Lebenserwartung und soziale Spaltung in Deutschland

In Deutschland dominiert seit den 1980er Jahren eine monetaristische Politik. In der Folge stiegen die regionalen sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede. Der Aufholprozess Ostdeutschlands nach 1990 verdeckte diesen Prozess auf statistischer Ebene teilweise.

Ebenfalls führte die neoliberale Weiterentwicklung des Sozialstaates, zu einer stärkeren Kopplung der Lebensqualität sowohl an das individuelle Vermögen bzw. Einkommen sowie an die Finanzkraft des Bundeslandes bzw. der Kommune. Weitere Faktoren wie Digitalisierung oder umfassendere Migrationsbewegungen differenzieren die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ weiter aus. (Troeger-Weiß 2022)

Diese Auseinanderentwicklung der Lebensverhältnisse zeigt sich insbesondere bei der Lebenserwartung. Das Robert Koch Institut konstatiert nüchtern:

Ost-West nur eine Linie untern vielen

Der Ost-West-Gegensatz ist dabei nur eine geographische Facette der wirtschaftlichen und sozialen Spaltung Deutschlands. So gibt es auch ein Nord-Süd-Gefälle und ein Stadt-Land-Umland-Gefälle. Tendenziell konzentriert sich die Armutsbevölkerung in den Städten, die ländlichen Räume leben eher auf mittleren Niveau und das Umland der Großstädte ist am wohlhabendsten – neben einigen Bezirken in den Städten. Weniger stark ausgeprägt ist das Gefälle zwischen Grenzregionen und Kerngebieten. Dieses ist besonders in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und NRW auf der Karte zu erkennen.

Damit taugt der einseitige Gegensatz „wohlhabender Westen“ und „armer Osten“ nur noch begrenzt zur Analyse gegenwärtiger Probleme. So gibt es im wohlhabenden Bayern Städte, in denen das durchschnittliche Einkommen der Einwohner dem ostdeutschen Niveau ähnelt. Beispielsweise lag 2022 in Augsburg das durchschnittliche Jahreseinkommen bei ca. 23.200 € pro Einwohner – leicht unter dem Niveau Dresdens (23.290€). Auch die sozialen Probleme von Hamm (21.300 €) und Duisburg (19.210 €) in NRW oder von Delmenhorst (20.500 €) in Niedersachen sind wohl größer als die von Potsdam-Mittelmark (27.000 €) in Brandenburg. (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen 2022) (Interaktive Karten: Alle Kreise können angeklickt werden.)

Hinzu tritt eine Ungleichheit auf lokaler Ebene. Insbesondere Städte spalten sich teilweise entlang von Straßenzügen, Autobahnen oder natürlichen Hindernissen wie Flüssen in Arm und Reich. Prozesse der Gentrifizierung führen zu Gebieten, die zunehmend nur noch von homogenen Gruppen bewohnt werden. In der Zeit wurde 2023 eine interessante Analyse der 100 größten Städte veröffentlicht. Die grafischen Darstellungen der Einkommensverteilungen stimmen nachdenklich. (Bauer et al. 2023)

Lebenserwartung und Wirtschaftskraft

Die Differenzierung der regionalen Wirtschaftskraft spiegelt sich auch in der Lebenserwartung auf Ebene der Kreise wieder. Spitzenreiter sind süddeutsche Städte wie München und Stuttgart. Die durchschnittliche Bevölkerung in Städten wie Bremen, Dortmund und Essen wird inzwischen weniger alt, als die Bevölkerung in Leipzig und Berlin. (Rau und Schmertmann 2020) [inklusive weiterer interessanter Grafiken und statistischen Details]

Laut Rau und Schmertmann beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung bei Männern inzwischen mehr als 5 Jahre – Wenn man das Schlusslicht Bremerhaven mit dem Spitzenreiter „Münchner Umland“ vergleicht. Treten soziale Faktoren wie Einkommen und Bildungsstand hinzu, leben wohlhabende Männer in wirtschaftsstarken Regionen wahrscheinlich mehr als zehn Jahre länger, als Arme in Regionen mit „Strukturschwäche“. Hier von einer Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse zu sprechen, wirkt schon fast wie Hohn.

Bildrechte

Grafik 1: Jährliches Verfügbares Einkommen privater Haushalte in Deutschland nach Kreisen. Bildschirmfoto. Autor: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (2022).

Grafik 2: Lebenserwartung nach Kreisen. Autor: Rau, Roland; Schmertmann, Carl P. (2020).

Literaturverzeichnis

Bauer, Jakob; Blickle, Paul; Ehmann, Annick; Faigle, Philip; Peter, Valenti; Schach, David et al. (2023): Die Muster der Ungleichheit. In: Zeit Online, 30.01.2023.

Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (Hg.) (2022): Der Deutschlandatlas. Verfügbares Einkommen. Berlin.

Rau, Roland; Schmertmann, Carl P. (2020): Lebenserwartung auf Kreisebene in Deutschland. District-level life expectancy in Germany. Deutsches Ärzteblatt. Berlin.

Robert Koch Institut (Hg.) (2024): The Lancet Public Health: Kürzere Lebenserwartung in benachteiligten Regionen – Ungleichheit hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Berlin.

Troeger-Weiß, Gabi (2022): Gleichwertige Lebensverhältnisse. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn.

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Bei Interesse können die statistischen Daten für die Grafiken per Mail zugesandt werden.

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