domestizierung bedeutet aber auch mehr Druck auf eben jene Ressourcen,
die den Prozess vorantrieben.
Und schon war das Entwicklungsparadox in Gang gesetzt.“
Ian Morris (Wer regiert die Welt? 2011, S. 39)

Die ursprünglichen Jäger und Sammler ernährten sich von einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren. Mit der Sesshaftwerdung ab 15.000 v.u.Z. begannen sie ihre Anstrengungen auf wenig Arten zu konzentrieren. Es dauerte ca. 10.000 Jahre bis der Mensch die wichtigsten Tier- und Pflanzenarten kultiviert konnte. Diese decken noch heute fast den gesamten Bedarf an Kalorien. Harari spitzt es zu: „Wir ernähren uns [immer noch] wie die ersten Bauern.“ (Harari 2013, S. 102) Nach 1.500 v.u.Z. kamen nur noch vereinzelt neue Pflanzen und Tiere hinzu.

Im Laufe der Sesshaftwerdung wandelte sich die menschliche Gesellschaft völlig – es entstand die Agrar- und Klassengesellschaft. Haustiere und Kulturpflanzen lieferten Arbeitskraft, Energie, Nahrung und Rohstoffe in bis dahin unbekanntem Ausmaß. In den zivilisatorischen Zentren vervierfachte sich der Energieverbrauch von ca. 4,5 Kilokalorien (kcal) pro Tag und Einwohner auf 20 kcal. Erst im Zuge der Industriellen Revolution kam es zu einer vergleichbaren Anhebung des Energieniveaus – von 30 kcal (1700 u.Z.) auf über 230 kcal (2000 u.Z.). (Morris 2011, S. 599)

Die landwirtschaftliche Revolution vollzog sich unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen der Erde. Zentren befanden sich im „Goldenen Halbmond“ (heute Türkei-Iran), dem Yaksee-Delta (China), dem nördlichen Anden-Raum und Mittelamerika, Westafrika (Mauretanien bis Niger) sowie Indonesien-Neuguinea. Wahrscheinlich existierte auch eine selbstständige Entwicklungen im südlichen Indien. (Harari 2013, S. 102f) Grundlage waren regionalen Pflanzen- und Tiere, die sich (ökonomisch lohnend) züchten ließen. Kamen vor Ort entsprechende Tiere und Pflanzen nicht vor, unterblieb die Domestikation und damit auch die Agrarrevolution. (Weiterlesen über die Geschichte der Landwirtschaft mit vielen anregenden Gedanken bei Bernd Fessler und seinen Blog-Beitrag: terra incognita.)

1. Domestikation ist ein Prozess, bei dem „natürliche Populationen […von Tieren oder Pflanzen] aus ihrem ökologischen Gefüge herausgelöst [werden, um sie in einer menschlichen Umgebung] auf einen […] Nutzen hin zu züchten.“

„Das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit , die diesen Unterschied bewirkt.“
Friedrich Engels (Menschwerdung des Affen 1876, S. 387)

Die Domestikation ist im weitesten Sinne vom Menschen gesteuert. Sie beruht einerseits auf der dauerhaften (genetischen) Isolation von der Wildpopulation. Anderseits trifft der Mensch eine Auswahl, welche der gefangenen Individuen sich vermehren und welche nicht. Insbesondere durch Inzucht wird eine schnelle Verstärkung gewünschter Eigenschaften in Laufe der Generationen erreicht.

„Inzucht ist im Rahmen der Domestikation durchaus erwünscht. Die Zucht auf bestimmte Merkmale geht am besten dadurch, dass ich verwandte Tiere herausnehme und züchte. Das kann aber neben dem gewünschten Effekt […] auch Defekte hervorrufen. Insofern macht es durchaus Sinn, und das sehen wir in den genomischen Daten, das […] immer wieder Populationen aus anderen Regionen oder auch [Wildarten] eingekreuzt werden – als Auffrischung des Genpools.
Insofern konterkariert die heutige strenge [In-]Zucht […] das wieder. […]
Und wir sehen, das es genetischen Defekte zur Folge hat.“
Prof. Joachim Burger (Die Geschichte der Hunderassen; 11:40)

2. Der Prozess der Domestikation dauerte Jahrtausende. Hintergrund ist die von Prof. Burger beschriebene Notwendigkeit der Ein- und Rückkreuzung. In der Vormoderne fällte es entsprechend schwer, zwischen Haus- und Wildform bzw. verschiedenen domestizierten Sorten zu unterscheiden. Über Jahrtausende dominierten Misch- und Übergangsformen. Erst mit den wissenschaftlichen Zuchtverfahren und Taxonomien der Moderne erfolgt die Herausbildung fester Rassen / Sorten.

Domestikation von Emmer (Zweikorn): Die Ersten domestizierten Pflanzensamen sind seit dem Beginn des elften Jahrtausends v.u.Z. nachweisbar. Erst 3.000 Jahre später sind keine Wildformen in menschlichen Siedlungen mehr auffindbar.

Bis zur Entwicklung moderner Zuchtmethoden führten vor allem unbeabsichtigte Selektionen, Hybridisierungen und konvergente (phänologische) Evolution (Purugganan 2019) zur Entstehung domestizierter Pflanzen. Konvergenter (phänologischer) Evolution meint eine vergleichbare genetische Entwicklung auf Grund eines ähnlichen Selektionsdruckes. Ein Beispiel wäre das helle Fruchtfleisch der meisten menschlichen Nutzpflanzen. Der Mensch bevorzugt dieses Aussehen. Sorten mit entsprechender genetischer Ausprägung setzten sich durch.

3. Im Laufe der Domestikation erfolgte die Entwicklung von Wildpflanzen zu Kulturpflanzen und von Wildtieren zu Haustieren. Sie ging mit teils erheblichen genetischen Veränderungen einher. Diese zeigen sich sowohl in einer neuen Morphologie als auch einem modifizierten Verhalten. Die konkreten Ausprägungen unterscheiden sind von Art zu Art. Aber bei domestizierten Tieren dominieren bestimmte Gemeinsamkeiten. Hintergrund ist die bessere Passung auf laute, enge und bewegungsarme Siedlungen und Zuchtanlagen.

A) Ein gutes Beispiel für die phänotypischen Veränderungen domestizierter Tiere sind die folgenden Kaninchen. Die meisten Merkmale sind klar zu erkennen: weiß-braun fleckige Fellfärbung, Schlappohren, kürzere Schnauze, verkürzter Reproduktionszyklus (Schlolaut 2002), kleineres Gehirnvolumen (sichtbar an den kleineren Köpfen) sowie umfassende Verhaltensmodifikationen (Fügsamkeit, reduzierte Aktivität und verringerte Aggressivität gegenüber Artgenossen).

Die Verhaltensmodifikationen bedeuten oft eine verringerte Interaktion mit gleichartigen Tieren. Haustiere sind geselliger und konkurrieren weniger untereinander – sei es um Partner, Futter oder Territorien – als die Wildform. Dafür besteht bei ihnen eine starke Ausrichtung auf den Menschen. Ein drastisches Merkmal ist die einfachere Trennbarkeit von Kind und Muttertier.

Beispiel Hunde: In einem Wolfsrudel wird sich auch um rangniedere bzw. schwächere Tiere gekümmert. Insbesondere teilen Wölfe das Futter zwischen allen Tieren des Rudels. Hunde hingegen kooperieren nicht mit ihren Artgenossen. Die dominanten Tiere fressen bis sie satt sind. Bei einer Futterknappheit verhungern rangniedere Tiere. Der Mensch muss hier für den Ausgleich sorgen. (Vgl. Terra X – Die Geschichte des Hundes)

B) Domestizierte Tiere vertragen menschliche bzw. von Menschen gemachte Nahrung. Prägnantes Beispiel ist der Hund, der von einem primären Fleischfresser zu einem Carni-Omnivoren (einen Fleisch-Allesfresser) wurde.

„Ab den Neolithikum, d.h. ab dem Zeitpunkt wo der Mensch Ackerbau und Viehzucht betreibt, wird die Nahrung des Menschen immer mehr stärkehaltiger. Das sind Kohlenhydrate, die aus pflanzlichen Quellen in die menschliche Nahrung gelangt sind. […] Der Hund bekommt das auch zu fressen und muss quasi genetisch darauf reagieren. Das ist eine Form von Nahrung, wie er sie in der Wildnis nicht findet. Und er tut das. Heutige Hunde haben das Gen, dass für die Verdauung von Stärke zuständig ist, in sehr hoher Kopienzahl. Es ist mehr vorhanden, d.h. die Maschinerie arbeitet effektiver.“
Prof. Joachim Burger (Der erste Freund des Menschen 2019, 22:20ff)

Heutige Studien nehmen an, dass die körperlich sichtbaren Veränderungen und die Veränderungen des Magen-Darm-Traktes zusammen hängen. Zugespitzt: Die Haustiere tauschten ein geringeres Gehirnvolumen von bis zu 30 Prozent gegen die Fähigkeit komplexere Nahrung verdauen zu können.

C) Zuletzt zeigen sich oft genetische Modifikation des Verhaltens im Bezug auf den Menschen. Haustiere können menschlich Gesten und Mimik deutlich besser „verstehen“ als Wildtiere. Auch nutzen sie instinktiv Mittel der Kommunikation, die auf den Menschen ausgerichtet sind. So bellen Wölfe kaum und Miauen Wildkatzen nur in der Kommunikation mit ihrem Nachwuchs.

„Im Naturzustand fühlt es kein Tier als einen Mangel […] menschliche Sprache nicht verstehen zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist. Der Hund und das Pferd haben im Umgang mit Menschen ein so gutes Ohr für artikulierte Sprache erhalten, dass sie jede Sprache leicht soweit verstehen lernen, wie ihr Vorstellungskreis reicht. Sie haben ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhänglichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher fremd waren.“
Friedrich Engels (Menschwerdung des Affen 1876, S. 380)

Sehr weit fortgeschritten ist dieser Prozess bei Hunden. Sie können Gesten von Menschen schon von Geburt an sehr gut interpretieren – teilweise besser als Schimpansen. Ebenfalls zeigen Haushunde ein deutlich zutraulicheres Verhalten als andere Haustiere.

Der sowjetische Forscher Prof. Dmitri Beljajew bewies, dass diese Fähigkeiten genetisch fixiert sind. Er züchtete innerhalb weniger Generationen aus wilden Silberfüchsen zahme Haustiere. Diese näherten sich dem Aussehen von Hunden an.

4. Von den domestizierten Arten abzugrenzen, wäre die „eigenständige“ Adaption von Wildtierarten an den Menschen. Beispielhaft dafür steht die Anpassung von Mäuse und Ratten an menschliche Siedlungen und Abfälle (Vgl. Ian Morris 2011, S. 95) oder die von spezialisierte Parasiten wie Menschenläuse. Wobei interessanterweise in Teilen ähnliche Erscheinungen wie bei domestizierten Arten auftreten.

Die Grenze zwischen Domestikation und Adaption ist dabei schwer zu ziehen. So zeigt sich bei der Hauskatze erst seit ca. 150 Jahren die Herausbildung „echter“ Haustierrassen inkl. deutlicher Unterscheidung zum Wildtyp. Nicht-Rasse-Katzen vermehren sich in freier Natur erfolgreich und verlieren die Bindung an den Menschen. Sie brauchen ihn nicht wirklich.

„Erst seit dem späten 19. Jh., als man mit der Züchtung begann, Eigenschaften festigte und sie systematisch kreuzte um eine bestimmte Form zu erhalten, kann man von einer Domestizierung [der Katze] sprechen. […]
Der Hunde weißt eine große Formenvielfalt auf. Die Bandbreite reicht von dt. Dogge bis zum Chihuahua. Wenn man hingegen das Skelett einer Katze betrachtet, ist es immer das einer Katze.“
Dr. Cécile Callou (Wie die Katze die Welt eroberte 2020, 21:10ff)

Allerdings ist die These von Frau Dr. Callou nicht unumstritten. Neueste Studien stellen sehr wohl typische Veränderungen einer Domestikation auch bei älteren Katzenrassen fest. Insbesondere zeigt sich eine deutliche Reduzierung des Gehirnumfanges zur Wildform. (Vgl. Lesch et al 2021) Unbestritten ist aber, das die Modifikation der Katze bis weit in die Moderne nicht in Ansätzen denen des Hundes oder anderer Haustiere entsprach.

5. Der Mensch verbrachte mindestens die letzten 17.000 Jahre in engster Gemeinschaft mit Haustieren und Kulturpflanzen. Bis zur industriellen Revolutionen zogen Menschen Vorteile daraus, gut mit Tieren zu können bzw. einen „Grünen Daumen“ zu haben. Die moderne Archäologie hat detailliert die genetische Entwicklung von Haustieren und Nutzpflanzen dokumentiert. Aber die Erforschung der genetische Anpassung des Menschen an seine Begleiter – die beidseitig Koevolution – steht außerhalb der Virologie erst am Anfang.

„Es ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, das wir zumindest mit einem starken Interesse an Tieren zur Welt kommen. Alle Kinder interessieren sich am meisten für Tiere. Die Kinderliteratur ist voll mit Tieren. Das deutet erstens darauf hin, dass in unserer evolutionären Vergangenheit Tierbeziehungen eine sehr große Rolle gespielt haben müssen. Und zweitens zeigen uns die Kinder damit auch, was sie für das Aufwachsen brauchen.“
Prof. Kurt Kotrschal (Ricard et al.: Katze oder Hund 2018, 03:30ff)

Literaturverzeichnis

Bernd, Fessler (2021): terra incognita; theatrum vinum – Zur Kultur von Theater und Wein.

Bueche, Lena (2020): Die Domestikation der Pflanze verlief nicht einseitig, sondern veränderte auch den Menschen. In: Neu Zürcher Zeitung, 01.03.2020. (Bemerkung: Gute Quellensammlung von Fachartikel zum Einstieg in die Thematik.)

Fougea, Frédéric (2019): Der erste Freund des Menschen (Terra-X). ZDF. (Dokumentation)

Friedrich, Engels (1974): Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. Handschrift 1876. In: Ausgewählte Werke. Marx Engels, Bd. 5. 3. Aufl. 6 Bände. Berlin: Dietz Verlag (5), S. 377–391.

Harari, Yuval Noah (2013): Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: Deutsche Verlags-Anstalt.

Lesch, Raffaela; Kitchener, Andrew C.; Hantke, Georg; Kotrschal, Kurt; Fitch, W. Tecumseh (2021): Cranial volume and palate length of cats, Felis spp., under domestication, hybridization and in wild populations. In: Royal Society Open Science. DOI: 10.1098/rsos.210477.

Morris, Ian (2011): Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Purugganan, Michael (2019): Evolutionary Insights into the Nature of Plant Domestication. In: Current Biology (29), R705-R714. DOI: 10.1016/j.cub.2019.05.053.

Ricard, K.; Thüringer, A. K.; Wiehager-Philippi A.; Wischmann C. (2018): Katze oder Hund – Warum so viele Menschen Tiere lieben. NDR. (Dokumentation)

Schlolaut, Wolfgang (2002): Das Hauskaninchen als Nutztier. In: Lohmann Information (2).

Taschwer, Klaus (2018): Das Geheimnis der zahmen sibirischen Füchse. In: Der Standard, 07.08.2018.

Wie die Katze die Welt eroberte (2020). ARTE F, 2020. (Dokumentation)

Wilkins, Adam; Wrangham, Richard; Fitch, W. Tecumseh (2014): The “Domestication Syndrome” in Mammals. A Unified Explanation Based on Neural Crest Cell Behavior and Genetics. In: Genetics 197 (3), S. 795–808. DOI: 10.1534/genetics.114.165423.

Bildrechte

Bild (Startbild + Bild im Text): Kaninchen © Wolfgang Wormuth

Das Originalbild sowie weitere anregende Tier- und Landschaftsaufnahmen von Wolfgang Wormuth finden sich unter Flora und Fauna.

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