Arbeitsmarkt – Stand – Entwicklung

letzte Aktualisierung Mai 2018
Ursprung: Frühjahr 2014

Monatlich veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die neuesten Zahlen zur Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes. Darin wird meist von Belebung und Fortschritten zu hören sein. Allerdings beruhen diese Einschätzungen auf eher kurzfristigen statistischen Daten. Eine realistische Betrachtung des Arbeitsmarktes muss tiefgründiger in die Vergangenheit schauen. Dabei zeigt sich, dass die bisherige Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland in vier Phasen verlief:

Arbeitsloenquote in Deutschland 1960 - 2017

1950 – 1960: Anhaltender Rückgang

Der Arbeitsmarkt war Anfang der 1950er Jahre gekennzeichnet durch eine hohe Massenarbeitslosigkeit. Die Ursachen lagen in den Nachwirkungen des II. Weltkrieg sowie der Zuwanderung von Deutschen aus Osteuropa und dem Balkan. Allerdings ging die Arbeitslosigkeit in Folge des Wirtschaftsaufschwunges rasch zurück. Die Anzahl der Arbeitslosen reduzierte sich bis 1960 von mehr als 1,8 Millionen auf unter 300.000. Dabei sank die Arbeitslosenquote 1959 erstmals unter die drei Prozent Marke.

1960 – 1973: Vollbeschäftigung

Die Höhe der Arbeitslosenquote pendelte in dieser Phase zwischen ein und zwei Prozent. In den Jahren 1965 und 1970 registrierten die Arbeitsstatistiken die historisch niedrigsten Werte – weniger als 150.000 Menschen waren offiziell arbeitslos gemeldet. Das entsprach einer Quote von 0,7 Prozent. Selbst in Folge der Wirtschaftskrise 1967 stieg die Anzahl der Arbeitslosen nicht über 500.000. Die Bundesregierung reagierte auf die Überbeschäftigung des Produktionsfaktors mit einer gezielten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Von 1955 bis 1968 schloss die BRD Anwerbeabkommen mit neun Staaten (Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien, Jugoslawien). Heutige Statistiken gehen von einer dadurch stimunlierten langfristigen netto Arbeitsmigration von ungefähr 2,6 Millionen Menschen aus.

Anzahl Arbeitslose Deutschland 1950 - 2017

1974 – 2005: Anstieg strukturelle Arbeitslosigkeit

Innerhalb von zwei Jahren nach der ersten Erdölkrise stieg die Anzahl der Arbeitslosen von 270.000 auf über eine Million. Der Arbeitsmarkt ist seitdem durch eine strukturelle (Massen-)Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die Anzahl der Arbeitslosen, als auch die Quote nahmen kontinuierlich zu. In Folge entwickelten sich mit jedem Jahrzehnt höhere Schwellenwerte, unter die die Arbeitslosigkeit nicht mehr sank. Bis Mitte der 2000er Jahre wurde dauerhafte Arbeitslosigkeit und damit der Ausschluß von Teilen der Gesellschaft für ca. 3,5 Millionen Menschen trauriger Dauerzustand.

Arbeitsmarktschwellen 10960 - 2017

Ab 2006: Rückgang bei Zunahme sozialer Probleme

Den bisher höchsten Wert erreichte die Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 mit durchschnittlich 4,8 Mio. Arbeitslosen. Ohne wirtschafts-politische Gegenmaßnahmen hätte sich wahrscheinlich eine neue Schwelle am Arbeitsmarkt mit mindestens vier Mio. Arbeitslosen bzw. einer Mindestquote von acht Prozent etabliert. Besonders in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit stabil um die 20 Prozent lag, manifestierten sich erhebliche volkswirtschaftliche und soziale Problemlagen. Damit stand und steht bis heute die Frage, wie viel Arbeitslosigkeit und damit Armut bzw. Abhängigkeit vom Sozialstaat das politische System in Deutschland dauerhaft ertragen kann?

Regionale Arbeitslosenquoten Ost- und Westdeutschland 1991 - 2017

Spätestens gegen Ende der 1990er Jahre wuchs der sozial-politische Druck, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die wirtschafts-politischen Maßnahmen der Schröder-Regierung – Stichwort „Agenda 2010“ – sollten eine Antwort formulieren. Sie waren im Kern eine radikale Fortschreibung der monetaristischen Konzepte, die seit den 1980er Jahren in Deutschland an Einfluss gewannen. Alternative Ansätze setzten sich nicht durch.

Mit der Implementierung der Reformen geht die Arbeitslosigkeit seit über zehn Jahren kontinuierlich zurück. Gleichzeitig konnte die Zahl der Erwerbstätigen um ca. vier Millionen erhöht werden. Allerdings dürfen hier die Erfolge dieser Wirtschaftspolitik nicht überbewertet werden. Die Absenkung wurde mit zunehmenden sozialen Härten erkauft. Hier ist es wichtig die Effekte der viel diskutierten „Hartz-Gesetze“ nicht singulär zu betrachten. Sie entfalten ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel mit weiteren wirtschaftspolitischen Maßnahmen.

So erfolgte parallel zu einer deutlichen Absenkung der realen Sozialleistungen, der Aufbau eines umfassenden Niedriglohnsektors. Gleichzeitig übten die Ausweitung der Zeitarbeit, die Öffnung des Arbeitsmarktes nach Osteuropa und die seit den 1990er forcierte Zerschlagung der Flächentarife, erheblicher Druck auf die Löhne aus. Damit entstand eine bis heute anhaltende Lohnspreizung, die mit einer flächendeckenden Absenkung der Arbeitsentgelte einhergeht. Insbesondere das untere Drittel der Bevölkerung verdient gegenwärtige weniger als Mitte der 1990er Jahre.

Trotz der sozialen Ungleichgewichte erreichten die Maßnahmen bisher „nur“ eine Rückführung der Arbeitslosigkeit auf das Niveau von Anfang der 1990er Jahre. Neue sozio-demographische Daten lassen die Herausbildung einer neuen Schwelle bei ca. 2,5 Millionen Arbeitslosen vermuten. Die aktuelle Politik stößt damit an Systemgrenzen.

Sinkende Arbeitsstunden

Interessanterweise haben die seit fast drei Dekaden praktizierten neo-liberalen Wirtschaftskonzepte bisher nicht zu einer Zunahme der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden  geführt. Sie liegt derzeit, inklusive Überstunden sowie der Arbeitsleistung von Selbstständigen und Familienangehörigen unter dem Niveau von 1991. Da sich gleichzeitig die Anzahl der Erwerbstätigen um ca. 50 Prozent erhöhte, ging die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigen deutlich zurück. Ein Trend der seit den 1960er Jahren anhält. Inzwischen liegt die wöchentliche Arbeitszeit bei unter 30 Stunden.

Erwerbstätige und geleistete Arbeitsstunden

Eine Absenkung der durchschnittlichen Stundenzahl ohne entsprechenden Lohnausgleich – der bis in die 1980er Jahre stattfand – bedeutet real eine deutliche Verschlechterung der Einkommen breiter Kreise der Bevölkerung. Armut trotz Arbeit wird damit von einem Randphänomen zur Massenerscheinung. Damit ist aber die Aussagekraft dieser Statistik über die soziale Situation kritisch zu hinterfragen.

Quellen für Statistik Arbeitsmarkt

Sozialpolitik aktuell (Hrsg.): Datensammlung Arbeitsmarkt; Universität Duisburg Lehrstuhl Prof. Dr. Gerhard Bäcker.
Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Zeitreihe zur Arbeitslosigkeit seit 1950 nach Strukturmerkmalen.
IAB (Hrsg.): Zeitreihe – Daten Arbeitszeiten 1991 – 2017; Nürnberg: 2018.
IAB (Hrsg.): Durchschnittliche Arbeitszeit der beschäftigten Arbeitnehmer und ihre Komponenten 1970 – 2017; Nürnberg: 2018.

Kunstwerk des Eintrages

François-André Vincent (1746 – 1816)La Leçon de Labourage (Lizenz: Gemeinfrei)

François-André Vincent - La Leçon de labourage

Ein wunderschönes Bild in physiokratischer Lehre. Ein Landwirt – ganz im Stile der älteren emblematischen Symbolisierung von “Labor” und mit Handstellung des Schöpfers in Michelangelos “Erschaffung Adams” – unterrichtet einen Knaben aus der sterilen Klasse in der Führung eines Pfluges, den allein die Vertreter der produktiven Klasse – der Landwirtschaft – wirklich zu führen wissen.
Prof. Klaus Türk – Archiv Bilder der Arbeit


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