Die Bundesstatistik veröffentlichte eine aufschlussreiche Datenreihe zur Anzahl der jährlich fertiggestellten Wohnungen seit 1950. (Statistisches Bundesamt 29.06.2023) Diese erfasst sowohl neu gebaute Wohnungen in allen Kategorien von Wohn- und Zweckgebäuden als auch sanierte Wohnungen.
Hierzu fünf Bemerkungen:
1. Die Langzeit-Daten der Bundesstatistik beziehen sich bis ins Jahr 1990 nur auf die BRD. Die Wohnungsbautätigkeit der DDR wird nicht ausgewiesen. Eine befremdliche Auffassung deutscher Geschichte. Hat das „andere Deutschland“ keine Bautätigkeit gehabt?
Die in der obigen Grafik gezeigten Daten für die DDR wurden vom Autor anhand eines statistischen Jahrbuches ergänzt – herausgegeben von der Bundestatistik. (Statistisches Bundesamt 1993) Mangelnde Daten aus eigenem Hause sind nicht die Ursache für das Negieren der DDR.
2. Möglicherweise politisch gewollte oder zumindest nicht unangenheme Folge des Ausblendens der DDR ist eine Beschönigung der gegenwärtigen gesamtdeutschen Bauleistung. Die DDR baute durchschnittlich 83.000 – ab 1974 etwas über 100.000 Wohnungen pro Jahr. Wird diese Bauleistung in die gesamtdeutsche Statistik integriert, liegt die Anzahl der durchschnittlich geschaffenen Wohnung bei ca. 450.000 pro Jahr. Mehr als 10 Prozent über den von der Bundesstatistik bereits in der Überschrift ausgewiesenen Wert.

Damit lag die Anzahl der 2022 fertiggestellten Wohnungen (ca. 300.000 Wohnungen) um ein Drittel unter dem langjährigen Mittel. Von den 1950er bis 1970er Jahre schaffte sie gesamtdeutsche Bauwirtschaft in den meisten Jahren zwischen 600.000 und 700.000 Wohnungen. Eine mindestens doppelt so hohe Bauleistung im Vergleich zu heute.
3. Die gegenwärtig niedrige Bauleistung führte zu einer Unterdeckung von mindestens 700.000 Wohnungen. Diese noch optimistisch gerechnete Zahl geht aus einer Studie des Pestel Instituts und Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. im Auftrag des „Verbändebündnis soziales Wohnen“ hervor. (Günther 2023)
„Gegenwärtig ist von einer weiteren Zunahme der erwachsenen Bevölkerung [in Folge einer anhaltenden Nettozuwanderung] und einer, wenn auch abgeschwächten, weiteren Reduzierung der durchschnittlichen Haushaltsgröße auszugehen. Entsprechend wird die Zahl der Haushalte weiter zunehmen.
Die zweite Komponente des Wohnungsbedarfs liegt im Abbau der gegenwärtigen Wohnungsdefizite, die gerade im Jahr 2022 wieder auf etwa 700.000 Wohnungen angestiegen sind.
Der dritte Aspekt des Wohnungsbedarfs ist der qualitative Bedarf. Rund 10 Prozent des Wohnungsbestandes gelten als technisch/wirtschaftlich nicht sanierungsfähig und sollten bis 2045 ersetzt werden.
n der Summe ergibt sich bis zum Jahr 2045 ein Wohnungsbedarf in einer Größenordnung von 350.000 bis 400.000 Wohnungen je Jahr. Das Wohnungsbauziel der Bundesregierung von 400.000 Wohnungen je Jahr ist zu unterstützen, da die Defizite auch im Hinblick auf benachteiligte Gruppen möglichst schnell abgebaut werden müssen.“
Verbändebündnis „Soziales Wohnen“ (Günther 2023, S. 41)
4. Das politische Ziel von 400.000 Wohnungen pro Jahr wird sich in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht erfüllen. So bilanziert das ifo-Institut derzeit massive Krisenerscheinungen im Baugewerbe. Seit Frühjahr 2022 vollzieht sich ein deutlicher Anstieg der Stornierungen. (ifo institut 2023) In Folge klagen laut Umfrage des Forschungsinstitutes ca. 40 Prozent der Bau-Unternehmen über einen Mangel an Aufträgen. Ein Einbruch des Neubaugeschäfts ab 2024 ist absehbar.

Die Grafik des Ifo-Instituts zeigt einen sehr schnellen Anstieg der Problemlage. Antrieb ist eine gegenseitige Verstärkung konjunktureller als auch struktureller Ursachen. Bei einer Verfestigung steht zu befürchtet, dass die gesellschaftlich notwendige Bauleistung auf Jahre hinaus nicht erreicht wird.
Vor einer solchen Entwicklung warnt der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienbesitzer. Der Verband hält sogar ein (dauerhaftes) Absinken der Bauleistung auf 200.000 Wohnungen pro Jahr für möglich. Davon wäre insbesondere der soziale Wohnungsbau betroffen.
„Unter den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen können die sozial orientierten Wohnungsunternehmen nicht mehr in bezahlbaren Wohnungsbau investieren. Statt des Regierungsziels von 400.000 neuen Wohnungen muss mit immer weiter abnehmenden Wohnungsbauzahlen bis zu einer Fertigstellungszahl von nur 200.000 neuen Wohnungen jährlich gerechnet werden. Gleichzeitig schießen die Bau- und Modernisierungskosten weiter nach oben, während die Regierung den sozial orientierten Vermietern die Investitionsfähigkeit weiter kappt. Bezahlbares und klimaschonendes Wohnen für alle Menschen wird so immer mehr zu einem unerreichbaren Ziel“
Axel Gedaschko, Präsident des GdW (GdW, S. 1)
Gegenüber dieser Entwicklung wirkt die Bundesregierung hilflos. Sie hält sich an der Schuldenbremse fest und stellt kleinteiligste Änderungen der Bauordnung in Aussicht. (Linder 2023) Nach einer Lösung der strukturellen Probleme klingt das nicht. Milliarden gibt es wohl nur für die Bundeswehr.
5. Müsste die Wohnungspolitik der DDR nicht angesichts dieser negativen Aussichten historisch neu bewertet werden? Wenn damals ein „persistenter Wohnungsmangel [das] Scheitern der sozialistischen Wohnungspolitik“ bezeugte (Rink 2020) – was bezeugt der Mangel dann heute?
Literaturverzeichnis
GdW: Pressemitteilung Nr. 21/23 vom 03.07.2023. Bezahlbares Bauen und Wohnen in der Krise – Regierung muss alle Register für bezahlbaren und klimaschonenden Wohnungsbau ziehen. Berlin.
Günther, Matthias (2023): Bauen und Wohnen in der Krise. Aktuelle Entwicklungen und Rückwirkungen auf Wohnungsbau und Wohnungsmärkte. Berlin.
ifo institut (Hg.) (2023): ifo Konjunkturumfrage – 21. August 2023. Neuer Rekord beim Auftragsmangel im Wohnungsbau.
Linder, Matthias (2023): Krise im Wohnungsbau. ifo-Institut warnt vor Rekord-Auftragsmangel. Hannover: Telepolis.
Rink, Dieter (2020): Lange Wege der Deutschen Einheit. Wohnen. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Berlin.
Statistisches Bundesamt (1993): Sonderreihe mit Beiträgen für das Gebiet der ehemaligen DDR. Heft 2 Wohnungsbau und Wohnungsbestand. Wiesbaden.
Statistisches Bundesamt (29.06.2023): Pressemitteilung Nr. N041 vom 29. Juni 2023. Seit 1950 wurden in der Bundesrepublik Deutschland durchschnittlich 405 000 neue Wohnungen pro Jahr fertiggestellt. Wiesbaden.
Weitere Informationen zum Urheberrecht unter Kontakt/Impressum/Lizenz.
Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

Ein Gedanke zu “Fertiggestellte Wohnungen in Deutschland”