Warum jammert der wohlhabende Ostdeutsche?

Jessy Wellmers wunderte sich in ihren Buch „Die neue Entfremdung“ (Kleinwächter 2025) über wohlhabende Ostdeutsche, die trotz ihres individuellen Erfolges eine negative Meinung zur Wiedervereinigung bzw. dem Ost-West-Gegensatz haben.

Abgesehen von dem zutiefst materialistischen Weltbild, wirft Wellmers interessante Fragen auf: Warum äußert sich dieser offensichtlich wohlhabende und erfolgreiche Mensch relativ kritisch zum jetzigen politischen System? Warum scheint die Zufriedenheit mit der politischen Entwicklung / Situation selbst bei „Gewinnern“ oft nur begrenzt ausgeprägt?

1. Messung von Zufriedenheit

Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben lässt sich kaum objektiv messen. Entsprechend müssen andere Wege als die direkte Befragung gewählt werden. Einer davon ist die Ermittlung objektiver und vor allem vergleichbarer Indikatoren, mit deren Hilfe sich auf die „reale“ Lebenszufriedenheit schließen lässt. Ein wesentlicher Indikator dafür ist die Gesundheit von Menschen.

International hat sich zur Messung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Indikator „durchschnittliche Lebenserwartung“ durchgesetzt – auch weil es sich um „ein vergleichsweise bekanntes, intuitiv zugängliches Konzept handelt.“ (Deutscher Bundestag 2013, S. 255)

Die Lebenserwartung ist ein Meta-Indikator. Sie wird von einer breiten Palette an Faktoren, von der staatlichen Gesundheitsversorgung, über die Ernährungsgewohnheiten bis hin zum Niveau der Kriminalität, beeinflusst. Die Lebenserwartung sagt wenig über das konkrete Zusammenspiel der einzelnen Faktoren aus – aber sehr viel darüber, wie gut bzw. schlecht die Gesamtkombination im Vergleich zu anderen Gesellschaften bzw. Regionen ist.

Daraus erwächst eine Forderung an den Staat. Kann dieser für seine Bevölkerung eine Konstellation von Faktoren etablieren, die dieser ein langes Leben ermöglicht? Der Indikator liefert damit starke Indizien für die Bewertung wie erfolgreich ein Staat Wohlstand für seine Bevölkerung schafft. Gerade deshalb ist die Lebenserwartung einer der drei Indikatoren des Human Development Index – des bekanntesten Instruments zur Messung menschlicher Entwicklung bzw. des Wohlstandes einer Gesellschaft.

2. Beeinflussung von Lebenserwartung

Die Lebenserwartung in Deutschland lässt sich vor allem mit drei Faktoren prognostizieren: Geschlecht, Bildungsstand und (Haushalts-)Einkommen. Wobei die letzten beiden eng miteinander verknüpft sind. Vereinfacht zusammengefasst: Männer leben deutlich kürzer als Frauen und vermögende bzw. gebildete Haushalte länger als arme. (Geyer et al. 2024)

Aber dazu tritt ein weiterer Indikator, der in der obigen DIW-Studie nicht untersucht wurde: Die wirtschaftliche Stärke der jeweiligen Region. Und diese schwankt inzwischen erheblich von Kreis zu Kreis. (Siehe Grafik 2.)

Nur die oberen Prozente einer Gesellschaft können sich weitgehend von der regionalen staatlichen Infrastruktur entkoppeln. Alle Anderen sind Teil der lokalen Gemeinschaft. Ihre Lebensqualität ist mit der kommunalen medizinischen Versorgung, der lokalen Infrastruktur etc. aufs engste verknüpft. Zwar können wohlhabendere Schichten lokale gesellschaftliche Defizite kompensieren – aber eben nie vollständig. In der Konsequenz gilt: Je ärmer die Region, umso geringer ist die Lebenserwartung. Der Unterschied beträgt inzwischen 4,3 Jahre bei Frauen und 7,2 Jahre bei Männern. (Hoebel et al. 2024)

Ein Beispiel: Wie lange braucht ein Rettungsdienst zum Patienten? Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft dauert es in Nord- und Ostdeutschland tendenziell deutlich länger bis ein Rettungswagen im Notfall eintrifft. (Pabst 2021) [Mit interaktiver Karte wie es jedem Kreis in Deutschland aussieht.] Ob dafür vor allem die Anzahl der Kreisverkehre verantwortlich ist, wie ein Artikel der Welt meinte, überzeugt mich nicht. (Meyer 2021) Ich schlussfolgere eher: In finanzschwachen Regionen ist die Wahrscheinlichkeit zu versterben, bevor ein Krankenwagen eintrifft, höher als in wohlhabenden.

Die unterschiedliche regionale Wirtschaftskraft begünstigt eine wachsende Ausdifferenzierung der durchschnittlichen Lebenserwartung in Deutschland. In Grafik 3 sind große Regionen zu erkennen, in denen eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung vorherrscht. Insbesondere Ostdeutschland aber auch Gebiete im Westen sind betroffen.

3. Bewusstsein der unterschiedlichen Lebensqualität

Angehörige der Oberschicht vergleichen sich nicht mit den lokalen Unterschichten.  Weder Gymnasial-Lehrer noch Ministerial-Beamte orientieren sich am Obdachlosen im Park. Ihr sozialer Maßstab ist die eigene soziale Schicht – also ehemalige Studienkollegen, Freunde oder Verwandte in ähnlichen sozialen und beruflichen Positionen. Deren Einkommen, deren Lebensqualität und deren Lebenserwartung dient zur Einordnung bzw. Bewertung des eigenen Erfolges.

Es tritt ein Widerspruch auf: Oberschichten in „Problemregionen“ leben länger als ärmere Haushalte derselben Region. Aber gleichzeitig liegt ihre durchschnittliche Lebenserwartung unten dem Niveau der Oberschichten prosperierender Regionen.

Den Oberschichten der strukturschwachen Regionen sind die regionalen Unterschiede in der Lebensqualität bewusst, und damit auch ihre eigene relative Benachteiligung. Um beim Beispiel zu bleiben: Der Gymnasial-Lehrer in der thüringischen oder saarländischen Provinz weiß, dass seine gesellschaftliche Teilhabe, seine Lebensqualität und letztlich auch seine Lebenserwartung tendenziell geringer sind, als die eines Gymnasial-Lehrers im Umland Berlins oder gar Münchens.

4. Unzufriedenheit und lokales Lebensniveau

Dieses Bewusstsein, der relativen Schlechterstellung ist ein wesentlicher Grund der höheren Unzufriedenheit von (ostdeutschen) Oberschichten in Problemregionen. Weder der Hinweis, dass diese Schichten besser leben, als die Armen derselben Region, noch die Bemerkung, dass es einen Fortschritt im Vergleich zur Vergangenheit gab, treffen den Kern des Problems. Im Vergleich zu Ihresgleichen, sehen sich diese Schichten benachteiligt. Was objektiv auch richtig ist.

Jenny Wellmers, wohnhaft in einem der wohlhabendsten Bezirke Berlins, will diesen Zusammenhang nicht sehen. Denn hier liegt enormer politischer Sprengstoff. Die Forderung, nach einer realen Gleichheit(!) der Lebensverhältnisse in Deutschland, und nicht nach nebulöser „Gleichartigkeit“, darf nicht nur in Sonntagsreden gefordert und in Werbehompages behauptet werden. (Bundesministerium des Inneren 2025) Es muss real eine messbare Gleichheit bei Lebenserwartung, Einkommen, Bildungschancen etc. durchgesetzt werden. Wenn nicht, wird es auch keine politische Einheit der Deutschen geben.

Bildrechte

Grafik 1: Aufbau HDI. Autor: United Nations Development Programme 2025. Lizenz: CC BY 3.0 IGO.

Grafik 2: Jährliches Verfügbares Einkommen privater Haushalte in Deutschland nach Kreisen. Bildschirmfoto. Autor: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (2022).

Grafik 3: Diagramm Lebenserwartung bei Geburt (2020-2022). Autor: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2023). Lizenz: CC BY-ND 4.0.

Literaturverzeichnis

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.) (2023): Lebenserwartung Neugeborener in Deutschland nach Kreisen (2020-2022). Wiesbaden.

Bundesministerium des Inneren (Hg.) (2025): Wir stärken gleichwertige Lebensverhältnisse. Berlin.

Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (Hg.) (2022): Der Deutschlandatlas. Verfügbares Einkommen. Berlin.

Deutscher Bundestag (Hg.) (2013): Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ (Drucksache, 17/13300).

Geyer, Johannes; Haan, Peter; Tréguier, Julie (2024): Höheres Haushaltseinkommen geht bei Frauen und Männern mit höherer Lebenserwartung einher. DIW. Berlin (DIW Wochenbericht, 25/2024).

Hoebel, Jens; Michalski, Niels; Baumert, Jens; Nowossadeck, Enno; Tetzlaff, Fabian (2024): Die Lebenserwartungslücke: Sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. Robert Koch-Institut. Berlin (Journal of Health Monitoring, 2025 10(1)).

Kleinwächter, Kai (2025): Nicht-Entscheidung im Ost-West-Konflikt. zeitgedanken.blog. Potsdam.

Meyer, Laurin (2021): 24 Sekunden bis 61 Minuten – So schnell ist der Rettungswagen bei Ihnen zu Hause. In: Welt, 03.07.2021.

Pabst, Josephine (2021): Rettungsdienste brauchen im Osten länger. Hg. v. Institut der deutschen Wirtschaft. Köln.

United Nations Development Programme (Hg.) (2025): Human Development Index (HDI). New York.

Wellmer, Jessy (2024): Die neue Entfremdung. Warum Ost- und Westdeutschland auseinanderdriften und was wir dagegen tun können. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Creative Commons Lizenzvertrag Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

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