Beim Lesen von Büchern bauen sich Emotionen auf – Traurigkeit, Freude oder auch wohlige Nostalgie. „Die neue Entfremdung“ von Jessy Wellmer regt mich auf. Schwierig, wenn man sich vorgenommen hat, alle Bücher die man liest auch zu besprechen.
Ich versuche es trotzdem – es hat ja auch was Therapeutisches seine (negativen) Emotionen aufzuschreiben. Es wird polemisch und deutlich zu lang. Aber das gehört wohl zur Selbst-Therapie dazu. (https://alles-du.de/alle-gefuehle-zulassen)
Inhalt des Buches
Jessy Wellmer veröffentlichte 2024 ein Buch über die Beziehung von Ost- und Westdeutschen. Ihr Ziel: „Suche nach einem Weg, wie die deutsche Vereinigung doch noch gelingen könnte.“ (Wellmer 2024, Klappentext) Ein großer Anspruch.
Die Reichen sind das Volk
Die Theorie der Nicht-Entscheidung ist ein kritischer Analyseansatz. (Kleinwächter 2025b) Er fragt nicht was ist, sondern was wurde schon vorher ausgesondert, um es erst gar nicht zur Entscheidung zu stellen. Wird dieser Ansatz auf das Buch von Wellmer angewendet, fällt vor allem auf, dass sie fast die gesamte deutsche Bevölkerung ausblendet. Sie bleibt in einem Getto der Reichen, das sie für das Volk hält.
Aber die deutsche Gesellschaft besteht aus einer nahezu unübersehbaren Vielfalt an demographischen, sozialen, ökonomischen und ethnischen Subgruppen, die sich auf eine noch größere Vielfalt politischer und religiöser Strömungen verteilen. Fast alle sind in Wellmers Buch abwesend. Ihr Bild von Deutschland hat mit der Realität wenig zu tun. Entsprechend gelingt es ihr nicht, die aktuellen Probleme zu benennen, geschweige denn zu analysieren.
Ethnische Ausblendung – Es gibt keine Ausländer
Mindestens 25 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Was sind ihre Positionen zum Ost-West-Konflikt? Wir erfahren es nicht, denn diese Menschen kommen im Buch nicht vor. Wellmer gibt ihre Ansichten vor allem in Form persönlicher Anekdoten wieder – habe dort einen Film gemacht, hier mit meinen Freundinnen gesprochen, bei meinen Kindern in der Schule passiert folgendes usw. Eine persönliche Geschichte von ihr mit deutschen Migranten / Ausländer ist mir nach der Lektüre nicht in Erinnerung. Schon interessant, zumal immer wieder betont wird, wie wichtig Auslandsreisen sind, wie viel Freiheit diese bedeuten, wie bereichernd doch Zuwanderung ist …
Soziale Ausblendung – Es gibt keine Armen
Im Buch von Wellmer gibt es keine Unterschicht und auch keine als solche bezeichneten Super-Reichen – nur wohlhabende und sehr wohlhabende Mittelschichten. Ihre Anekdoten handeln von CEOs, erfolgreiche Selbstständigen mit zig Angestellten, Ärzten, Professoren, Gymnasial-Lehrern, Chefredakteuren, erfolgreiche Künstlern, Ministerialbeamten und Spitzen-Politikern.
Über Menschen ohne Studium in Alltags-Berufen wie Industriearbeiter, Krankenschwester oder Sachbearbeiter, über Behinderte und chronisch Kranke sowie über arme, sozial abgestürzte oder auch nur arbeitslose Menschen gibt es wohl nichts zu erzählen. Sie kommen im Buch nicht vor. Bei den ein, zwei zitierten Menschen ohne Studium wird entschuldigend ergänzt, dass sie ja nicht studieren konnten, weil die DDR es ihnen verboten hatte. Aber wären sie im Westen gewesen …
Insbesondere Armut und soziale Probleme wirken bei Wellmer wie eine Pflichtübung. Sie werden erwähnt, als ganz schlimm bezeichnet, besonders damals in den 1990ern in Ostdeutschland, und dann festgestellt, dass was dagegen getan werden sollte.
Aber armen Menschen eine Stimme geben … ihre politischen Positionen zitieren … Statistiken anführen, das über 15,5 Prozent der Bevölkerung betroffen sind (Kleinwächter 2025a) … in ihre Lebenswelten eintauchen … oder gar konkrete Maßnahmen aufzeigen, wie man Armut reduzieren könnte … Das alles macht Wellmer nicht. Stattdessen immer wieder die Betonung wie wohlhabend viele (?) inzwischen sind, wie gut es uns (?) geht, wie frei wir (?) sind …
Ihr Kontrastprogramm ist der Blick nach oben. Mehrfach schreibt sie von Student*innen der Mittelschicht (!) deren Eltern ihnen zum Beginn des Studiums eine Eigentumswohnung in Großstädten wie Berlin und Köln schenken. (u.a. S. 236) Und die auch bessere Karriere-Chancen hätten.
Wer ist finanziell in der Lage seinen Kindern Eigentumswohnungen in Großstädten zu schenken? Ja, es gibt diese Schicht – es sind die oberen 1 bis 5 Prozent der Vermögenden. Das ist nicht der Mittelstand wie Wellmer suggeriert. Man fühlt sich an Friedrich Merz erinnert, der sich mit zwei privatem Flugzeugen und Millionen-Vermögen für „gehobenen Mittelstand“ hält. (Böcking und Hesse 2018)
Politische Ausblendung – Nur die demokratische Mitte
Jessy Wellmer berichtet von und über Menschen aus der „politischen Mitte der Gesellschaft“. Wozu für sie explizit weder Anhänger der LINKEN, des BSW noch der AfD gehören. Parteien wie die KPD, die Biertrinkerunion, Die Partei oder auch Die Heimat werden erst gar nicht aufgeführt.
„Auch im Osten gibt es eine Mitte. […] In Ostdeutschland haben 2021 bei der Bundestagswahl 60 Prozent der Wähler für SPD, CDU, FDP und Grüne gestimmt.“
Jessy Wellmer (2024, S. 210)
Wellmer betont immer wieder, wie wichtig die Zivilgesellschaft ist. Aber politisch Aktive jenseits parteinaher Vorfeldorganisationen der Mitte-Parteien finden keine Erwähnung. Es gibt im Buch keine (aktiven) Punks, Skins, Hausbesetzer, Skater, keine Radikal-Pazifisten, Ökofanatiker, Prepper, religiöse Extremisten oder Sektenmitglieder … Sie alle sind wohl mit den „Unzufriedenen“ gemeint, mit denen man nicht reden kann und meist auch nicht sollte. Positionen aus diesen Spektren werden, wenn sie überhaupt erwähnt werden, durchweg verkürzt und abwertend wiedergegeben.
„[Mit denen aus] dem Rechten-Club im Plattenbauviertel der Südstadt […] hatte ich nichts zu tun. Ich weiß nicht, aus was für Familien die kamen. Ich habe um [… solche] Typen mit rechten Haarschnitten und Springerstiefeln […] immer einen großen Bogen gemacht. Ich kann also auch nicht sagen, was aus ihnen geworden ist. Ich habe keine Ahnung, ob sie in der Gegend geblieben oder in den Westen gegangen sind. Ob sie sich als Ostdeutsche benachteiligt fühlen oder immer noch ihre Parolen schreien.“
Jessy Wellmer (2024, S. 160)
Wäre es nicht die Aufgabe einer Journalistin, für die „miteinadner reden“ die Lösung der Probleme ist, genau diese Lücke zu füllen? Aber Jesse Wellmer schreibt ja hier über das Volk, und nicht über den Pöbel. (Siehe Karikatur)
Übrigens wird auch die gesamte politische DDR außerhalb des Privatlebens ausschließlich negativ bewertet. Es könnte ja hier eine Alternative entstehen, die unangenehm wäre.
„Ich weiß, im Hinblick auf die Gleichstellung zwischen Mann und Frau ging es in der DDR in erster Linie um arbeitsmarktpolitische Interessen, nicht um eine feministisch motivierte Politik. Und von wirklicher Gleichstellung konnte auch in der DDR am Ende keine Rede sein. Die alten Männer in ZK und Politbüro waren eben – Männer.“
Jessy Wellmer (2024, S. 182)
Funktion der Ausblendung
Im Buch von Jessy Wellmer werden keine alternativen Positionen dargestellt. Ihre Sicht auf die Geschichte von der weitgehend geglückten Einheit und den undankbaren Ossis (und ein paar ignoranten Wessis) wird singulär. Eine echte Auseinandersetzung mit auch nur einigen der obigen „Randgruppen“ hätte zu Kontrasten geführt, die nicht erwünscht waren.
Darum braucht es auch keine tiefere politische Auseinandersetzung mit irgendeinem konkreten politischen Thema – Keine konkreten Vorschläge für Veränderungen des Rentensystems, des Gesundheitssystems, des Steuersystems, der Wirtschafts- und Bildungspolitik … sowie natürlich auf gar keinen Fall für eine andere Migrations- und Außenpolitik. Nichts davon wird im Detail auseinandergenommen, zu nichts davon gab und gibt es echte Alternativen. Nur falsche Einstellungen über die man reden müsste, um sie letztlich zu korrigieren.
Bei allen großen Diskussionen der letzten Jahre, ob Wiedervereinigung / Treuhand, Weltwirtschafts- und Euro-Krise, Flüchtlingskrise, Corona-Pandemie, Ukrainekrieg … wurde laut Wellmer zwar ein paar kleine Fehler (u.a. aus Gedankenlosigkeit (S. 236)) gemacht, aber immer war die durchgeführte Politik im Grunde alternativlos und auch richtig. Kritiker sind unseriöse Radikale, die der Propaganda von Putin, der SED, der AfD … erlegen sind, schlicht nicht in der Realität ankommen wollen oder vergangenen Zeiten hinterhertrauern.
„Der Westen wurde da als eine ´Ellenbogengesellschaft` dargestellt, der Kapitalismus sei gnadenlos, hieß es, es herrsche das Großkapital. Wer heute so denkt, fühlt sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens, sondern als ohnmächtiger Zuschauer. Ein Problem, das auch im Westen inzwischen weit verbreitet ist.“
Jessy Wellmer (2024, S. 153)
Große Worte – aber woher kommen die vielen subjektiven und auch realen Verlierer? Was hätte anders laufen müssen bzw. was muss sich ändern, um diese Menschen zurückzuholen? Wie sähe ein besseres Deutschland aus? Wellmer stellt solche Fragen erst gar nicht. Darum braucht sie auch keine Antworten jenseits – „wir müssen mehr miteinander reden“.
Das beste aller Deutschlands!
Jessy Wellmer schreibt letztlich konsequent aus der politischen Sicht der weißen, großstädtischen oberen Prozente der Gesellschaft. Sie ist tief durchdrungen von einem umfassenden Materialismus. Die Frage insbesondere an erfolgreiche (sprich reiche) Ostdeutsche: Wieso beschwert ihr euch? Euch geht es doch materiell besser als früher.
„Mit zunehmendem Alkoholspiegel wird die Wessi-Abgrenzung immer deutlicher, und schließlich ist jedes mal klar, dass die Westdeutschen erstens doof und zweitens an allem schuld sind. […]
Die Teilnehmer sind [aber] keine arbeitslosen Ingenieure, die das Arbeitsamt zum Müllsammeln schickt, sondern gut verdienende Mittelschicht […] die die Chancen genutzt hat, die Wohlstand und Weltläufigkeit erworben hat.“
Jessy Wellmer (2024, S. 194)
„Ich kenne einen gleichaltrigen Arzt in einer ostdeutschen Großstadt, der sich ein Penthouse mit Blick über die Altstadt leisten kann, einen dicken Audi vor der Tür stehen hat und Weltreisen unternimmt, aber trotzdem der Meinung ist, dass ihm als Ostdeutscher Unrecht geschieht. […] Das ist schon bemerkenswert, weil seine Eltern auch Ärzte sind und einkommenstechnisch nach dem Zusammenbruch der DDR einen irren Sprung gemacht haben.“
Jessy Wellmer (2024, S. 163)
Polemisch zusammengefasst: Wer reich ist, muss diesem System zustimmen. Denn er ist doch reich. Was will man mehr? Und wer arm und ungebildet ist, der hat wohl nicht die Chancen genutzt einen vermögenden Westdeutschen zu heiraten und Karriere im staatlich finanzierten Rundfunk zu machen – wie Jessy Wellmer. Und wird darum auch mit Nichtbeachtung bedacht. (Dazu ausführlicher beim Blogeintrag „Warum jammert der wohlhabende Ostdeutsche?“ (Kleinwächter 2025c))
Ich frage mich – wer ist hier vom wem entfremdet: Ost- von Westdeutschen oder doch eher eine abgehobene (Finanz-)Elite von der übrigen Bevölkerung. Wobei natürlich grundsätzlich die anderen das Problem sind und sich falsch verhalten. Und nicht die materiellen Eliten selbst.
„Was passiert, wenn Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Ostdeutsche sich aus der berühmten ´Mitte der Gesellschaft` verabschieden, in der sie gerade angekommen waren, und sich an die politisch extremen Ränder begeben. […] Ich will nicht dabei zusehen, wie sich viele aus meinem Bekanntenkreis, zurückziehen in ihre [H.i.O.] Realität, wie sie sich abkapseln – auch von mir.“
Jessy Wellmer (2024, S. 12)
Nichtentscheidung – Es gibt keine Alternative
Das Buch ist ein gutes Beispiel wie Nicht-Entscheidung implementiert wird. Alternativen werden unsichtbar gemacht und wenn das nicht möglich ist, pauschal diffamiert. Es gibt für die vielen Jessy Wellmers in Deutschland keine Alternative zur herrschenden Politik oder gar zum Geschichtsverlauf. System-Alternativen auch nur anzubieten ist unseriös. Wir „Menschen der Mitte“ können über alles reden – nur ändern wird sich nichts (Wesentliches) – denn es gibt ja keine realistischen Alternativen. Und diese Botschaft wird vom Spiegel so lange beworben, bis sie in der Bestellerliste ganz oben steht.
Und wenn wir reden, dann bitte höflich und sachlich. Friedliche Demonstrationen, wo es keinen stört, sind noch gerade tolerabel. (Interessant: Auch Organisationen wie „Die letzte Generation“ oder Femen finden sich nicht in dem Buch.) Aber schon das Wählen von Parteien jenseits der „Mitte“ oder ein Auftreten wie von Dirk Oschmann lehnt sie grundsätzlich ab. Radikalere Positionen werden gleich ganz ausgeblendet.
„Denn Oschmann gibt dem Zorn im Osten Worte. Meines Erachtens stärkt er damit das falsche Selbstbewusstsein, das sagt: Wir können nichts dafür, der Westen ist schuld daran, dass wir uns so mies und abgehängt fühlen. Wolf Biermann nennt das ´aggressives Selbstmitleid`. Oschmanns Buch hat nichts Vermittelndes, [… bei ihm] soll überhaupt nichts leuchten (außer der Wut des Autors).“
Jessy Wellmer (2024, S. 196)
Es wird sich nichts ändern. Es darf sich nichts ändern… Nur leider ändert sich gerade alles in rasanten Schritten … und Jessy Wellmers bleibt ratlos zurück …
Literaturverzeichnis
Böcking, Daivd; Hesse, Martin (2018): Warum Merz nicht zur Mittelschicht gehört. In: Spiegel, 15.11.2018.
Kleinwächter, Kai (2025a): Stabilisierung der Armut. zeitgedanken.blog. Potsdam.
Kleinwächter, Kai (2025b): Theorie der Nicht-Entscheidung. zeitgedanken.blog. Potsdam.
Kleinwächter, Kai (2025c): Warum jammert der wohlhabende Ostdeutsche? zeitgedanken.blog. Potsdam.
Wellmer, Jessy (2024): Die neue Entfremdung. Warum Ost- und Westdeutschland auseinanderdriften und was wir dagegen tun können. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Bildangabe: Bruno Paul, „Der – Die – Das“ (1897). Zeichnung veröffentlicht in Simplicissimus, Jg. 2, Heft 6 (1897), S. 41. Klassik Stiftung Weimar a.o., Simplicissimus Online-Edition, www.simplicissimus.info. Heruntergeladen von German History in Documents and Images [12.07.2025]. Lizenz: Gemeinfrei.
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Ein Gedanke zu “Nicht-Entscheidung im Ost-West-Konflikt”