Master of the Universe – Soziale Selektion im Finanzsektor

Fünf Jahre nach der Weltfinanzkrise erschien der Film Master of Universe. (Bauder 2013) Das Interview mit dem ehemaligen Investmentbanker Rainer Voss findet in beeindruckende Atmosphäre statt – einem leerstehenden Bankgebäude im Frankfurter Bankenviertel.

Die vollständige Dokumentation ist auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos verfügbar.

Hier im Blog erscheint eine kleine Reihe mit den wichtigsten Aussagen:
1. Teil: Soziale Selektion im Finanzsektor
2. Teil: Aufstieg des internationalen Finanzmarktes
3. Teil: Bewertung moderne Finanzprodukte

Sechs Thesen zur sozialen Selektion im Investmentbanking waren besonders interessant:

1. Überhöhung der Händler

Die mediale Berichterstattung fokussiert sich meist auf die Händler bzw. Trader mit Finanzprodukten – wie sie ihre Deals abwickeln, mit Finanztiteln spekuliere sowie ihre Boni verjuxen. Aber das ist eine Fehlwahrnehmung. Sie beruht auf einen Geldfetischismus (Kleinwächter 2022) – der Gleichsetzung von Geld(geschäften) und Geldströme mit der gesamten Wirtschaft. Filme wie ´Wall Street`, in dem Michael Douglas den Investmentbanker Gordon Gekko spielte, prägten Image und Wahrnehmung dieser Berufsgruppe zusätzlich.

Die Führungskräfte der Banken haben kaum Interesse daran, den Mythos vom Elite-Trader, der das Schicksal der Welt bestimmt, zu widerlegen. Das Narrativ ist nützlich. Einerseits verschleiert es die realen Machtstrukturen der Finanzmärkte. Sowohl die Führungskräfte der Banken, als auch die Anteilseigner der Firmen und erst recht die Verknüpfungen mit den politischen Eliten bleiben unsichtbar.

Andererseits dient es als Werbung um junge, gierige Menschen zu rekrutiere, die alle Kraft dem System geben. Die Händler sind nicht die bestimmenden Kräfte des Finanzmarktes – auch wenn sie so in Szene gesetzt werden und es wohl oft selbst glauben. Im Gegenteil, die Trader sind Angestellte, genauer: spezialisierte Vertriebler. Sie sind Getriebene des Systems.

2. Selektion durch Arbeitsbelastung

Die Arbeit der Trader ist durch äußersten Druck in Form von nächtelanger Arbeit gekennzeichnet. 60, 70 und mehr Stunden Arbeit pro Woche sind normal. Diese enorme Arbeitsbelastung ist sowohl ein Instrument zur Profitoptimierung der Institute als auch ein soziales Selektionsinstrument. Nur wer sein Leben diesem Job unterordnet steigt in der Hierarchie auf. (Fast) Jeder der ´alternative` Werte entwickelt oder gar beginnt Zweifel am System zu hegen, wird sich das nicht antun.

Die soziale Selektion durch übermäßige Arbeit betrifft das gesamte soziale Umfeld – Ehepartner, Familie und Freundeskreis. Langfristig bleiben nur Personen mit ähnlichen Werten und Zielen. Zu allen anderen verliert sich der Kontakt.

Im Interview deutet sich an, dass der Aufstieg nicht nur auf Leistung und nach außen getragener Loyalität beruht. Die Hierarchien sind steil, der Kündigungsschutz niedrig und die Fluktuation hoch. Nur wenige Personen entscheiden in intransparenten Runden über Fortkommen oder Entlassung. Zum Aufstieg gehört auch eine gehörige Portion Glück. Oder andersrum, diese Strukturen funktionieren auch wesentlich über Angst. Wer schwächelt bzw. der Führung nicht pass fliegt raus. Natürlich blenden die Helden- und Leistungsgeschichten vom eigenem Aufstieg beide Facetten – das Glück als auch die Angst – nahezu völlig aus.

3. Isolation durch soziale Abschottung

Die Trader unterwerfen sich selbst diesen Strukturen. Sie glauben daran und befeuern das System selbst. Zumal sie mit wachsendem Alter kaum noch Alternativen sehen.

Die Unternehmen verstärken die soziale Isolation gezielt – firmeneigene Kindergärten, firmeninterne Urlaube und Events, ´Freizeitgestaltung` mit Businesspartnern etc. Man trifft nur noch auf Gleichgesinnte. Wenn nicht bewusst gegengesteuert wird, befinden sich Trader schnell in einer sozialen Blase, in der ihre Arbeit alles bestimmt. Vom Beruf unabhängige Hobbies und damit verbundenen Bekanntenkreise aufzubauen ist schwer bis nahezu unmöglich.

4. Isolation durch Luxus

Ein weiterer Faktor der Isolation ergibt sich aus dem luxuriösen Lebensstandard, den sich Menschen in solchen Positionen leisten können. Viele Probleme des Alltags werden in dieser Lebenswelt irrelevant. Dienstpersonal erledigt die Einkäufe, putzt, repariert und fährt das Auto, organisiert die Reisen, kümmert sich um Kinder, Haus und Garten etc. Der Kostenfaktor spielt eine mehr als untergeordnete Rolle. Geld ist genug da – von Seiten der Unternehmen bzw. eigenes.

Damit fällt es auch zunehmend schwer Kontakte außerhalb der Arbeitswelt aufzubauen. Worüber will man reden? Zumal wenn verbindende gemeinsame Erlebnisse mangels Freizeit kaum stattfinden.

5. Klassische Rollenverteilung

Durch die Arbeitsbelastung bildet sich oft wieder eine klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern heraus. Denn ohne Partner*in, der sich um den Alltag sprich Haus, Familie, Kinder etc. kümmert, ist ein solches Leben nicht realisierbar. Die Hausfrauen-Ehe feiert fröhliche Urstände – oft verdeckt durch teure Hobbie der Frau.

Daraus entstehen auch Abhängigkeiten. Was bleibt wenn das Einkommen des Mannes wegbricht? Zumal wenn die überdimensionierten Immobilien, Autos etc. kreditfinanziert sind?

Die hohen Einkommen sind damit zum Teil auch wirtschaftlich notwendig. Der Ehepartner muss mitbezahlt werden. Und sie decken das Risiko des wirtschaftlichen Absturzes durch ein einseitiges Einkommen ab.

Auch die Beziehung zu den eigenen Kindern kann dann schnell belastet bzw. kaum existent sein. Voss weicht der Frage aus, wie es um die Beziehung zu seinen Kindern steht. Aber positiv klingen seine Antworten nicht. Die meisten Mütter von Tradern dürften sich als Alleinerziehende sehen. Viele Händler ziehen es wahrscheinlich vor erst gar keine Kinder zu haben. Die entstehenden DINKS (Double Income No Kids) haben eine noch stärke gesellschaftliche Vorbildfunktion beim Konsum. (Kleinwächter 2023)

6. Andere Branchen

In Folge der Selektion wird das eigene Handeln und daraus resultierende gesellschaftliche Konsequenzen immer weniger hinterfragt. Folge sind oft geschlossene Weltbilder. Diese sehen von außen sehr kraftvoll aus. Aber die ´Stärke` beruht wesentlich auf dem Ausblenden gesellschaftlicher Komplexität. Die Wahrscheinlichkeit eklatante Fehlentscheidungen zu treffen, steigt entsprechend an.

Ebenfalls nimmt das klammern an Posten zu. Es gibt zu dem jetzigen Job kaum Alternativen – weder finanziell, noch vom Tätigkeitsprofil her. Entsprechend versuchen Menschen in solchen Positionen fast alles, um im Spiel zu bleiben. Insbesondere zeigt sich oft eine bedingungslose Loyalität – bis in den Untergang und selbst bei krassen Fehlentwicklungen.

Der Finanzsektor ist hier nur ein Sektor unter vielen in denen ähnliche Selektionsmechanismen wirken. Als weitere Sektoren wären insbesondere zu nennen – Politiker, Führungskräfte staatlicher Sicherheitsapparates, Personal der Spitzenforschung, Spitzensportler und Manager großer Unternehmen.

Die gesellschaftliche Diskussion wäre jetzt, solche Selektionsmechanismen zurückzunehmen. Für höhere Durchlässigkeit als auch kürzeren Verbleib zu sorgen. Ansätze dafür wären sicherlich die Begrenzung der Einkommen als auch das Hinwirken auf eine Begrenzung der Arbeitszeit. Die Diskussion um die 4-Tage-Woche ist damit auch ein Diskurs um die Frage, welche Selektionsprozesse von Eliten wollen wir.

Literaturverzeichnis

Bauder, Marc (2013): Der Banker – Master of the Universe. Marc Bauder (Regie). Berlin.

Dok Leipzig (V.i.S.d.P.); Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Hg.) (2014): DOK macht Schule. Master of the Universe.

Kleinwächter, Kai (2021): DINK – Double Income No Kid. zeitgedanken.blog. Potsdam.

Kleinwächter, Kai (2022): Geldfetischismus – Tanz ums goldene Kalb. zeitgedanken.blog. Potsdam.

2 Gedanken zu “Master of the Universe – Soziale Selektion im Finanzsektor

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..