Fünf Jahre nach der Weltfinanzkrise erschien der Film Master of Universe. (Bauder 2013) Das Interview mit dem ehemaligen Investmentbanker Rainer Voss findet in beeindruckende Atmosphäre statt – einem leerstehenden Bankgebäude im Frankfurter Bankenviertel.
„Voss öffnet dem Regisseur die Tür in die Welt der Banken, die er als “Paralleluniversum” beschreibt. Er selbst nutzt die ausführlichen Gespräche mit dem Regisseur während der Dreharbeiten als Chance, das eigene Handeln Revue passieren zu lassen. Für die Zuschauenden ergibt sich daraus die einzigartige Möglichkeit, einen Blick auf das Innere eines Systems zu werfen, das Außenstehenden sonst verschlossen bleibt.“
Dok Leipzig (2014, S. 5)
Die vollständige Dokumentation ist auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos verfügbar.
Hier im Blog erscheint eine kleine Reihe mit den wichtigsten Aussagen:
1. Teil: Soziale Selektion im Finanzsektor
2. Teil: Aufstieg des internationalen Finanzmarktes
3. Teil: Bewertung moderne Finanzprodukte
Sechs Thesen zur sozialen Selektion im Investmentbanking waren besonders interessant:
1. Überhöhung der Händler
Die mediale Berichterstattung fokussiert sich meist auf die Händler bzw. Trader mit Finanzprodukten – wie sie ihre Deals abwickeln, mit Finanztiteln spekuliere sowie ihre Boni verjuxen. Aber das ist eine Fehlwahrnehmung. Sie beruht auf einen Geldfetischismus (Kleinwächter 2022) – der Gleichsetzung von Geld(geschäften) und Geldströme mit der gesamten Wirtschaft. Filme wie ´Wall Street`, in dem Michael Douglas den Investmentbanker Gordon Gekko spielte, prägten Image und Wahrnehmung dieser Berufsgruppe zusätzlich.
Die Führungskräfte der Banken haben kaum Interesse daran, den Mythos vom Elite-Trader, der das Schicksal der Welt bestimmt, zu widerlegen. Das Narrativ ist nützlich. Einerseits verschleiert es die realen Machtstrukturen der Finanzmärkte. Sowohl die Führungskräfte der Banken, als auch die Anteilseigner der Firmen und erst recht die Verknüpfungen mit den politischen Eliten bleiben unsichtbar.
„Selbst wenn man anguckt welche Semantik heute benutzt wird – ´Die Märkte`. Es gibt nicht ´Die Märkte`. Wir tun so, als wäre das irgendeine gotthafte Kraft die über uns hereinbricht. ´Die Bank` hat entschieden – nein – es entscheiden Menschen. Und wenn man den Menschen sagt, hör damit auf, dann hören die damit auf. Das muss man nur in der richtigen Art tun. Und wenn zum Beispiel ein Chef von einer großen Investmentbank morgen eine E-Mail rausschickt, wo drin steht, jeder Händler der noch Shorts hat in Spanien, Portugal, egal was – also gegen diese Staaten spekuliert, der fliegt am nächsten Tag raus.
Dann ist sofort Schluss damit.“
Bauder (2013; 01:21:30 – 01:22:20)
Andererseits dient es als Werbung um junge, gierige Menschen zu rekrutiere, die alle Kraft dem System geben. Die Händler sind nicht die bestimmenden Kräfte des Finanzmarktes – auch wenn sie so in Szene gesetzt werden und es wohl oft selbst glauben. Im Gegenteil, die Trader sind Angestellte, genauer: spezialisierte Vertriebler. Sie sind Getriebene des Systems.
„Die Leute unterschätzen, welche Funktion so ein Händler im Bankensystem spielt. Das ist ja keine Führungskraft. Das ist letzten Endes ein Chefschrauber am Band von Daimler. […] So ein Händler wird gut bezahlt, aber der hat keine Verantwortung, außer für seinen begrenzten Bereich. Das sind keine Manager, das sind Legehennen. […] Sie müssen jedes Jahr mehr Geld reinbringen. […] Es wird nicht gekuckt ob in diesem Markt Veränderungen gibt, […] die strukturell dafür sorgen, dass nicht so viel Geld verdient werden kann. Nein, das gibt es nicht. Jedes Jahr 10 % mehr – wie du das machst ist mir egal.
Das sind Sprüche die habe ich gehört.“
Bauder (2013; 29:00 – 31:20)
2. Selektion durch Arbeitsbelastung
Die Arbeit der Trader ist durch äußersten Druck in Form von nächtelanger Arbeit gekennzeichnet. 60, 70 und mehr Stunden Arbeit pro Woche sind normal. Diese enorme Arbeitsbelastung ist sowohl ein Instrument zur Profitoptimierung der Institute als auch ein soziales Selektionsinstrument. Nur wer sein Leben diesem Job unterordnet steigt in der Hierarchie auf. (Fast) Jeder der ´alternative` Werte entwickelt oder gar beginnt Zweifel am System zu hegen, wird sich das nicht antun.
„Bauer: Angenommen ich möchte reinkommen? Wie muss ich mich verhalten?
Voss: Auf jeden Fall ohne Murren die nötigen Schulterklappen sammeln. Die Schulterklappen sammelt man durch „one- oder two-nighter“. One nighter ist, wenn sie eine Nacht im Büro schlafen. Two nighter ist wenn sie zwei Nächte im Büro schlafen bzw. durcharbeiten. Wenn sie das dann genug gemacht haben, dann kommt irgendwann schon jemand auf die Idee sie mit größeren Aufgaben zu betrauen. Aber nur dann, wenn sie nicht den kleinsten Anschein eines Zweifels erwecken. Oder auch nur Andeutungsweise formulieren, dass es vielleicht ein paar Sachen gibt, die man anders machen könnten bzw. sollte. Politische Äußerungen bloß nicht. Bedingungslose Loyalität gegenüber der Organisation.
Sie müssen bereit sein ihr Leben aufzugeben – letzten Endes.“
Bauder (2013; 0:30 – 1:40)
Die soziale Selektion durch übermäßige Arbeit betrifft das gesamte soziale Umfeld – Ehepartner, Familie und Freundeskreis. Langfristig bleiben nur Personen mit ähnlichen Werten und Zielen. Zu allen anderen verliert sich der Kontakt.
„Bauer: Wie läuft so ein Two-Nighter ab?
Voss: Na ja – da kommt der Chef zu ihnen und sagt: ´Pass mal auf, ich habe hier was auf den Tisch gekriegt, wir müssen übermorgen bei Firma XYZ ein Konzept präsentieren mit welcher Finanzierung die 10% ihrer Aktien zurückkaufen können. Und eine Einschätzung wie das auf den Markt wirkt usw. Tut mir leid – ich weiß du hast heute Geburtstag und wolltest mit deiner Freundin Essen gehen, aber ich habe keine Ahnung wem ich das sonst geben kann.` Dann ist der im Sack. Dann setzt der sich hin und macht seine Power Points. Und Nachts um 02.00 Uhr schläft er dann am Schreibtisch ein, und um 05.00 Uhr wird er von der Putzfrau geweckt. Und dann geht es weiter. Nicht hinterfragen ob das Sinn macht, dass das Unternehme diese Aktien zurückkauft. Ganz blöde Idee.“
Bauder (2013; 01:40 – 02:40)
Im Interview deutet sich an, dass der Aufstieg nicht nur auf Leistung und nach außen getragener Loyalität beruht. Die Hierarchien sind steil, der Kündigungsschutz niedrig und die Fluktuation hoch. Nur wenige Personen entscheiden in intransparenten Runden über Fortkommen oder Entlassung. Zum Aufstieg gehört auch eine gehörige Portion Glück. Oder andersrum, diese Strukturen funktionieren auch wesentlich über Angst. Wer schwächelt bzw. der Führung nicht pass fliegt raus. Natürlich blenden die Helden- und Leistungsgeschichten vom eigenem Aufstieg beide Facetten – das Glück als auch die Angst – nahezu völlig aus.
„53, 54, 55 Jahre … das war es dann. Das findet ja ständig statt. Leute gehen weg weil sie einen besseren Job haben, Leute fliegen raus weil sie irgendeinen Scheiß gebaut haben […] Dann ist es schon so, dass man im Prinzip so überlegt wann bin ich denn dran. Das ist durchaus eine präsente Angst. […] Das wird natürlich auch zu einem Management-Instrument. Weil dadurch ein Druck erzeugt wird. Ich hatte mal einen Chef. Der hat gesagt, bei mir in der Abteilung gehen jedes Jahr 10 Prozent der Leute raus. Dann weißt du genau, du hast maximal 10 Jahre.“
Bauder (2013; 01:13:10 – 01:15:00)
3. Isolation durch soziale Abschottung
Die Trader unterwerfen sich selbst diesen Strukturen. Sie glauben daran und befeuern das System selbst. Zumal sie mit wachsendem Alter kaum noch Alternativen sehen.
„Man müsste jetzt eigentlich, wenn man normal funktioniert, sagen, wenn mein Beruf sowas mit mir macht, dann brauch ich einen neuen Beruf aber keine neue Familie. Aber in dem Beruf habe ich gedacht, der Beruf ist okay, ich brauche dazu nur eine passende Familie / Beziehung.“
Bauder (2013; 41:30 – 41:53)
Die Unternehmen verstärken die soziale Isolation gezielt – firmeneigene Kindergärten, firmeninterne Urlaube und Events, ´Freizeitgestaltung` mit Businesspartnern etc. Man trifft nur noch auf Gleichgesinnte. Wenn nicht bewusst gegengesteuert wird, befinden sich Trader schnell in einer sozialen Blase, in der ihre Arbeit alles bestimmt. Vom Beruf unabhängige Hobbies und damit verbundenen Bekanntenkreise aufzubauen ist schwer bis nahezu unmöglich.
„Wenn man wichtiger wird, dann wird auch zunehmend die Familie in den ganzen Kontext eingebunden. Soweit ich weiß, gibt es bei jeder größeren Bank, die was auf sich hält, eine Familienfeier. Wo Kinder und Ehepartner und alles was laufen kann zusammenkommt, um dann in der Vorweihnachtszeit Zeit miteinander zu verbringen. […] Wenn man in die Straße hinter der deutschen Bank geht, da ist ne Kita. Da sind nur Deutsche-Bank-Kinder drin. Die werden schon geformt, da können die gerade laufen. […] Aber es gibt da einen sehr engen Zusammenhalt. Und bei Veranstaltungen mit Kunden war ich mit meiner Frau auf Opernfestivals in London. Nicht als Belohnung für mich oder meine Frau, sondern weil das so organisiert war, dass man mit Kunden und ihren Frauen da hinfuhr.“
Bauder (2013; 44:15 – 45:27)
4. Isolation durch Luxus
Ein weiterer Faktor der Isolation ergibt sich aus dem luxuriösen Lebensstandard, den sich Menschen in solchen Positionen leisten können. Viele Probleme des Alltags werden in dieser Lebenswelt irrelevant. Dienstpersonal erledigt die Einkäufe, putzt, repariert und fährt das Auto, organisiert die Reisen, kümmert sich um Kinder, Haus und Garten etc. Der Kostenfaktor spielt eine mehr als untergeordnete Rolle. Geld ist genug da – von Seiten der Unternehmen bzw. eigenes.
„Das war zu den Hauptzeiten ein großes Thema. Ich würde mal sagen in einem Jahr rechnet man mit 280 Arbeitstagen – ich würde mal sagen die Hälfte war ich nicht zu Hause. Kann auch sein das mehr. Da hatten wir auch entsprechendes Hilfspersonal zu Hause, damit das nicht nur alles an meiner Frau hängenblieb.“
Bauder (2013; 45:30 – 45:55)
Damit fällt es auch zunehmend schwer Kontakte außerhalb der Arbeitswelt aufzubauen. Worüber will man reden? Zumal wenn verbindende gemeinsame Erlebnisse mangels Freizeit kaum stattfinden.
„Diese Abkopplung von gesellschaftlichen Prozessen ist quasi institutionalisiert. Sie können ja bei einem Abendessen überhaupt nicht über ihren Beruf reden. Wenn mir jemand gesagt hat, wir fahren jetzt mit Tui in den Urlaub, bei denen da ist es nochmal 200€ billiger.
Das sind Sachen über die habe ich mir keine Gedanken gemacht. Wenn sie 100.000€ im Monat verdienen, dann ist ihnen das egal. Sie haben quasi keine Interessensbasis mehr mit ihren [alten] Freunden.“
Bauder (2013; 39:00 – 41:30)
5. Klassische Rollenverteilung
Durch die Arbeitsbelastung bildet sich oft wieder eine klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern heraus. Denn ohne Partner*in, der sich um den Alltag sprich Haus, Familie, Kinder etc. kümmert, ist ein solches Leben nicht realisierbar. Die Hausfrauen-Ehe feiert fröhliche Urstände – oft verdeckt durch teure Hobbie der Frau.
Daraus entstehen auch Abhängigkeiten. Was bleibt wenn das Einkommen des Mannes wegbricht? Zumal wenn die überdimensionierten Immobilien, Autos etc. kreditfinanziert sind?
Die hohen Einkommen sind damit zum Teil auch wirtschaftlich notwendig. Der Ehepartner muss mitbezahlt werden. Und sie decken das Risiko des wirtschaftlichen Absturzes durch ein einseitiges Einkommen ab.
Auch die Beziehung zu den eigenen Kindern kann dann schnell belastet bzw. kaum existent sein. Voss weicht der Frage aus, wie es um die Beziehung zu seinen Kindern steht. Aber positiv klingen seine Antworten nicht. Die meisten Mütter von Tradern dürften sich als Alleinerziehende sehen. Viele Händler ziehen es wahrscheinlich vor erst gar keine Kinder zu haben. Die entstehenden DINKS (Double Income No Kids) haben eine noch stärke gesellschaftliche Vorbildfunktion beim Konsum. (Kleinwächter 2023)
6. Andere Branchen
In Folge der Selektion wird das eigene Handeln und daraus resultierende gesellschaftliche Konsequenzen immer weniger hinterfragt. Folge sind oft geschlossene Weltbilder. Diese sehen von außen sehr kraftvoll aus. Aber die ´Stärke` beruht wesentlich auf dem Ausblenden gesellschaftlicher Komplexität. Die Wahrscheinlichkeit eklatante Fehlentscheidungen zu treffen, steigt entsprechend an.
„Und deswegen mache ich mir auch keine Gedanken darüber, ob das, was ich in meinem Job mache, die Deals die ich abschließe … ob die irgendwelche Auswirkungen auf die Welt da draußen haben.“
Bauder (2013; 39:00 – 40:00)
Ebenfalls nimmt das klammern an Posten zu. Es gibt zu dem jetzigen Job kaum Alternativen – weder finanziell, noch vom Tätigkeitsprofil her. Entsprechend versuchen Menschen in solchen Positionen fast alles, um im Spiel zu bleiben. Insbesondere zeigt sich oft eine bedingungslose Loyalität – bis in den Untergang und selbst bei krassen Fehlentwicklungen.
„Bei den meisten Leuten – auch bei denen die ihren Job verlieren – steht eigentlich an oberster Stelle, wie kriege ich jetzt denselben Job so schnell wie möglich wieder. Und nicht die Frage, gibt es ein Lebensmodell, dass ich mir immer schon erträumt habe und jetzt habe ich eine Chance das mal auszubrobieren. […] Ich glaube, da werden noch viele geistig stark deformierten Leute irgendwie auf der Strecke bleiben. Weil die mit der eigenverantwortlichen Gestaltung außerhalb dieses Systems überfordert sind.“
Bauder (2013; 01:17:40 – 01:17:55)
Der Finanzsektor ist hier nur ein Sektor unter vielen in denen ähnliche Selektionsmechanismen wirken. Als weitere Sektoren wären insbesondere zu nennen – Politiker, Führungskräfte staatlicher Sicherheitsapparates, Personal der Spitzenforschung, Spitzensportler und Manager großer Unternehmen.
Die gesellschaftliche Diskussion wäre jetzt, solche Selektionsmechanismen zurückzunehmen. Für höhere Durchlässigkeit als auch kürzeren Verbleib zu sorgen. Ansätze dafür wären sicherlich die Begrenzung der Einkommen als auch das Hinwirken auf eine Begrenzung der Arbeitszeit. Die Diskussion um die 4-Tage-Woche ist damit auch ein Diskurs um die Frage, welche Selektionsprozesse von Eliten wollen wir.
Literaturverzeichnis
Bauder, Marc (2013): Der Banker – Master of the Universe. Marc Bauder (Regie). Berlin.
Dok Leipzig (V.i.S.d.P.); Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Hg.) (2014): DOK macht Schule. Master of the Universe.
Kleinwächter, Kai (2021): DINK – Double Income No Kid. zeitgedanken.blog. Potsdam.
Kleinwächter, Kai (2022): Geldfetischismus – Tanz ums goldene Kalb. zeitgedanken.blog. Potsdam.
wow!! 37Supermond
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